Darum holt UBS den technikaffinen ING-Chef an die Spitze

Dem künftigen UBS-Chef Ralph Hamers winkt deutlich mehr Gehalt als bei seiner alten Arbeitgeberin ING, die zugleich ein Beispiel für digitale Innovation ist. Eine Tageszusammenfassung.
20.02.2020 18:58
Mit Smartphone und Tablet: Ralph Hamers hat bei der ING stark auf Digitalisierung gesetzt.
Mit Smartphone und Tablet: Ralph Hamers hat bei der ING stark auf Digitalisierung gesetzt.
Bild: imago images / tagesspiegel

Smartphone statt gediegenes Sitzungszimmer: Mit einem überraschenden Chefwechsel will sich die Schweizer Grossbank UBS fitmachen für eine digitale Zukunft. Ralph Hamers, Vorstandschef des niederländischen Geldhauses ING, soll Sergio Ermotti Anfang November als Konzernchef ablösen. Mit dem 53-jährigen Niederländer holt sich das grösste Schweizer Geldhaus einen Experten für Online-Banking an die Spitze. "Ralph ist eine ausgewiesene Führungspersönlichkeit im Bankwesen und passt kulturell sehr gut zu UBS", sagte UBS-Präsident Axel Weber am Donnerstag in Zürich. "Unter seiner Führung hat die ING einen grundlegenden Wandel in ihrem Geschäftsmodell vollzogen und gilt heute als eines der besten Beispiele für digitale Innovationen im Bankensektor."

Allerdings sind die Niederländer vor allem im Privat- und Firmenkundengeschäft stark, während die Vermögensverwaltung für reiche Kunden kaum eine Rolle spielt - anders als bei der UBS, die von Ermotti nach der Finanzkrise stark auf die Betreuung Reicher ausgerichtet wurde, die eine Rundumbetreuung erwarten. "Man kann sich nicht auf die Digitalisierung an sich konzentrieren, das ist kein Ziel an sich", sagte Hamers bei einer Pressekonferenz gemeinsam mit Weber und Ermotti. Im Fokus sollte stehen, Aktivitäten und Kundenerlebnis zu verbessern. Künstliche Intelligenz werde die Banken stark beeinflussen, erwartet Hamers.

Bei den Anlegern kam der Chefwechsel gut an: Mit Kurszuwächsen von 2,5 und 0,9 Prozent gehörten UBS und ING zu den am stärksten gefragten europäischen Bankwerten. Die Schweizer sind an der Börse rund 47 Milliarden Euro wert, ING bringt es auf 39 Milliarden.

ING auf Digitalisierung getrimmt

Hamers stand seit 2013 an der Spitze der ING, für die er seit 1991 tätig war. Während seiner Zeit als Konzernlenker hat er den Ausbau der digitalen Kanäle vorangetrieben, die IT modernisiert, eine Reihe von Fintech-Unternehmen übernommen und die Kundenzahlen gesteigert. ING-Verwaltungsratschef Hans Wijers lobte den Manger als jemanden, der die Bank vorbildlich für die Zukunft vorbereitet habe, und bedauerte seinen Abgang.

In Hamers Amtszeit fällt allerdings auch die grösste Geldwäschestrafe in der niederländischen Geschichte: 2018 musste ING wegen mangelnder Kontrolle von Kundenkonten 775 Millionen Euro zahlen. Das schlug sich auch im Gehalt des Chefs nieder: Seine Boni wurden gestrichen und eine geplante Gehaltserhöhung nach massiven Protesten von Kunden und Politikern fallengelassen. Mit 1,75 Millionen Euro erhielt Hamers 2018 weniger Geld als die meisten Chefs europäischer Grossbanken. Das dürfte sich bei der UBS ändern: Ermotti bekam im gleichen Jahr umgerechnet 13 Millionen Euro. Hamers hatte die sprichwörtliche niederländische Genügsamkeit wiederholt kritisiert und gewarnt, dass sie es erschwere, Spitzenleute anzuwerben.

Ermotti, der seit 2011 an der UBS-Spitze steht, hat sich insbesondere um den Wiederaufbau der Bank nach der Finanzkrise mit Schwerpunkt auf der Vermögensverwaltung verdient gemacht. Allerdings bremsten vergangenes Jahr das niedrige Zinsumfeld und der Preisdruck die UBS: Der weltweit grösste Verwalter von Privatvermögen verpasste seine erst vor gut einem Jahr ausgegebenen Renditeziele und zeigte sich für die kommenden zwei Jahre pessimistischer.

Starbanker aus dem Rennen um UBS-Chefposten

Hamers, der mit einer ehemaligen ING-Kollegin verheiratet ist und Zwillinge hat, soll bereits Anfang September zur UBS stossen. Seine Ernennung beendet Spekulationen, dass der Star-Vermögensverwalter Iqbal Khan, der im vergangenen Jahr vom Erzrivalen Credit Suisse zur Bank wechselte, Ermotti als Konzernchef ablösen könnte.

Zwei mit der Angelegenheit vertrauten Personen zufolge beschloss die UBS, ausserhalb der Bank einen Nachfolger für Ermotti zu suchen, nachdem Investmentbankchef Andrea Orcel das Geldhaus 2018 verlassen hatte und die Zahl interner Kandidaten mit genügend Erfahrung geschrumpft war. Weber erklärte, dass die ernsthafte Suche nach einem neuen CEO vor 15 Monaten begonnen habe. Der ehemalige Bundesbankchef peilt bei der Generalversammlung im April eine Wiederwahl an die Spitze des UBS-Verwaltungsrats an und steht bis 2022 zur Verfügung. Ermotti wollte sich zu Ambitionen auf das Präsidium der Bank nach einer Phase der Abkühlung nicht äussern.

Der Wechsel bedeutet einen erneuten Paukenschlag für die Schweizer Bankenwelt. Erst vor zwei Wochen hatte das zweitgrösste Schweizer Geldhaus Credit Suisse Thomas Gottstein zum Konzernchef ernannt, nachdem sein Vorgänger Tidjane Thiam wegen der Affäre um die Beschattung von ehemaligen Top-Managern seinen Hut nehmen musste.

(Reuters)