Die Grande Nation steckt an den Finanzmärkten in einer tiefen Vertrauenskrise. Eine gefährliche Mischung aus steigender Zinslast, hoher Verschuldung und politischer Ungewissheit vor der Präsidentenwahl im nächsten Jahr lässt Frankreich bei den Anlegern zunehmend in Ungnade fallen. Die Renditen französischer Staatsanleihen sind in den vergangenen Monaten deutlich in die Höhe geschnellt, der Aktienmarkt schwächelt. «Im Euroraum ist Frankreich das Sorgenkind», resümieren die Analysten von Marcard, Stein und Co. Es gebe fast keinen Spielraum mehr, um die Einnahmen zu erhöhen. «Um das Schuldenproblem zu lösen, müssten die Staatsausgaben gekürzt werden, was politisch kaum durchsetzbar ist.»
Frankreich befindet sich aktuell nicht nur in einer Konjunkturflaute - die Wachstumsprognose für das Bruttoinlandsprodukt im laufenden Jahr wurde erst am Freitag von 0,7 auf 0,5 Prozent gesenkt. Einem unabhängigen Expertenbericht zufolge droht der nach Deutschland zweitgrössten Volkswirtschaft der Euro-Zone auch eine drastische Verschlechterung ihrer Staatsfinanzen. Das Haushaltsdefizit könnte von fünf Prozent des BIP in diesem Jahr auf fast sieben Prozent im Jahr 2030 ansteigen, heisst es in einem kürzlich veröffentlichten Gutachten, das die Regierung in Auftrag gegeben hatte. Die Staatsverschuldung würde im selben Zeitraum von 118 Prozent auf mehr als 130 Prozent der Wirtschaftsleistung klettern. Zum Vergleich: In Deutschland liegt der Schuldenstand aktuell bei etwa 64,2 Prozent.
Rendite französischer Staatsanleihen steigt und steigt
Wie gross das Misstrauen der Finanzmärkte ist, zeigen die jüngsten Erschütterungen am Anleihemarkt. Die Kosten für die Absicherung fünfjähriger französischer Schuldtitel gegen einen Zahlungsausfall stiegen am Freitag auf 41,5 Basispunkte. Das ist der höchste Stand seit April vergangenen Jahres. Gleichzeitig kletterte der Renditeaufschlag, den Anleger für zehnjährige französische Staatsanleihen im Vergleich zu deutschen Papieren verlangen, erstmals seit der Euro-Schuldenkrise 2012 auf über 100 Basispunkte. Die Rendite der zehnjährigen französischen Anleihen legte um mehr als 14 Basispunkte auf ein 18-Jahres-Hoch von 4,583 Prozent zu, der grösste Tagessprung seit Mitte Mai.
Der Zinserhöhungskurs der grossen Notenbanken sorge zwar weltweit für steigende Renditen, eine spezifisch französische Risikoprämie sei jedoch unverkennbar, sagt Enguerrand Artaz vom Vermögensverwalter La Financière de l’Echiquier. «Die Skepsis der Anleger gegenüber französischen Vermögenswerten spiegelt deutlich die Unsicherheit über die anstehenden politischen Entscheidungen wider – zunächst die Haushaltsabstimmung und anschliessend die Präsidentschaftswahl.» Sie zeuge aber auch von berechtigten Ängsten um die wirtschaftliche Lage des Landes.
Holpriger Weg zu Haushaltsabstimmung
Die Minderheitsregierung von Premierminister Sebastien Lecornu muss in den kommenden Wochen ihr Defizitziel für 2027 festlegen. Doch der Weg dahin ist holprig - das Parlament ist tief gespalten und die Positionen sind verhärtet. Die Präsidentschaftswahl im kommenden Frühjahr dürfte die politische Ungewissheit und die Sorgen um die Staatsfinanzen noch einmal verschärfen.
Den Kandidaten der linken und rechten Lager, die teure Wahlprogramme vertreten, werden gute Chancen eingeräumt. Daniel Hartmann, Chefvolkswirt bei Bantleon, taxiert einen möglichen Sieg von Rechtspopulistin Marine le Pen (Rassemblement National) derzeit auf mindestens 60 Prozent. Unter einer Präsidentin Le Pen dürfte die Konsolidierung der Staatsfinanzen aus seiner Sicht nicht oben auf der Agenda stehen - «zu rechnen wäre vielmehr mit anhaltend hohen Haushaltsdefiziten».
Die Bondrenditen könnten daher in den kommenden Monaten weiter in die Höhe schiessen. Und damit auch die Zinslast des Staates, was wiederum das Haushaltsdefizit vergrössert. Die Prämie, die Anleger für das Halten französischer 10-jähriger Papiere gegenüber Bundesanleihen verlangen, lag in dieser Woche zeitweise bei rund 98 Basispunkten. Selbst bei 100 Basispunkten bestehe noch Spielraum für eine weitere Ausweitung, prognostizierte Kevin Thozet vom französischen Vermögensverwalter Carmignac.
(Reuters)

