Besuch bei Pimco - Der neue «King of Bonds»

Pimco ist der grösste Obligationenmanager der Welt und verwaltet rund 1,8 Billionen Dollar. Zu Besuch im Hauptquartier des Königs der Zinspapiere in Kalifornien.
21.09.2019 14:20
Interview: Nele Husmann
Dan Ivascyn verwaltet den grössten aktiven Obligationenfonds der Welt. Im Tiefzinsumfeld hat er in den vergangenen zwölf Monaten mit Zinspapieren über 10 Prozent Gewinn geschafft.
Dan Ivascyn verwaltet den grössten aktiven Obligationenfonds der Welt. Im Tiefzinsumfeld hat er in den vergangenen zwölf Monaten mit Zinspapieren über 10 Prozent Gewinn geschafft.
Bild: Bloomberg

Die Mittagspause ist gerade zu Ende und der Strom von jungen Männern in viel zu förm­licher Kleidung für einen heissen Tag im südkalifornischen Newport Beach hört nicht auf. Sie eilen in einen eleganten, mit weissem Marmor ausgekleideten Turm. Wir sind vor dem Hauptsitz von Pimco, dem grössten Anleihefondsmanager der Welt.

Aus dem Gebäude, das am Rande einer eleganten Shoppingmall liegt, ist der Blick frei auf den blau schillernden Pazifik mit vorgelagerter Sandbank. Erst vor sechs Jah­ren zog der Vermögensverwalter von einem altmodischen, zehnstöckigen Block ein paar Hausnummern weiter in den für Pimco er­stellten Neubau. Manche unkten, das neue Headquarter sei ein schlechtes Omen, denn bald darauf begannen die Probleme.

Ein König geht, ein neuer ist geboren

Damals schlug hohe Wellen, dass Bill Gross Pimco den Rücken kehrte. Der Pimco­ Gründer und Star des Hauses galt als unver­zichtbar. Sein Stern leuchtet heute noch so hell, dass nur die wenigsten den Namen des neuen Chief Investment Officer von Pimco kennen: Er heisst Dan Ivascyn.

Im Gegensatz zu Gross ist Ivascyn ein derart bescheidener, im Hintergrund agierender Team­-Spieler, dass er in den fast fünf Jah­ren, seit er die Verantwortung für das gesamte Haus übernahm, weniger als eine Handvoll Interviews gab – zusammen mit Emmanuel Roman, kurz Manny, dem Ge­schäftsführer.

Dabei gibt es für Ivascyn überhaupt kei­nen Grund, hinter dem Berg zu halten. Im Gegenteil: Er sammelt für seine Performance Preise und Anlegergelder ein – seit sechs Jahren stellt sein Investmenterfolg 98 Prozent der anderen Anleihefonds in den Schat­ten. Dazu ist Ivascyns Fonds, der Pimco In­come Fund, seit knapp zwei Jahren der grösste aktiv gemanagte Anleihefonds der Welt – ein besonderer Superlativ für Ivascyn, weil er jahrelang Bill Gross vorbehalten war.

Im 17. Stock des Hauses ist der Handels­ raum angesiedelt. Hier sitzen die wichtigs­ten Pimco­ Mitarbeiter in langen Reihen nebeneinander, darunter auch Ivascyn. Es herrscht konzentrierte Stille. Auf jedem Schreibtisch stehen mehrere Monitore, auf denen die Händler und Portfoliomanager die Märkte verfolgen.

Insgesamt hat Pimco 1,76 Billionen Dol­lar unter Management – das kommt dem Pimco­ Rekord von mehr als 2 Billionen vor der Finanzkrise wieder recht nahe. 95 Prozent der Pimco ­Fonds schlagen auf Drei­jahressicht ihren Vergleichsindex. «Dan Ivascyn steht Bill Gross in der Qualität um nichts nach. Pimco steht wieder sehr gut da», urteilt Natalia Wolfstetter vom Fonds­ Analysehaus Morningstar. «Das war 2015 alles andere als klar.»

Was hat sich verändert? Heute gibt es bei Pimco keinen einzelnen grossen Helden am Steuerrad mehr. Ivascyn spielt im Team, nicht weil er muss, sondern weil es seinem Wesen entspricht: «Er fühlt sich wohler, wenn er im Hintergrund bleibt», sagt Joa­ chim Fels, der Chefökonom im Hause, der zugleich als Sprecher nach aussen dient und die vielen Fernseh­ und Medienauftritteabsolviert, die Gross einst abhielt. «Als Führungskraft ist Dan sehr teamorientiert. Er hat eine starke Kultur mit aufgebaut, die die verschiedenen Teile unseres Investmentprozesses wirklich zusammenarbeiten lässt.»

Hohe Gewinne trotz tiefen Zinsen

Im neuen Gebäude ist das Prinzip des Zuhörens sogar zur Architektur geworden. Denn im dritten Stock gibt es das Forum – eine Arena aus hellem, freundlichem Holz. In der Mitte ist Platz für 25 Menschen an einem runden Tisch, der ein wenig an König Artus’ Tafelrunde erinnert, davon gehen im Halbkreis die Sitzreihen hoch.

Hier werden die vierteljährlichen Foren abgehalten, hier versammelt sich das gesamte Haus und diskutiert mit Experten wie dem früheren US-Notenbank-Chef Ben Bernanke oder dem ehemaligen Chef der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet. Die beiden Banker gehören dem Beraterstab von Pimco an. Als besonders wichtig gilt, dass hier neben dem Who is who der internationalen Finanzwelt auch viele junge Talente von Pimco zu Wort kommen. Das sind nicht nur Portfoliomanager, sondern auch der Input der Kundenberater wird gern gehört.

Ivascyn hat bei Pimco den Anlageprozess in eine Mannschaftsleistung umgewandelt. Er ist der Chefanleger, hat aber für jeden der fünf Bereiche einen eigenen Chefinvestor eingesetzt, dem er möglichst freie Hand lässt. «Das Team erhält weniger Anerkennung, als ihm gebührt», sagte Ivascyn 2018 gegenüber der «Financial Times». «Mein Job ist der eines Dirigenten im Orchester. Ich bin nicht die wichtigste Person, sondern diejenige, die alles in einer konsistenten Weise zusammenbringt. Sind die Solisten nicht gut, wird auch das Ergebnis nicht gut, ganz egal, wie viel man mit den Händen fuchtelt.» Ivascyn stammt aus einfachen Verhältnissen – sein Vater war Hausmeister an einer Schule, seine Mutter Krankenschwester.

Viermal die Woche kommt das elfköpfige Anlagekomitee in Newport Beach zusammen und beschliesst die grobe Zielrichtung. In jeder Region gibt es regionale Investmentkomitees, die dafür nach Newport Beach berichten. Dann übernehmen die rund 250 Portfoliomanager weltweit, die ihrer Expertise entsprechend die Anlageentscheidungen für ihr Portfolio treffen.

Zugleich stellt Pimco sicher, dass die Portfoliomanager ihre Ideen frei entfalten können: «Über keine der 100'000 Positionen in unseren Portfolios wird per Mehrheitsbeschluss entschieden», betont Fels, der dem Komitee angehört. «Wir setzen die grundsätzlichen Richtlinien, an denen sich die Firma orien- tiert. Etwa, dass wir Firmenanleihen gemes- sen an den Vergleichsindizes untergewichten wollen, weil wir erwarten, dass die Spreads sich ausweiten.»

Die Anweisung ist dann eine Spannbreite in der Gewichtung, innerhalb derer man sich bewegen kann – eine sehr generelle Richtlinie für einen Port- foliomanager. Dessen täglicher Job ist, die richtigen Werte auszusuchen und sich für einzelne Branchen zu entscheiden.


Nach Problemen ist Pimco, Tochter der deutschen Allianz, nun wieder erstarkt. (Bild: Bloomberg)

Noch immer wirft Gross, Spitzname «King of Bonds», einen langen Schatten über das Haus. Der König der Obligationen gründete Pimco im Jahr 1971 und baute die Firma zur ersten Adresse in Sachen Anleihen auf. Er ritt die seit den 1980er Jahren anhaltende Anleihen-Rally, so erfolgreich wie kein anderer. Stetig fallende Zinsen sorgten für hohe Kursgewinne. Mit dem 1987 eröffneten Total Return Bond Fund erwirtschaftete Gross über Jahrzehnte hinweg Renditen von 6,2 Prozent pro Jahr. Bis er 2013 eigensinnig auf steigende Kurse ür US-Staatsanleihen spekulierte – und das Gegenteil eintrat.

Bei der deutschen Muttergesellschaft Allianz, die das Haus im Jahr 2000 gekauft hatte, war man nicht erfreut. 2014 kam Gross mit seiner Kündigung einem Rauswurf zuvor. Für Pimco folgte eine traumatische Zeit, in der 350 Milliarden Dollar Kundengelder abflossen.

In den dreissig Jahren unter Gross’ Ägide liefen die Zinsmärkte rund. Heute aber, im Zeitalter niedriger Zinsen, eine gute Performance mit Anleihen zu erwirtschaften, ist eine zunehmend grössere Herausforderung. Pimco geht mit dieser Unsicherheit um, indem sie auf kürzere Laufzeiten und erstklassige Bonität von Emittenten setzt – zwei Faktoren, mit denen man bei Erschütterungen an den Märkten gut investiert ist.

Und fährt zudem gute Renditen ein, weil das Haus immer mehr auf Papiere setzt, die zwar wie Anleihen strukturiert sind, aber Risiken in sich bergen, für die gut bezahlt wird – etwa von Versicherungen am Markt verkaufte Risiken. Eine eigene Abteilung kümmert sich um private Finanzierungsdeals – hier verschwimmt die Grenze zwischen Investmenthaus und Bank. Hier mischt auch der Pimco Income Fund mit.

Ivascyns Income Fund, der auf die Erzielung einer Ausschüttung ausgelegt ist, trifft die Bedürfnisse von Sparern, die ihre Rente aufbessern wollen, genau. Mit einem Volumen von heute 203 Milliarden Dollar macht er aber nur ein Quäntchen aller Gelder aus, die Pimco verwaltet – das Haus ist mit sei- nen Angeboten für Anleger breiter aufgestellt denn je.

Als Ivascyns Fonds zum weltgrössten aktiven Anleihefonds wurde und er so für Pimco den Thron im Zinsland zurückerobert hatte, gab der Fondsmanager lediglich einen einzeiligen, schriftlichen Kommentar ab: «Bei Pimco ist unser Ehrgeiz nicht, die grössten Fonds zu haben, sondern die besten.» Das schafft Ivascyn natürlich auch: Sein Pimco Income Fund erwirtschaftete in den vergangenen zwölf Monaten eine königlich hohe Rendite von 10,7 Prozent.