Angesichts des zunehmenden Wettbewerbs und schrumpfender Margen könnte der Einsatz künstlicher Intelligenz einen neuen Branchenstandard setzen. Nach einer Schätzung des Autodesigners IAT Automobile Technology und der China Association of Automobile Manufacturers könnten völlig neue Modelle künftig in nur 18 Monaten auf den Markt kommen. Derzeit dauert dies rund zwei Jahre. Bei etablierten ausländischen Wettbewerbern sind es dagegen etwa drei bis fünf Jahre.
Die China-Geschwindigkeit hat zwar einen neuen globalen Massstab gesetzt und etablierte Marken in einen existenziellen Kampf um Marktanteile gezwungen. Gleichzeitig wächst jedoch die Sorge, dass die rasante Innovationsgeschwindigkeit der Autohersteller sowohl der regulatorischen Aufsicht als auch ihren eigenen Kapazitäten zur Qualitätskontrolle davonlaufen könnte.
In der Branche wird zunehmend darüber diskutiert, ob die verkürzten Entwicklungszeiten den Ruf chinesischer Marken gefährden könnten. Das gilt insbesondere angesichts ihrer Expansion in Auslandsmärkte wie Europa. Umstritten ist aber auch, ob die kurzen Entwicklungszeiten nicht vielmehr ihre Wettbewerbsstärke zeigen.
Chinas Regulierungsbehörden verschärfen ihren Fokus auf die Sicherheit. Sie haben eine einjährige Kampagne gestartet, zu der unangekündigte Inspektionen bei Autoherstellern gehören. Damit reagieren sie auf Bedenken, dass die Qualität unter dem Streben nach Geschwindigkeit leiden könnte.
Diese Sichtweise deckt sich mit jüngsten Äusserungen von Managern von Zhejiang Geely, Great Wall Motor und Chery Automobile. Sie warnten, dass kürzere Entwicklungszeiten die Kunden faktisch zu Versuchskaninchen machten, die die Haltbarkeit und Sicherheit in Echtzeit testeten.
«Autos sind keine schnelllebigen Konsumgüter. Sie betreffen die Sicherheit von Millionen Familien und müssen sich unter unterschiedlichsten Strassenbedingungen, Klimabedingungen und Fahrgewohnheiten weltweit bewähren», erklärte Li Xueyong, Vizepräsident bei Chery, in einem Social-Media-Beitrag vom 26. August. «Es gibt schlicht einige Entwicklungszeiten, bei denen wir es uns nicht leisten können, Abstriche zu machen.»
China führt derzeit seinen bislang grössten Fahrzeugrückruf durch
Nach mehreren aufsehenerregenden tödlichen Unfällen wurden die Vorschriften für Batterien, fortschrittliche Fahrerassistenztechnologie und Türgriffe bereits verschärft. China führt derzeit seinen bislang grössten Fahrzeugrückruf durch. Tesla und acht weitere Autohersteller sollen mehr als 4,27 Millionen Elektrofahrzeuge nachbessern, um neue Anforderungen an Türen zu erfüllen.
Peking schlägt vor, die vorgeschriebenen Strassentests für Fahrzeuge mit alternativen Antrieben auf 30'000 Kilometer zu verdoppeln. Chinesische Autohersteller hätten die Grenzen dafür ausgereizt, wie schnell sich Fahrzeuge entwickeln lassen, die den Sicherheitsvorschriften entsprechen, sagten zwei mit den Test- und Validierungsverfahren im Land vertraute Personen. Sie baten darum, nicht namentlich genannt zu werden.
Das Ministerium für Industrie und Informationstechnologie verfolge Kundenbeschwerden im Internet aufmerksam, sagten zwei Führungskräfte eines chinesischen Autoherstellers. Auch sie baten um Anonymität. Nachdem einige Modelle des Herstellers wegen eines Defekts Beschwerden ausgelöst hatten, kontaktierte die Aufsichtsbehörde das Unternehmen. Nach Angaben der Insider wollte sie wissen, wie der Hersteller das Problem beheben wolle.
Zu diesem Zeitpunkt hatte das Unternehmen noch keine Ersatzteile organisieren und sich noch nicht mit Händlern und Werkstätten abstimmen können. Etwa einen Monat nach Beginn des Problems erfolgte ein offizieller Rückruf.
In der ersten Jahreshälfte wurde Chinas Automarkt mit Hunderten Modellneueinführungen und -überarbeitungen überschwemmt. Zugleich wird KI rasch in sämtliche Bereiche der automobilen Lieferkette integriert. «Geschwindigkeit ist zu einem festen Bestandteil des Betriebsmodells der chinesischen Branche geworden, und die Verbraucher erwarten eine schnelle Produkterneuerung», sagt Bill Russo, Gründer der in Shanghai ansässigen Beratung Automobility
(Bloomberg/cash)

