Das sagen Ökonomen zum verlängerten EZB-Anleihenkaufprogramm

Die Europäische Zentralbank (EZB) will die Bankenbranche noch länger mit billigem Geld fluten. Im Folgenden erste Reaktionen von Experten.
08.12.2016 16:20
Die EZB pumpt mit ihren Anleihenkäufen weiter Geld in die Euro-Zone.
Die EZB pumpt mit ihren Anleihenkäufen weiter Geld in die Euro-Zone.

Die Euro-Wächter kündigten am Donnerstag an, ihr Anleihen-Kaufprogramm zur Stützung der Konjunktur um neun Monate bis mindestens Ende Dezember 2017 zu verlängern. Gleichzeitig soll das bisherige monatliche Volumen von 80 Milliarden Euro ab April 2017 auf 60 Milliarden gesenkt werden.

Christoph Schmidt, Wirtschaftsweiser und Chef RWI-Institut:
"Gerade nach dem enttäuschenden Ausgang des Referendums in Italien geht von der heutigen Entscheidung der EZB, das Ausmaß ihrer Anleihekäufe zurückzufahren, das richtige Signal aus: Es liegt vor allem an den Regierungen der Mitgliedsstaaten, mit Konsolidierungsbemühungen und Strukturreformen die langfristige Stabilität des Euro-Raums sicherzustellen. Die expansive Geldpolitik kann hingegen bestenfalls die Zeit für diese Reformen freischaufeln, aber sie schafft über kurz oder lang große Risiken, vor allem für die Finanzmarktstabilität."

Ulrike Kastens, Sal. Oppenheim:
"Wieder einmal überrascht die EZB. Die monatliche Reduktion des Ankaufvolumens war so nicht erwartet worden. Doch insgesamt wird sie nochmals expansiver, denn das Programm wird bis Dezember 2017 laufen und ein zusätzliches Ankaufvolumen von 540 Milliarden Euro haben, also größer sein als gedacht. Dies sollte vor allem auch Peripherie-Staaten Sicherheit geben. Der moderate Konjunkturausblick und vor allem die erneute deutliche Verfehlung des Inflationsziels - selbst 2019 wird nur eine Inflationsrate von 1,7 Prozent erwartet - sprechen dafür, dass die EZB weiterhin sehr expansiv bleiben wird."

Jan Holthusen, DZ Bank:
"Die Reduktion der monatlichen Anleihekäufe sollte nicht als Ausstieg aus dem Programm der quantitativen Lockerung interpretiert werden. Sie ist vorerst lediglich eine Rücknahme der Erhöhung von 60 auf 80 Milliarden Euro per April 2016 und damit auch nicht der Beginn des vielzitierten 'Tapering'. Dass in Zukunft auch Anleihen gekauft werden dürfen, deren Rendite unterhalb des EZB-Einlagensatzes liegt, könnte zu einer noch steileren Renditestrukturkurve am Rentenmarkt führen. Gleichzeitig schafft sich die EZB damit Spielraum für ihre weiteren Käufe - von einer drohenden Knappheit an Bundesanleihen kann somit nicht mehr geredet werden."

Isabel Schnabel, Wirtschaftsweise:
"Die Reduzierung des Ankaufvolumens geht in die richtige Richtung. Aber das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Volumen der Ankäufe noch immer sehr hoch ist, zumal zusätzlich die Mittel der fällig werdenden Anleihen reinvestiert werden. Von einem Ausstieg kann also keine Rede sein."

Viola Julien, Helaba:
"Die EZB hat das Programm über den März 2017 ausgeweitet, die angekündigte Rückführung der Anleihekäufe um 20 Milliarden Euro kam allerdings überraschend. Zwar wurde ebenfalls gesagt, dass das Programm bei Bedarf wieder ausgeweitet werden kann. Marktteilnehmer hatten aber auf unveränderte Volumina gesetzt. Die Anpassung der Kaufmodalitäten des Programms dürfte ausreichen, um einer Knappheit am Anleihemarkt zu begegnen, auch angesichts der zuletzt gestiegenen Renditen, die dieses Problem bereits reduziert hatten. Letztlich wird aber mit der Reduzierung des Kaufvolumens das Signal einer allmählichen Rückführung des Kaufprogramms gegeben, wenngleich dies auch sehr zögerlich vonstattengehen wird."

Clemens Fuest, Ifo-Präsident:
"Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Auch wenn es besser gewesen wäre, den Umfang der Käufe Monat für Monat noch stärker zu verringern. Denn nach Einschätzung des Ifo-Instituts wird die Euro-Inflationsrate bis März auf eine Jahresrate von 1,5 Prozent steigen und bis zum Jahresende auf 1,6 Prozent. Das ist nahe dran an den knapp unter zwei Prozent, die die EZB anstrebt. Das Argument der EZB für die Anleihekäufe trägt also 2017 nicht mehr."

Holger Sandte, Europa-Chefökonom Nordea:
"Das klingt nach einem typischen EZB-Kompromiss - Anleihekäufe für längere Zeit, aber mit geringeren Käufen pro Monat ab April 2017. Und die EZB bleibt flexibel, die Kürzung wieder rückgängig zu machen. Auch wenn die Finanzmärkte diese Entscheidung als 'hawkishe' Überraschung einstufen - die EZB bleibt auf dem Gaspedal. Das Zurückfahren der Anleihekäufe wird ein langer Prozess, Zinserhöhungen deuten sich noch lange nicht an."

Jörg Zeuner, KFW-Chefökonom:
"Mit dem heutigen Beschluss ist der EZB ein vorsichtiger Einstieg in den Ausstieg aus dem Wertpapierkaufprogramm gelungen. Das Wirtschaftswachstum in der Euro-Zone ist robust und wird durch eine kontinuierliche Verbesserung am Arbeitsmarkt über den privaten Konsum gestützt. Die Inflationsrate zieht an und die Inflationserwartungen sind nach ihrem Tiefpunkt im September wieder auf dem Weg nach oben. Diese Entwicklung sollte sich im kommenden Jahr fortsetzen und der EZB ermöglichen, das Wertpapierankaufprogramm allmählich weiter zu drosseln. Hierbei wird auch ein weiterhin starker US-Dollar hilfreich sein."

Jörg Krämer, Commerzbank-Chefökonom:
"Die Option war bekannt: weniger, aber dafür länger zu kaufen. Aber die meisten haben damit nicht gerechnet. Die EZB stößt irgendwann in der zweiten Jahreshälfte 2017 an die Obergrenze des Kaufprogramms. Dann wird sie in einigen Ländern wie Deutschland und Italien ein Drittel der Staatsanleihen halten. Sie hat diese Grenze vor Augen und ist deshalb zu dem alten Kaufvolumen von 60 Milliarden Euro zurückgegangen. Zumal der Markt derzeit alles wegsteckt, etwa das Italien-Referendum. Das ist nicht das Ende der lockeren Geldpolitik. Das ist kein Einstieg in den Ausstieg. Die lockere Geldpolitik wird nicht einfach beendet, denn die Staatsschuldenkrise ist noch nicht gelöst. Die EZB bleibt am Haken der Politik, auch wenn sie heute etwas mehr Unabhängigkeit signalisieren wollte."

(Reuters)