Noch sei unklar, ob eine Jahresendrallye oder der nächste Belastungstest bevorstehe, sagt Helaba-Strategin Claudia Windt. Der ‌Wochengewinne an den Börsen - der deutsche DAX hat zum Beispiel 2 Prozent zugelegt – zeichnen ein trügerisches Bild. Der Swiss Market Index verbucht sogar einen Wochengewinn von 4 Prozent.

Solange keine Entlastung bei den Energiepreisen in Sicht sei, blieben Inflations- und daraus resultierende Konjunkturrisiken virulent. «Die ⁠Geldpolitik – Fed wie EZB – befindet sich angesichts einer Rekordverschuldung und strapazierter Staatshaushalte schon längst in einem Zielkonflikt», sagt Windt.

An den Finanzmärkten wetten die Anleger zunehmend auf baldige Zinsanhebungen und warten deswegen auf weitere geldpolitische Signale. Im ‌Nachgang der IWF-Jahrestagung gibt es in den kommenden Tagen zahlreiche Reden von Vertretern der Federal Reserve (Fed), der EZB und der ‌Bank of England (BoE) zur aktuellen Inflations- und Zinslage.

Anleger befürchten, dass steigende Zinskosten vor allem ​den KI-Unternehmen zusetzen, und werfen die Branchentitel weltweit aus den Depots. Die Warnungen vor einer grösseren Korrektur an den Börsen nehmen zu, andere Stimmen halten das für übertrieben. «Es ist korrekt, dass die Marktbreite zuletzt schwach war. Entscheidender für die mittlere und längerfristige Ausrichtung der Aktienmärkte ist aber die Gewinnentwicklung», fasst Analyst Manuel Schleifer von Raiffeisen Research zusammen. «Und diese steht auf deutlich breiteren Beinen.»

Messlatte liegt höher

In der neuen Woche nimmt die US-Berichtssaison Fahrt auf. Nachdem die US-Grossbanken ihre Bücher geöffnet haben, folgen nun wichtige Tech- und Konsumschwergewichte. Erwartet ‌werden unter anderem Zahlen von Tesla, Netflix, Procter & Gamble und IBM. In Deutschland legen Deutsche Börse und SAP ihre Bilanzen vor, in der Schweiz sind es unter anderem Nestlé, Holcim, Roche, ABB und Sika.

Noch biete das Gewinnwachstum Investoren einen hohen Puffer gegen steigende Zinsen. «Aber er schrumpft», warnt Peter Reichel, Chief Investment Officer von ODDO BHF. «Die Risiken für Aktien nehmen deshalb zu, vor allem, wenn die Gewinnschätzungen gesenkt werden, während die Renditen weiter steigen, der Ölpreis die Wirtschaft ​stärker belastet oder sich die Kreditspreads ausweiten, was bisher nicht der Fall ist.»

Der steile Renditeanstieg an den Anleihemärkten sei nicht nur ​der Geldpolitik geschuldet. «Höhere Energiepreise verstärken den Inflationsdruck, gleichzeitig wächst der Kapitalbedarf erheblich. Staaten finanzieren hohe Defizite, während Unternehmen Milliarden ​in KI, Rechenzentren und Infrastruktur investieren», erläutert Reichel. Öffentliche und private Schuldner konkurrierten damit stärker um Kapital.

Zu Wochenbeginn blicken die Anleger auf chinesische Daten zu Industrieproduktion, BIP-Wachstum und Einzelhandelsumsatz. Das vom Mannheimer ‌Forschungsinstitut ZEW erhobene Stimmungsbarometer für Oktober wird am Dienstag veröffentlicht. Im September waren die Börsenprofis trotz steigender Energiepreise im Zuge des Iran-Krieges vorsichtig optimistisch mit Blick auf die deutsche Wirtschaft gewesen.

Am Freitag stehen die Einkaufsmanagerindizes (PMI) für die Eurozone und die USA an, welche als wichtigste Frühindikatoren für die nächsten Zinsentscheidungen gelten. «Im Euroraum dürfte der kombinierte Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe und den Dienstleistungssektor ​im Oktober ​sein zuletzt erreichtes hohes Niveau halten», sagt die Commerzbank voraus. «Das wäre eine gute Ausgangslage für ⁠das Wachstum im vierten Quartal.»

Ein Augenmerk dürfte auf den Ergebnissen für Frankreich liegen, da die Diskussionen ​der vergangenen Wochen über die schnell steigende Verschuldung ⁠des Landes und den immensen Sparbedarf der Regierung den Einkaufsmanagerindex belasten könnten.

(Reuters)