«Banken müssen digital ausbauen»

Der Margendruck werde Banken zwingen, ihr digitales Angebot auszubauen, sagt Crealogix-CEO Bruno Richle im cash-Interview. Die Aktie des Bankensoftwareherstellers sei deshalb ein «Buy-and-Hold» für die nächsten Jahre.
04.03.2013 06:00
Interview: Pascal Meisser
Crealogix-CEO Bruno Richle im Interview mit cash.
Bild: cash

cash: Herr Richle, wenn man von Grossbritannien und Europas Norden absieht, sind Banken weiterhin zurückhaltend bezüglich Ihren Softwarelösungen für die digitale Bank von morgen - die so genannten Bank 2.0. Weshalb?

Bruno Richle: Banken sind nicht die Innovationstreiber auf dieser Welt. Ich vergleiche es so: Unternehmer sind spezialisiert darauf, Chancen zu managen, Banker  sind darauf getrimmt, Risiken zu managen. Es braucht darum meist eine Grossbank, die es sich leisten kann, etwas Neues zu probieren und vorprescht und die anderen Institute dann als Follower nachzieht.

Ist der Markt für neue digitale Bankdienstleistungen noch nicht bereit?

Die Bankkunden sind näher an unserer Vision als die Banken selbst. Die Kunden sind sich inzwischen an den Umgang mit Web 2.0 sowie Social Media gewohnt, und sie möchten Dienstleistungen mobil konsumieren. Die Banken hingegen liegen stets einen Schritt zurück.

Wo sehen Sie die Gründe dafür?

Die Schweizer Banken sind mit ihren Hausaufgaben beschäftigt, weil sie feststellen, dass sich ihre bewährten Wertschöpfungsketten im Universal-Bankgeschäft nachhaltig verändern. Oftmals vernehme ich von Bankenseite auch, dass man mit E-Banking heute zwar kein Geld verdient, der angerichtete Schaden aber sehr gross werden kann, wenn das Onlineangebot nicht rund um die Uhr makellos verfügbar ist. Der ständige Druck auf die Margen wird die Banken aber dazu bringen, sich weitere Kostenüberlegungen anzustellen und damit auch in Richtung digitale Bank, sprich kostengünstige Online Services, weiter zu investieren.

Derzeit pusht die UBS ihre E- und Mobile-Banking-Angebote flächendeckend mit Werbung. Das Bewusstsein ist doch vorhanden?

Teilweise ja. Die UBS übernimmt derzeit mit ihrer Mobile Banking Kampagne eine Leaderrolle, nachdem es Ende der 90er Jahre die Credit Suisse war, die mit Direct-Net im Online-Banking den Trend setzte. Mobile Banking ist aber nur ein Teil, was wir unter dem Begriff Bank 2.0 verstehen.

Was verstehen Sie genau unter Bank 2.0?

Die Bankkunden der Zukunft wünschen mehr Interaktion, Personalisierung , Beratung und vollständige Mobilität. Sie möchten selber entscheiden,wo, wann und wie sie ihre Bankgeschäfte erledigen. Dies möglichst benutzerfreundlich und intuitiv. Der Kunde soll künftig mit allen möglichen Mobil- und Desktopgeräten Zugriff auf die Dienstleistungen haben, die die Bank dem Kunden zur Verfügung stellt, und zwar zeit- und ortsunabhängig. Die verschiedenen Kanäle werden weiter verschmelzen und nahtlos zusammenspielen. Innovationstreiber dafür sind heute die Bankkunden selber. Sie bringen ihre eigenen Bedürfnisse zum Ausdruck und die Banken müssen diesen Bedürfnissen folgen – ganz anders als vor 20 Jahren, als die IT-Abteilungen der Banken definierten, was der Kunde an Leistung erhalten darf.

Sie rechnen also mit einem Paradigmenwechsel?

Zwangsläufig. Die zunehmenden Regulationen und der Konsolidierungsdruck werden dazu führen, dass sich Banken immer mehr überlegen müssen, wo sie Kosten einsparen können und dem Kunden trotzdem noch einen guten Service anbieten können. Die Banken stehen vor der Herausforderung, trotz tieferen Margen noch profitabel zu sein.  Eine der Lösungen liegt in der Digitalisierung der Dienstleistungen.

Eine blosse Zukunftshoffnung?

Nein, es braucht bloss eine Initialzündung. Es werden vermehrt auch Nicht-Banken in den Markt eintreten und bankenähnliche Angebote präsentieren. Zum Beispiel Intermediäre, die keine Bank sind, aber den Kunden eine umfassende Finanzplanung und Finanzberatung anbieten, während der Kunde sein Konto nach wie vor bei seiner Hausbank belässt. Das wird Banken unter Druck setzen, um technologische Fortschritte anzustreben.

Da sprechen wir aber von Jahren?

Davon ist nicht auszugehen. Mittelfristig werden die Investitionen in die Digitalisierung unumgänglich sein. Crealogix braucht natürlich Durchhaltewillen, aber wir sind richtig aufgestellt und solide finanziert dafür.

Das heisst, dass auch ein Anleger einen langen Atem haben muss?

Ich denke schon. Mit unserer Aktie kann man nicht den kurzfristigen Reibach machen. Wir setzen auf eine nachhaltige Entwicklung.

Ist die Aktie ein' Buy-and-Hold' für die nächsten fünf Jahre?

Das kommt etwa hin. Wenn ein Investor längerfristig an ein wachstumsstarkes Schweizer Unternehmen aus der Informatikbranche glaubt, dann ist Crealogix für ihn sicher interessant.

Obwohl die Aktie schon heute relativ hoch bewertet ist?

Crealogix hat eine relativ hohe Eigenkapitalquote von über 70 Prozent. Das ist für die Software-Branche eher unüblich. Ein hoher Teil der Marktkapitalisierung ist deshalb abgesichert. Zudem ist Crealogix ein Unternehmen, das seit Jahren regelmässig positive Cash-Flows schreibt. Zudem schütten wir seit zwei Jahren auch Dividenden aus. Das kommt bei den Anlegern gut an.

Weshalb der Wechsel zu den Gewinnausschüttungen?

In den letzten Jahren konnte das Unternehmen dem Aktionär über die Kurssteigerungen zu wenig bieten. Deshalb möchten wir ihn über Dividenden am Gewinn partizipieren lassen. Crealogix verfügt noch über einen schönen Agio-Anteil. Das heisst, wir können daraus vorderhand die Dividenden bedienen, und das erst noch steuerfrei für natürliche Personen, die in der Schweiz leben. Für uns ist aber klar: Es wird nur Dividenden geben, wenn Gewinne erzielt werden.

Seit Jahren lautet die Umsatzzielgrösse von Crealogix 100 Millionen Franken. In den letzten drei Jahren hat sich dieser aber sogar reduziert, von 57 auf 49 Millionen. Sind die 100 Millionen wirklich noch realistisch?

Diese Grösse ist für mich kein Lebensziel. Aber wer an der Börse kotiert bleiben will, muss mittelfristig ein gewisses Umsatz- und Ertragsvolumen aufweisen, um eine Daseinsberechtigung am Finanzmarkt zu haben. Dazu kommt die Fokussierung auf die Finanzbranche vor zwei Jahren. Das hat uns umsatzmässig beeinträchtigt. Es war uns bewusst, dass die Banken in einer schwierigen Phase waren und immer noch sind. Dennoch haben wir diesen Schritt gewagt, und sind davon überzeugt. Wenn es den Banken dereinst besser geht, wird die digitale Bank stärker zum Thema, und dann stehen unsere Chancen auf ein markantes Wachstum sehr gut.

Im September stellten Sie für das laufende Geschäftsjahr ein Wachstum von zehn Prozent in Aussicht. Ist Crealogix auf Kurs?

Dazu kann ich derzeit nicht sagen, da am 22. März die Halbjahreszahlen publiziert werden.

Sie möchten Wachstum auch mit Akquisitionen anstreben. Gibt es konkrete Ziele?

Wir haben klare Vorstellungen, aber kein konkretes Übernahmeobjekt, über welches ich sprechen möchte. Wir sind auf der Suche nach Firmen, die uns technologisch oder bezüglich der Markterweiterung ergänzen. Wir haben weiterhin den Anspruch und das Ziel, in der Schweiz im Bereich der digitalen Bank Marktleader zu sein.

Im Video-Interview sagt Richle unter anderem, welche Auswirkungen die Bank 2.0 auf die heutigen Fillialnetze haben könnte.