Blockchain - Bitcoin versus Ether: Welche Kryptowährung hat die Nase vorn?

Die Kursrally der zweitgrössten Kryptowährung Ether stellt sogar den monatelangen Hype um den Krypto-König Bitcoin in den Schatten. Zwischen beiden Cyberdevisen gibt es aber deutliche Unterschiede.
05.05.2021 06:00
Von Henning Hölder
Bitcoin oder Ether? Mit beiden Kryptowährungen konnten Anlegerinnen und Anleger eine gute Rendite einfahren.
Bitcoin oder Ether? Mit beiden Kryptowährungen konnten Anlegerinnen und Anleger eine gute Rendite einfahren.
Bild: IMAGO / agefotostock

Die zweitgrösste Kryptowährung Ether ist mittlerweile auch ausserhalb der Krypto-Szene kein "Geheimtipp" mehr. Bereits seit Monaten springt die Bitcoin-Konkurrentin von einem Allzeithoch zum nächsten. Doch die Kursperformance seit gut einer Woche ist fast schon unheimlich. "Ether steigt, und nichts scheint sich der Kryptowährung in den Weg stellen zu können", drückt es Edward Moya aus, Analyst beim Finanzdienstleister Oanda. 

Allein in den letzten zehn Tagen hat der Kurs um mehr als 55 Prozent zugelegt und die Marke von 3000 Dollar locker hinter sich gelassen. Die jüngste Kursexplosion hat dazu geführt, dass Ether auf Fünf-Jahres-Sicht den grossen Bruder Bitcoin kurstechnisch klar outperformt. Während Bitcoin in dieser Periode stolze 12'100 Prozent an Wert gewinnen konnte, legte der Ether-Kurs um sagenhafte 29'000 Prozent zu.

Kursteigerung gegenüber dem Dollar von Ether (gelb) und Bitcoin (blau) in den letzten 5 Jahren, Quelle: Google Finance

"Neben der Aussicht auf eine Verbesserung der Ethereum-Blockchain (Ethereum 2.0) ist es die wachsende Beliebtheit von Finanzdienstleistungen und Krypto-Sammlerstücken, was die Rally Tag für Tag aufs Neue befeuert", sagt Kryptoexperte Timo Emden gegenüber cash. Hintergrund: Auf der Ethereum-Plattform werden zuletzt verstärkt sogenannte Non-Fungible Token (NFT) gehandelt. 

Dabei handelt es sich um eindeutige, also nicht ersetzbare digitale Unikate. Beispiele wären Memes oder auch der allererste Tweet von Twitter-CEO Jack Dorsey, der im März über die Ethereum-Plattform für exakt 1630,58 Ether verkauft wurde. Das entsprach zum damaligen Zeitpunkt etwa 2,9 Millionen Dollar. 

Der jüngste Ether-Hype hat dazu geführt, dass die Kryptowährung ihren Marktanteil von zehn Prozent Anfang Jahr auf knapp 16 Prozent Anfang Mai ausweiten konnte. Bitcoins Anteil an der weltweiten Marktkapitalisierung aller Kryptowährungen schrumpfte im gleichen Zeitraum von 70 Prozent auf jetzt nur noch 46 Prozent. Schickt sich Ether als an, Bitcoin allmählich den Rang abzulaufen? 

"Ich glaube gar nicht, dass sich Ether und Bitcoin wirklich konkurrieren. Beide Währungen haben komplett verschiedene 'Use Cases'", sagt Patrick Heusser vom Crypto-Asset-Dienstleister Crypto Finance im Gespräch mit cash. In der Tat ist Bitcoin im Gegensatz zu Ether in erster Linie als Wertspeicher konstruiert worden, weswegen die älteste Kryptowährung der Welt immer wieder als "digitales Gold" bezeichnet wird. Bitcoin ist deflationär organisiert, es ist also ein knappes Gut. Von Beginn an wurde die Obergrenze auf 21 Millionen Coins gesetzt. Der letzte Bitcoin wird im Jahr 2041 geschürft werden. 

Wertspeicher-Funktion versus «Smart Contracts»

Bei Ether wiederum handelt es sich um eine inflationäre Währung. An sich gibt es keine Grenze nach oben, es können theoretisch unendlich viele Coins hergestellt werden - ähnlich wie bei so genannten Fiat-Währungen wie dem Dollar oder dem Franken. Ether wird daher primär nicht als Wertspeicher genutzt. "Während Bitcoin ganz klar als Wertspeicher gesehen wird, stehen hinter dem Ethereum Netzwerk eine Vielzahl von Anwendungsfällen, also Möglichkeiten, wie man das Netzwerk benutzen kann", sagt Heusser. 

Hinter der Ether-Währung steht die Ethereum-Plattform, die man sich vereinfacht als eine Art Betriebssystem vorstellen kann. Über Ethereum können zahlreiche sogenannte "Smart Contracts" – frei übersetzt etwa "digitale und selbstausführende Verträge" – abgewickelt werden. Dabei kann es sich um die unterschiedlichsten Transaktionsgeschäfte oder Anwendungen (Apps) handeln. Ein einfaches Beispiel: Sie bestellen online ein Konzertticket. Die Bestellung ist automatisch der Vertragsabschluss. Sobald die Zahlung (mit Ether-Währung) übermittelt worden ist, löst der Smart Contract automatisch die Lieferung des Tickets aus. 

"'Decentralized Finance' ist der beste Beweis, dass der Smart Contract eines der besten Werkzeuge ist, um Finanztransaktionen effizienter machen. Das macht aus Ethereum einen echten Nutzwert", ist Heusser überzeugt. Mit "Defi" wird das Ökosystem von Finanzanwendungen auf Basis der Blockchain-Technologie, wie etwa der Ethereum-Plattform, umschrieben. Heusser sieht hier "definitiv auch eine Gefahr" für den traditionellen Finanzsektor. 

Bitcoin oder Ether: Wo jetzt einsteigen? 

Welches Krypto-Asset verspricht nun mehr Rendite für Anlegerinnen und Anleger? Sicher ist: Bei Kryptowährungen handelt es sich noch immer um hochspekulative Investments. Das Risiko eines Totalverlustes wird unterschiedlich hoch oder tief bewertet, doch jeder Anleger sollte dieses Szenario bei einem Investment immer im Hinterkopf behalten. Trotzdem spricht das hohe Chancen-Risiko-Verhältnis dafür, einen Teil seines Depots in Kryptowährungen zu halten. 

Was also: Bitcoin oder Ether? "Sollte sich Bitcoin in den nächsten Monaten weiter in der Bandbreite zwischen 50'000 und 60'000 Dollar bewegen, sehe ich noch viel Aufwärtspotenzial für Ether", sagt Heusser. Man könne beobachten, dass Anleger Geld aus Bitcoin zögen, um es in Ether anzulegen. Dies laufe aber nur so lange, bis Bitcoin wieder zum nächsten Kurssprung ansetze, glaubt Heusser. "Bitcoin ist noch immer der 'King'. Zieht der Bitcoin-Kurs an, kommen alle wieder zurück." Langfristig ist Heusser bei beiden Kryptowährungen positiv gestimmt. 

Ähnlich optimistisch zeigt sich Timo Emden. Er sieht den Bitcoin kurzfristig auf bis zu 65'000 Dollar ansteigen, was einem Allzeithoch entspräche. Langfristig sieht er den Kurs bei 80'000 bis 100'000 Dollar. Auch die Rally von Ether dürfte sich laut Emden kurzfristig weiter fortsetzen - bis auf 4000 Dollar. Langfristig setzt er ein Kursziel zwischen 5'000 und 8'000 Dollar. Trotzdem warnt er: "Abwärtsrisiken bleiben bei beiden Währungen präsent. Gut möglich, dass wir in Zukunft angesichts regulatorischer Bedenken nebst möglichen US-Steuererhöhungen grössere Turbulenzen sehen werden."