Börsen-Interview - Thomas Heller: «Es macht Sinn, in China investiert zu sein»

Trotz der Wirren um Evergrade seien China-Aktien weiter wichtig, sagt Thomas Heller. Der Anlagechef der Schwyzer Kantonalbank weist aber darauf hin, dass Anlegerinnen und Anleger mehr denn je Risiken kennen sollten.
27.09.2021 12:31
Interview: Gabriel Knupfer
Frauen in Peking während des Mittherbstfestes.
Frauen in Peking während des Mittherbstfestes.
Bild: imago images / ZUMA Wire

Wie interpretieren Sie den Fed-Entscheid vom Mittwoch aus Anlegersicht?

Thomas Heller: Wenig überraschend stellte Fed-Chef Powell eine baldiges Tapering, also eine Reduktion der Wertpapierkäufe, in Aussicht. Wobei er keinen konkreten Fahrplan nannte und sich damit immer noch eine Hintertür offenhält. Aber alles deutet darauf hin, dass die Ankündigung des Tapering am nächsten Fed-Meeting Anfang November erfolgen wird. Etwas überraschend waren hingegen die Zinsprojektionen der Fed. Die Hälfte der Ausschussmitglieder rechnet bereits im nächsten Jahr mit einer Zinserhöhung. 2023 könnten bis zu drei weitere Zinsschritte dazukommen. Bisher signalisierten die Fed-Projektionen erst für 2023 eine erste Zinserhöhung. Die Märkte haben es zur Kenntnis genommen, eine deutliche Reaktion blieb trotz dieser Überraschung aus. Am Gesamtbild hat sich denn auch wenig verändert. Ob es tatsächlich bereits 2022 zu einer Anhebung der Leitzinsen in den USA kommt ist fraglich. Aus heutiger Sicht würde ich dagegenhalten.

Neben dem Abbau der Stützungsmassnahmen der Notenbanken beschäftigen auch Inflationssorgen die Anleger. Worauf muss man hier achten?

Ja, der Inflationsanstieg beschäftigt die Anleger, bisher allerdings ohne dabei Marktreaktionen auszulösen. Die Inflationserwartungen sind in überschaubarem Rahmen gestiegen, der Markt gibt sich da noch ziemlich entspannt. Die aktuell insbesondere in den USA hohe Inflation ist auf Basiseffekte und wenige Güterkategorien zurückzuführen. Beispielsweise auf die vielzitierten Gebrauchtwagen, die zeitweise fast ein Viertel zur Gesamtteuerung beitrugen, obwohl sie im Warenkorb mit weniger als 3 Prozent gewichtet sind. Zahlreiche dieser Sonderfaktoren werden nachlassen und die Inflation wird wieder zurückkommen. Ein Auge muss man auf der Rubrik 'Unterkunft' haben, mit 33 Prozent das Schwergewicht im amerikanischen Warenkorb. Sie umfasst die eigentlichen Mieten sowie eine Art Eigenmietwert. Schlagen die gestiegenen Immobilienpreise auf die Mieten durch, wird sich das auch in der Gesamtinflation zeigen. Noch ist davon allerdings wenig zu sehen.

Thomas Heller ist Chief Investment Officer der Schwyzer Kantonalbank. Hier ein einem früheren Interview mit cash.ch.

In China steht mit Evergrande ein grosser Immobilienkonzern vor dem Kollaps. Sehen Sie ein Ansteckungsrisiko für die globalen Finanzmärkte?

Danach sieht es momentan nicht aus. Evergrande hat angekündigt, die dieser Tage fälligen Zinszahlungen zu leisten. Ausserdem hat die Notenbank dem Markt Liquidität zugeführt und damit auch einen Hinweis gegeben, dass die Zentralregierung einen unkontrollierten Kollaps wohl nicht zulassen würde. Dass die Regierung Evergrande retten würde ist aber auch alles andere als sicher, davon sollte man eher nicht ausgehen. Nur in 'geordneten Bahnen' soll es ablaufen. Ausgestanden oder gelöst ist die Evergrande-Krise nicht, aber die Lage hat sich für den Moment etwas entspannt.

Die zunehmende Regulierung verschiedener Sektoren in China liess die Kurse dort zuletzt stark sinken. Sollen sich Privatanleger vom chinesischen Aktienmarkt fernhalten?

Staatlicher Interventionismus ist 'part of the game', quasi Teil des Risikos von China-Investments. In den letzten Monaten war die chinesische Regierung besonders aktiv. Diese Eingriffe waren nicht die ersten Interventionen. Und vermutlich auch nicht die letzten. Es kann jederzeit weitere Unternehmen oder auch ganze Sektoren treffen. Die Bedeutung von China als Wirtschaftsmacht, aber auch als Anlagesegment wird jedoch weiter zunehmen. Es macht als Anleger Sinn in China investiert zu sein. Die Unsicherheiten muss man allerdings aushalten und aussitzen können.

Zum allgemeinen Börsengeschehen: Wie stark beschäftigt die Corona-Krise noch die Finanzmärkte?

Auf breiter Basis kaum noch. Sollten eine vierte oder fünfte Welle neuerliche Eindämmungsmassnahmen nach sich ziehen, würde das die Konjunktur und in der Folge die Märkte natürlich belasten. Mit scharfen, breit angelegten Lockdowns ist allerdings (hoffentlich) nicht mehr zu rechnen. Aber lokale und begrenzte Massnahmen sind denkbar beziehungsweise wurden verschiedentlich ja bereits eingeführt. Das kann den Aufschwung bremsen, ein Rückfall in den Stillstand vom Frühjahr 2020 scheint hingegen unwahrscheinlich.

Wo steht der SMI in zwölf Monaten?

Das Umfeld ist im Grunde nach wie vor intakt. Die Konjunkturerholung setzt sich etwas verlangsamt fort, die Unternehmensgewinne sind gut und die Zinsen bleiben tief. Das ist trotz erhöhter Bewertungen ein konstruktives Umfeld für Aktien. Bleibt das so, scheint ein Plus von 4 bis 6 Prozent auf Jahressicht realistisch.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei handelszeitung.com unter dem Titel «Interventionismus ist ‹part of the game›  von China-Investments».

 
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