«China grösseres Problem als Griechen»

In China brechen die Börsen seit Wochen massiv ein. Schwellenländer-Experte Heinz Rüttimann sagt im cash-Interview, was den Kursrutsch ausgelöst hat und warum China die unberechenbarere Krise ist als Griechenland.
09.07.2015 00:05
Interview: Marc Forster
Heinz Rüttimann ist Anlagestratege für Schwellenländer bei Julius Bär.
Heinz Rüttimann ist Anlagestratege für Schwellenländer bei Julius Bär.
Bild: ZVG

Die Kurse an chinesische Börsen sind seit Juni um ein Drittel eingebrochen. Die Regierung in Peking versucht hektisch, Gegensteuer zu geben - bisher allerdings erfolglos. Heinz Rüttimann, Anlagestratege für Schwellenländer bei der Bank Julius Bär, analysiert die Situation.

cash: Herr Rüttimann, sieht es am chinesischen Aktienmarkt nach einem Crash aus?

Heinz Rüttimann: Es gibt verschiedene Märkte in China: Hongkong, Shanghai und Shenzhen. Den Crash gibt es nur an den zwei letztgenannten Börsenplätzen, wobei Hongkong in Mitleidenschaft gezogen wird. Von einem Crash können wir reden, wenn die Bewertungen zu hoch waren, es also zu Übertreibungen kam. Dies gab es in Shanghai und Shenzhen, aber nicht in Hongkong.

Sehen Sie einen weiteren Abwärtstrend oder eher Stabilisierung?

Das Hauptrisiko sind die Handelsunterbrüche in Shanghai und Shenzhen. Noch ist unklar, wie viele Kunden, die kreditfinanzierte Aktienkäufe, das heisst Leverage tätigten, jetzt noch zwingend verkaufen müssen. Sie werden zu jedem Preis verkaufen müssen, oder ihre Positionen werden vom Broker liquidiert. Der Leverage-Anteil, der noch in den Märkten ist, muss zuerst 'herausgewaschen' werden. Die Tradings Stops verhindern dies im Moment. Wo wir gerade stehen, ist demnach schwierig abzuschätzen, aber es ist sicher noch nicht vorbei.

Wie charakterisiert sich der jüngste Aktienboom in China?

Der Boom in Shanghai und Shenzhen nahm seinen Ausgang im November 2014, in Hongkong erst im März dieses Jahres. In einem Markt, der rasch 20 oder 30 Prozent steigt, erwecken Aktien schnell Aufmerksamkeit. Die Börse in Shanghai stieg nach dem November um bis zu 130 Prozent. Die chinesischen Anleger haben grosse Ersparnisse und wissen nicht, wohin damit. Sparkonten ergeben für Chinesen unbefriedigende zwei Prozent Zins. Kunden gingen in häufige intransparente Vermögensverwaltungsprodukte, die fünf bis acht Prozent Rendite ergaben. Regulatoren griffen dagegen ein und drängten so mehr Bankkunden, gerade auch Kleinanleger, in die Aktien.

Schätzen Sie den chinesischen Privatanleger als besonders risikofreudig ein?

Ich würde sie nicht gerade als Gambler bezeichnen, aber die Risikobereitschaft ist sicherlich hoch. Das hat auch damit zu tun, dass in China die Aktienkultur erst im Entstehen ist. Ein Durchschnittshaushalt hält laut Statistiken rund 20 Prozent des Vermögens in Aktien, doch sind die Anleger noch unerfahren. Es geht nicht im Bewertungen, Gewinne, Berechnungen, sondern eher um Gier und Angst.

Was herrscht im Moment vor?

Eher die Angst. Es ist kaum jemand ein Langzeitinvestor, und die meisten wollen realisieren, auch bei nicht-kreditfinanzierten Positionen. Wer seit März dazugekauft hat, ist im Minus. Wer davor gekauft hat, ist noch im Plus, hat aber bereits 30 bis 35 Prozent weniger Gewinn. Es besteht im Moment kein allzu grosser Unterscheid zwischen den beiden Gruppen: Die Anleger verkaufen.

Welche Rolle spielt die Regierung?

Die Regierung spielt eine zentrale Rolle. Sie hatte die Aktienkäufe ermuntert und will den Anlegern jetzt zeigen, dass die Lage nicht so schlimm sei. Mit verschiedenen Eingriffen will sie den Markt abkühlen. Wegen der kreditfinanzierten Käufe haben die Anleger aber gar keine andere Wahl, als zu verkaufen.

Was wird die Notenbank machen?

Die Notenbank hat die Zinsen bereits gesenkt. Wenn man etwas Positives an der aktuellen Situation abgewinnen kann, sind es die Stabilisierungsmassnahmen von Regierung und Notenbank. In den nächsten zwei bis drei Monaten werden die Einkaufsmanager-Indizes, die Industrieproduktion und das Konsumverhalten zeigen, wie erfolgreich diese waren. Das Wachstumsziel für 2015 ist nach wie vor bei sieben Prozent.  

Was ist für Anleger das grössere Problem – Griechenland oder China?

Auf jeden Fall China: Die Situation ist noch nicht geklärt und das Land ist von viel grösserer Bedeutung. Bei Griechenland kennt man die Lage langsam, man ist vorbereitet. Bei China besteht die Angst vor Kettenreaktionen im Land selbst. Die Heftigkeit der Korrektur hat uns auf dem falschen Fuss erwischt. Befürchtungen bestehen für den Fall, wenn die Lage nicht stabilisiert werden kann. Allerdings hat China massive finanzielle Ressourcen, und gerade weil das Land keine Demokratie ist, werden Entscheide schnell umgesetzt.

Wie wirkt sich die Situation auf die Schweiz aus?

Eine Korrektur in Asien löst oftmals auch eine Korrektur im Westen aus und umgekehrt. Das Problem spielt sich im Moment sehr lokal ab in einem Aktienmarkt, zu dem ausländische Investoren nur schwer Zugang haben. Die direkten Auswirkungen dürften eher gering sein.