«Das Gröbste an den Börsen dürfte vorbei sein»

Christian Gattiker, Chefstratege der Bank Julius Bär, schätzt die jüngsten Turbulenzen an der Börse ein und nennt Anlage-Strategien. Zudem äussert er sich im cash-Interview zum Franken-Kurs und zur SNB-Kursuntergrenze.
13.06.2013 20:16
Interview: Ivo Ruch
Christian Gattiker ist Chefstratege der Bank Julius Bär.
Christian Gattiker ist Chefstratege der Bank Julius Bär.
Bild: cash

cash: Herr Gattiker, die japanische Börse ist am Donnerstag um 6,4 Prozent abgestürzt. Auch der SMI hat Boden verloren. Wie lange hält diese Börsenkorrektur noch an?

Christian Gattiker: Das ist schwierig zu sagen, weil der Grund dieser Korrekturen bei den japanischen Finanzmärkten liegt. Japan hat die globalen Finanzmärkte im ersten Quartal sehr stark befeuert, und jetzt führt es umgekehrt zu einer Ernüchterung, die ganz normal ist. Wenn man sich vor Augen führt, dass die japanische Regierung und die Bank of Japan nicht als Hauptziel hat, den SMI zu stützen, dann kann man nicht davon ausgehen, dass eine radikale Kehrtwende zum Besseren ansteht. Aber wenn man die globale Lage betrachtet, dann mehren sich die Zeichen, dass es nicht so schlimm aussieht, wie es die turbulenten Kursbewegungen an den Börsen der letzten drei bis vier Wochen nahelegen könnten.

Ihrer Meinung nach dürften die heftigen  Kursschwankungen in Zukunft also zurückgehen?

Die gröbste Anpassung dürfte vorbei sein, und anschliessend wird sich die Lage wieder etwas stabilisieren.

Momentan sind verschiedene Verunsicherungen im Markt. Was sind Ihre Ratschläge an Anleger in diesem Umfeld?

Wir setzen auf die globalen Gewinner. Also auf Unternehmen, die aufgrund ihrer weltweiten Tätigkeit die regionalen Verschiebungen im Umsatz- und Gewinngefüge am besten dadurch kompensieren können, dass sie am globalen Wachstum, das immer noch stattfindet, teilnehmen. In den nächsten fünf bis zehn Jahren wird das grosse Thema der Schwellenländer-Konsument sein. Anders als in den letzten zehn Jahren wird in den Schwellenländern der Konsum ungleich stärker ansteigen als die Investitionen. Deshalb sollte man Unternehmen suchen, die von diesem Trendwechsel profitieren. Und diese Unternehmen gibt es auch in der Schweiz.

Schauen wir noch in die USA. Es wird darüber spekuliert, wann die amerikanische Zentralbank ihre Konjunkturhilfen sukzessiv zurückfährt. Welchen Zeithorizont halten sie für angebracht?

Wir halten diese Diskussion jetzt für verfrüht. Logisch, irgendwann muss sie kommen, denn es kann ja nicht ewig so weitergehen. Wir sehen zwar Verbesserungen in den USA: beispielsweise im Häusermarkt und beim Budgetdefizit. Wenn man aber beachtet, woher die USA kommen, muss man die Situation noch mindestens sechs bis neun Monate beobachten, bevor man von einer Trendwende sprechen kann. Im Japan der 90er Jahre war es einer der zentralen Fehler, dass man die Stützprogramme zu früh absetzte und folglich wieder zurückschlitterte. Deshalb wird der Markt möglicherweise noch überrascht sein, wie lange das Fed so weitermacht. Wir erwarten, dass die USA ab Frühling 2014 die Hilfe abzudämpfen beginnt und Ende 2014 die Anleihenkäufe stoppt. Anschliessend – 2015 und 2016 - werden dann wohl die Zinsen angepasst. Wir sprechen hier also von einem Prozess über drei bis vier Jahre, aber der Markt hat momentan das Gefühl, das Ganze geschehe über Nacht.

Wenn das Fed allerdings früher aktiv würde, was würde dann passieren?

Das Fed hat zusätzlich die Unsicherheit der Märkte geschürt indem es ankündigte, nicht mehr unlimitiert einzugreifen. Das erzeugt eine paradoxe, neue Wahrnehmung. Wenn beispielsweise die amerikanischen Arbeitsmarktdaten besser werden, verhalten sich die Märkte genau gegenteilig und reagieren negativ.

Die Bank Pictet hat im Mai die Goldpositionen aus ihren Kundendepots liquidiert. Hat Julius Bär ähnliches vor?

Wir haben das bereits früher gemacht. In drei Stufen haben wir die Goldpositionen abgebaut. Im Maximum hatten wir sechs Prozent Goldanteil in einem durchschnittlichen Portfolio, und das haben wir schon im ersten Quartal liquidiert. Damit wir das wieder ändern, müsste sich das Umfeld drastisch in die Richtung von 2008 bis 2010 verschlechtern.

Sie befürworten langfristig eine Aufgabe der Euro-Untergrenze der Schweizerischen Nationalbank. Welche Faktoren müssen gegeben sein, damit dieser Ausstieg vollzogen werden kann?

Die Europa-Frage ist dabei bestimmt zentral. Wie stabil ist dieses Gebilde und in welche Richtung geht der Trend? Bisher hat sich einiges zum Besseren gewendet. Das kann man auch am Franken-Euro-Kurs ablesen. Wichtig ist ebenfalls die Frage, wie stark die Schweizer Exportwirtschaft durch den Wechselkurs immer noch gehemmt ist. Wahrscheinlich wäre ein Kurs von 1,30 Franken verkraftbar. Würde dieser Wert erreicht, wäre das ein Signal, dass man sich mittelfristig oder allenfalls vorübergehend von der Euro-Untergrenze verabschieden könnte.

In den letzten Tagen wurde der Franken gegenüber dem Euro allerdings wieder stärker. Welchen Zeithorizont sehen Sie in Bezug auf den Exit der SNB?

Falls man wirklich Fortschritte sieht, ist es durchaus möglich, dass der Kurs im zweiten Halbjahr wieder in Richtung von 1,27 oder 1,28 steuert. Ein Auslöser könnte beispielsweise der EU-Gipfel Ende Monat sein. Oder aber die deutschen Wahlen im Herbst. Je nach Wahlresultat könnte das sogar zu einer Europa- oder Wachstumsfreundlicheren Politik führen. Weil dann die Panik und die Sorgen ums Wachstum verschwinden könnten, wäre vor einem solchen Hintergrund die Wahrscheinlichkeit grösser, dass sich der Franken abschwächen und nicht mehr als sicherer Hafen benutzt würde.

In Frankreich und Italien sind hingegen 'junge' Regierungen am Werk.  Warum ist man dort nicht in der Lage, die nötigen Reformen anzustossen?

Jene peripheren Länder, die massive Reformen durchführen mussten, beispielsweise Griechenland, Spanien, Portugal oder  Irland, konnten in den Boomjahren auf Bankkredite aus Nordeuropa zurückgreifen. Diese Kredite sind nun weggebrochen. Deshalb musste man sich unter starkem Druck anpassen. Anders Italien und Frankreich; sie haben sich in den letzten zehn Jahren weitgehend über ihr eigenes Bankensystem refinanziert und stehen deshalb weniger unter institutionellem Anpassungsdruck aus Nordeuropa. Kommt hinzu, dass in diesen Ländern andere Anschauungen des Sparkurses vorherrschen. Nicht nur in Europa wird diesbezüglich eine grosse Diskussion geführt: Bringt drastisches Sparen in Zeiten schwachen Wirtschaftswachstums langfristig Segen oder müsste man Gegensteuer geben?