Calls, Puts, Zertifikate - Aktien-Warrants kaufen: Wenn, dann muss man «richtig» zocken

«Schnell reich werden»: Optionen wie Call Warrants sind nach dem Reddit-Hype wieder gross im Gespräch. cash.ch erklärt, wie Privatanlegerinnen und Privatanleger solche Kurswetten ausrichten sollten.
04.02.2021 13:08
Von Manuel Boeck und Marc Forster
Sind Optionen wie ein Casino? Ja und nein. Es kommt drauf an, wie man sie einsetzt.
Sind Optionen wie ein Casino? Ja und nein. Es kommt drauf an, wie man sie einsetzt.
Bild: imago images / McPHOTO

Milliardenanleger tun es, reiche Leute, grosse Fonds genauso, aber auch die vielen "kleinen" Anleger, die mit ihren David-gegen-Goliath-Trades auf Plattformen wie Robinhood in den letzten Wochen die Börse – Stichwort GameStop - durcheinandergewirbelt haben: Sie kaufen Optionen oder Warrants, mit denen sie auf steigende oder fallende Kurse setzen.

Die Überlegung ist folgende: Kauft man jetzt beispielsweise eine Tesla-Aktie für 872 Dollar und diese ist in drei Wochen zehn Prozent mehr wert, dann hat man rund 87 Dollar Buchgewinn gemacht. Kauft man einen so genannten "Call" auf Tesla, kann man unter Umständen viel mehr verdienen. Aber wie geht das?

Man kauft Optionen oder Warrants, am einfachsten beim Online-Broker. Auch Hebelprodukte genannt, verfügen Optionen wie Aktien über eine Valorennummer und ein Tickersymbol und wandern per Maus- oder App-Klick ins Depot. Aber ganz so einfach es mit einem solchen Produkt aber nicht. Auf folgende wichtige Punkte muss man achten, bevor man eine Wette eingeht:

Klare Prognose ist wichtig

Bevor Anleger eine Option oder einen Warrant auswählt, sollte eine klare Vorstellung darüber darüber vorhanden sein, wie sich eine Aktie, der Basiswert, entwickeln wird.

Denn bei Optionen oder Warrants (verbriefte Optionen) erwerben die Käufer das Recht, aber nicht die Pflicht, einen Basiswert – also beispielsweise eine Aktie – in der Zukunft zu handeln. Der Gegenpart, etwa eine Bank, muss die Aktie dann anbieten (Call) oder dem Käufer abnehmen (Put). In der Praxis findet so ein Kauf oder Verkauf des Basis aber meist nicht statt. Käufer verkaufen ihre Optionen vorher, oder sie lassen sie verfallen. 

Ausübungspreis und Break-Even

Der Ausübungspreis oder auf englisch Strike ist der Preis, zu dem der Käufer einer Option den Basiswert kaufen (Call) oder verkaufen (Put) kann. Der Ausübungspreis der Option sollte bei Calls leicht unter und bei Puts leicht über dem aktuellen Kurs der Aktie liegen. Denn dann profitiert der Anleger am stärksten von einem Anstieg der Volatilität, sprich von den erwarteten Kursschwankungen des Basiswertes. 

Hier geht es zur Derivate-Übersicht von cash Banking by Bank Zweiplus

Der Break-Even gibt an, welches Kursniveau der Basiswert überschreiten (Call) oder unterschreiten (Put) muss, damit ein Anleger beim Halten des Warrants bis zur Fälligkeit keinen Verlust erleidet. Der Break-even ist allerdings nur für Anleger relevant, die ihren Warrant tatsächlich bis zum Laufzeitende halten möchten - dies ist bei den meisten Anlegern nicht der Fall.

Die Laufzeit berücksichtigen

Bei vielen Produkten ist eine Frist mit einer Laufzeit eingegrenzt. Ist die Laufzeit als "europäisch" angegeben, kann der Warrant nur am Laufzeitende ge- oder verkauft werden. "Amerikanisch" heisst, es kann jederzeit ge- und verkauft werden. Aktien-Optionen sind häufig "American-Style".

Ideal sind Warrants mit einer Fälligkeit in zwölf oder 18 Monaten. Denn wenn die Aktie sich nicht sofort wie erwartet entwickelt, hat man noch einen Puffer. Der Sport bietet die entsprechende Analogie: Auch beim Fussball ist es einfacher einen Rückstand auszubügeln, wenn das Spiel nicht bereits in drei Minuten abgepfiffen wird.

Warrants mit kürzeren Laufzeiten sind nur dann sinnvoll, wenn kurzfristig mit einer starken Kursentwicklung in die eine oder die andere Richtung gerechnet wird. Denn kürzere Laufzeiten bedeuten in der Regel auch einen grösseren Hebeleffekt.

Zeitwert

Zwei Komponenten bewegen den Optionspreis: der Innere Wert und der Zeitwert. Beide Faktoren werden vom Markt laufend neu bestimmt. Während der Innere Wert sich aus der Differenz zwischen dem aktuellen Börsenkurs des Basistitels und dem Ausübungspreis errechnet, ist der Zeitwert der Anteil des Optionspreises, der nicht durch den Inneren Wert abgedeckt wird.

Der Faktor Zeitwert wird bestimmt von der Restlaufzeit, dem Zinssatz, dem aktuellem Kurs des Basiswerts, der Volatilität des Basiswerts sowie der Höhe der Dividende. Der Zeitwert unterliegt einem fortlaufenden Wertverfall. Je mehr sich die Option dem Laufzeitende nähert, um so stärker schrumpft der Zeitwert. Mit der Annäherung an das Laufzeitende nimmt auch die Wahrscheinlichkeit ab, dass es zu einer günstigen Entwicklung des Basistitels kommt.

Wenn der Preis einer Aktie unter dem Ausübungspreis zu liegen kommt, ist der innere Wert bei null. Der Preis der Option ist daher dem Zeitwert gleichgesetzt. Befindet sich der Aktienpreis zu Laufzeitende nicht über dem Ausübungspreis, verfällt der Warrant wertlos.

Implizite Volatilität als bestimmende Grösse

Der mit Abstand wichtigste Einflussfaktor für den Zeitwert und damit auf den Preis von Warrants ist neben der Kursentwicklung des Basiswerts die sogenannte implizite Volatilität. Diese gibt die am Markt erwartete Schwankungsbreite des Basispreises an. Klettert sie, verteuern sich Calls und Puts. Sinkt die Schwankungsbreite, verbilligen sich die Papiere. 

Für Peter Steffen, Senior Portfoliomanager bei Vontobel Asset Management ist die implizite Volatilität auch einer der Faktoren, die Privatanleger gerne übersehen: "Die Investmentbanken verkaufen im Prinzip eine Versicherung. Diese wird zu einem grossen Teil durch die Implizite Volatilität bestimmt. Das ist der Gewinn der Market Maker."

"Die Aktien von GameStop haben sich kürzlich mit extremer Volatilität bewegt. Wenn sich die Aktie beruhigt und sich in den nächsten Wochen kaum mehr bewegt, dann kann es sein, dass Anleger aus dem Call-Warrant nichts gewinnen, da der Wertzerfall durch die zurückgehende implizite Volatilität grösser als der Kursgewinn der Aktie ist," sagt Steffen gegenüber cash.ch.

Dies heisst: Wer mit Warrants spekuliert, muss nicht nur eine klare Meinung über den künftigen Kursverlauf einer Aktie haben, sondern auch über die zu erwartende Volatilität. Somit ist der Verkauf von Warrants bei hoher und der Kauf bei niedriger impliziter Volatilität sinnvoll.

Bezugsverhältnis und Hebel auswählen

Das Bezugsverhältnis, auch Ratio genannt, drückt aus, wie viele Calls oder Puts benötigt werden, um einen Basistitel zu einem bestimmten Preis zu kaufen oder zu verkaufen. Für den Anleger ist diese Kennzahl nicht relevant. Es handelt es sich lediglich um eine technische Angabe.

Der eigentliche Reiz von Warrants ist: Ein Hebel, meist mit Leverage angegeben, lässt im Verhältnis zum eingesetzten Geld eine höhere Rendite zu, als wenn schlicht eine Einzelaktie gekauft wird. Bei einem Leverage von beispielsweise 5 verändert sich der Warrant fünfmal mehr als die zugrunde liegende Aktie. Der Leverage gibt also den Wert an, um den sich die prozentuale Kursänderung des Basiswerts in der Option vervielfacht und zwar sowohl positiv wie auch negativ.

Der Leverage ist nicht fix, sondern verändert sich bei jeder Bewegung des zugrunde liegenden Basiswerts und mit dem Ablauf der Laufzeit. Je weiter der Kurs des Basiswerts bei einem Call vom Ausübungspreis nach unten abweicht, desto grösser ist der Hebel. Liegt der Kurs deutlich darüber, desto kleiner wird der Hebel. Und je näher das Fälligkeitsdatum rückt, desto grösser wird der Hebel.

Für Anleger empfiehlt es sich daher, einen Warrant zu kaufen, dessen Ausübungspreis nahe am aktuellen Kurs liegt. Generell gilt: Je weiter der aktuelle Kurs des Basiswerts vom Ausübungs bei einem Call darunterliegt und je kürzer die Laufzeit, desto spekulativer ist die Anlage.

Spezialfall Knock-Out-Warrants

Bei so genannten Knock-Out-Warrants gibt es hingegen meist keine Laufzeit. Dann, wenn sie mit "open end" bezeichnet sind. Sie können immer ge- oder verkauft werden. Diese Produkte sind bei Privatanlegern beliebt: Sind sind "übersichtlicher", da die Kursentwicklung des Basiswerts massgebend ist. Dafür ist die Wahrscheinlichkeit eines Totalverlusts wegen des Knockouts höher, wenn sich der Kurs anders entwickelt als erwartet.

Knock-Out Warrants weisen zudem einen geringeren oder gar keinen Zeitwert auf und besitzen eine höhere Hebelwirkung als vergleichbar ausgestattete Warrants. Wegen ihres Knock-Outs und aufgrund der höheren Hebelwirkung sind sie riskanter als vergleichbare Warrants. 

Bei den Knock-out-Produkten entspricht der Ausübungspreis häufig auch der Knock-out-Schwelle, bei deren Verletzung das Knock-out-Produkt wertlos wird.

Fazit

Anlegerinnen und Anleger sind gut beraten, wenn sie sich bei der Auswahl eines Warrants zuerst einmal Gedanken über den Basiswert machen und dessen Kursverlauf über einen gewissen Zeithorizont einschätzen. Mithilfe von Volatilität und Leverage kann man auch die Risiken für sich selbst etwas klarer abschätzen.

Wer mit Warrants an der Börse handelt, sollte zudem eine Grundregel eisern beachten: Geld, mit dem man spekuliert, sollte man - im schlimmsten Fall - auch verlieren können. Das Risiko eines Totalverlusts kann man im Warrant-Geschäft nicht ausschliessen. Deshalb: Niemals mit geliehenem Geld Warrants kaufen.

Denn über alledem steht eine ganz grosse Warnung: Mit Optionen und Warrants zu handeln, beinhalten ein ziemliches Risiko. Zwar können Hebelprodukte auch für Absicherungsgeschäfte benutzt werden und eine wichtige Rolle in Portfoliokonstruktionen spielen - doch wer mit ihnen spekuliert und auf schnelle und bequeme Gewinne hofft, lebt gewissermassen gefährlich. Auf diese Weise gehören Optionen zu dem, was der Börse manchmal den Ruf einträgt, ein Casino zu sein.

Gut möglich, dass viele GameStop-Trader gar nicht wussten, was sie genau für Instrumente einsetzten - sie hatten einfach Glück, weil die Kurse und die implizite Volatilität so stark stiegen. Wer Warrants mit Bedacht wählt und umsichtig anhand von Risikoüberlegungen investiert, kann durchaus mit sehr guten Renditen rechnen. 

 

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