cash-Interview - «Schweizer Banken sind 'The Best of the Worst'»

Für Andrea Fornoni, Portfoliomanager des Fidelity Switzerland Fonds, ist gerade der Swiss Market Index für eine mögliche zweite Welle von Coronavirus-Infektionen im Herbst gut aufgestellt.
13.07.2020 05:55
Interview: Manuel Boeck
Andrea Fornoni, Fondsmanager bei Fidelity
Andrea Fornoni, Fondsmanager bei Fidelity
Bild: ZVG

cash: Generell gefragt: Was sind die wichtigsten Kriterien zur Aktienauswahl in Zeiten von Corona?

Andrea Fornoni: Im Normalfall gebe ich manche Konzessionen bei der Managementqualität, wenn die Zahlen grosses Aufwärtspotenzial aufweisen. In Zeiten von Corona verkaufte ich Namen, die zwar ein attraktives Geschäftsmodell aufwiesen, aber das Management nicht so stark war. Im Moment zählen daher folgende Auswahlkriterien: Hohe Managementqualität, hohe Attraktivität des Geschäftsmodells - und damit hohe Eigenkapitalrendite - und schlussendlich ein tiefes Schuldenniveau.

Ihr Fonds deckt auch Titel des Swiss Market Index (SMI) ab. Wie beurteilen Sie die Performance des Schweizer Leitindex bisher in der Coronakrise?

Der SMI ist im Vergleich zu allen übrigen europäischen Märkten und gegenüber der ganzen Welt ausgesprochen defensiv. Hauptsächlich wegen der Zusammensetzung des Index, wo Nestlé, Roche und Novartis gut die Hälfte ausmachen. Der Index performte relativ gesehen sehr gut während der Coronakrise, vor allem beim Einbruch. In der Erholung verlor der Index zwar an relativer Performance gegenüber den anderen europäischen Märkten, doch dies ist allein der Zusammensetzung geschuldet.

Ist aber nicht das Beste in diesem Jahr schon hinter uns?

Man sieht schon bei Gesundheitswerten und qualitativen Industriewerten, dass diese Kursstände wie vor der Coronakrise erreichen. Der Markt sagt sozusagen: 'Nichts ist passiert.' Wenn man in die Details geht, zeigen sich weitere positive Eigenschaften des SMI. Die Eigenkapitalrendite im Index war bis anhin viel besser als bei den anderen europäischen Indizes. Dies ist schon seit zehn Jahren der Fall. Es ist ein Fakt: Aktien mit einer hohen Eigenkapitalrendite performen relativ gut, wenn systemische Schocks passieren. Ein anderes positives Element für den SMI ist die Tatsache, dass die Gewinn-Revisionen nicht so stark ausfielen.

Was ist ihre Prognose im Hinblick auf die zweite Hälfte 2020?

Wir haben zwei Szenarien: Erstens, die Epidemie kommt nicht zurück. Ich glaube, dass der Markt dies schon vorwegnimmt. Es besteht die Annahme, dass 2021 eine vollständige Erholung eintritt und Corona der Vergangenheit angehört. In dieser Situation wird der SMI gegenüber den europäischen und den globalen Märkten underperformen. Dies wegen des geringen Gewichts von industriellen und zyklischen Titeln im Index.

Und was ist das zweite Szenario?

Zweitens: Wir nehmen aber an, dass der Markt das Risiko unterschätzt. Es besteht die Möglichkeit, dass wir im September und Oktober wieder Probleme mit der Epidemie haben werden. Viele Aktien, vor allem im industriellen Sektor, preisen dieses Risiko aber nicht ein.

Ist dies nicht etwa fahrlässig?

Ich glaube nicht, dass ein Lockdown ganzer Staaten passieren wird. Ganz einfach, weil viele sich dies gar nicht mehr leisten können. Doch es besteht das Risiko, dass sich die Wirtschaft nochmals verlangsamt. Aus dieser Perspektive bietet der SMI einen interessanten "Pay-off": Gegenüber einem weiteren Einbruch am Aktienmarkt ist der SMI global am besten geschützt. Denn über die letzten 20 Jahre war der Index immer "super-defensiv" bei Rückschlägen und fähig, aus diesen Rückschlägen mit Stärke herauszukommen. 

Warum haben Sie keine der Schweizer Grossbanken in ihrem Portfolio?

Banken sind für mich global gesehen das schlechteste Qualitätsinvestment angesichts dieser Tiefzinsumgebung. Gründe hierzu: Man fand in den letzten 20 Jahren zwar immer Banken, die eine hohe Eigenkapitalrendite wegen eines spezifischen Geschäftsbereichs in ihrem Unternehmen erzielten. Nebenbei hatten diese Banken aber Geschäftsbereiche die unprofitabel waren, aber für das Gesamtprodukt als notwendig angesehen wurden. Jetzt mit all den Fintech-Unternehmen können Kunden ihre Produkte gezielt auswählen. Aus diesem Grund nimmt der Wettbewerb im Bankgeschäft zu.

Also sehen Sie Risiken vor allem wegen des Wandels der Branche?

Aus diesen Gründen behandle ich Banken als high-Beta Aktien. Zwar sind die Schweizer Banken im europäischen Umfeld die Besten. Doch im Endeffekt sind Schweizer Banken "the best of the worst". Wir investieren erst in Banken, wenn alle anderen Investitionsmöglichkeiten ausgeschöpft oder wir bereit sind, dem Portfolio zyklische Titel hinzuzufügen. Das Risiko-Ertragsprofil für Banken bleibt auch in der zweiten Hälfte 2020 im negativen Bereich.

Versicherungen finden sich hingegen in ihrem Portfolio. Sehen Sie hier nicht auch grosse Risiken bezüglich einer zweiten Welle im Herbst?

Bei den Versicherungen bekomme ich eine vernünftige Bewertung und eine Dividende. Der Frage kann aber auch mit einem Witz entgegnet werden: "Es besteht ein grosser Schutz bei Versicherungen, da niemand die Versicherungen versteht." Daher schauen alle bei den Versicherungen auf die Dividenden.

Was ist an Versicherungen kompliziert?

Die Rechnungslegung von Versicherungen ist sehr komplex, aber am Ende kommt es darauf an, wie viel Geld an die Aktionäre zurückfliesst. Zudem kann gesagt werden, dass der Einfluss der Coronakrise mit all den Versicherungsansprüchen eingepreist ist. Für eine zweite Welle sind die Versicherungen durch Klauseln in den Policen oder durch die Begrenzung der Ansprüche geschützt. Und zum Schluss ist es eine Tatsache, dass die Wahrscheinlichkeit eines Rechtsskandals bei Banken grösser als bei Versicherungen ist.

Die Aktien von Lonza gewinnen seit Jahresbeginn 52 Prozent. Ist das Kurspotenzial nicht schon ausgeschöpft?

Lonza ist mit der geplanten Impfstoffproduktion sicherlich einer der Schlüsselprofiteure der Coronakrise. Es ist schwierig über das weitere Kurspotenzial zu reden, das von Corona ausgeht. Ebenso wissen wir nicht, wie sich die Pharmabranche nach der Coronakrise positionieren wird. Zudem steigt bei den momentanen Tiefstzinsen der Wert eines Unternehmens, das ein Wachstum aufweist, exponentiell. Schlussendlich muss man beachten, dass eine Aktie wie Lonza auch einen Schutz bei einem erneuten Rückschlag bietet.

Roche nimmt einen so grossen Teil in ihrem Portfolio ein. Warum?

Ich mag Roche wegen der Diagnostiksparte sehr. Eines haben wir aus der Corona-Epidemie gelernt: Der Wert des Testens ist sehr gross. Länder, welche über gute Testeinrichtungen verfügten, fahren in der Coronakrise relativ gut. Ich bin sicher, dass Roche das Beste aus der momentanen Situation mit seiner Diagnostiksparte herausholt.

Sie mögen auch die Aktien des Laborausrüsters Tecan. Diese legten in den letzten fünf Jahren von 91 auf 364 Franken zu. Sehen Sie weiterhin  Potenzial?

Tecan macht eine Evolution durch. Der Grund, warum man die Aktien vor vier Jahren gehalten hat, ist nicht derselbe Grund, warum man diese Aktien vor zwei Jahren hielt. Neu kommt als Begründung für das Halten dieser Aktien hinzu: Tecan gehört in einer Welt, wo Tests immer wichtiger werden, zu den Gewinnern. Warum sollte man daher die Performance nicht verkaufen? Tecan hat wie Lonza relativ sicheres Wachstumspotenzial und die Qualität des Geschäftsmodells ist sehr hoch.

Andrea Fornoni ist Portfoliomanager des Fidelity Switzerland Fonds. Zuvor war er als Aktienanalyst bei Fidelity und Pioneer Investments tätig. Er verfügt über einen Abschluss in Business Administration und General Management der Bocconi Universität in Mailand.

 
Aktuell+/-%
SMI10'090.91+0.23%
Nestle N107.90+0.20%
Roche Hldg G313.65-0.18%
Novartis N75.49-0.01%
Lonza Grp N562.60-1.47%
Tecan Grp N389.80-0.46%