Defensivwerte - Unternehmensanleihen und Coronakrise - «Boredom is King»

In Krisenzeiten zeigt sich, dass eine Diversifikation des Portfolios zwingend ist. Besonders Unternehmensanleihen stärken die Defensive. Doch aufgepasst: Die Liquidität der Unternehmen ist bei der Auswahl entscheidend.
18.03.2020 14:20
Von Manuel Boeck
Anleihen sind wie ein Bollwerk im Portfolio: Die Kreuzritter-Festung Krak des Chevaliers im Nahen Osten.
Anleihen sind wie ein Bollwerk im Portfolio: Die Kreuzritter-Festung Krak des Chevaliers im Nahen Osten.
Bild: imago images / Arabian Eye

Seit dem 23. Februar kennen die Aktienmärkte wegen der globalen Ausbreitung des Coronavirus tendenziell nur eine Richtung: Nach unten. Der Swiss Market Index SMI hat seit diesem Zeitpunkt 27 Prozent verloren. Im Vergleich dazu steht der Swiss Bond Index SBI, der Schweizer Unternehmensanleihen der Bonität AAA-BBB abbildet, im Vergleich zum 23. Februar nur um 5 Prozent tiefer. 

Nicht umsonst lautet die geläufige Antwort auf die Frage nach der Zusammensetzung des Portfolios auch, dass sich ein Anlageziel am besten mit einer Mischung aller Anlageformen erreichen lässt. Also Aktien, Anleihen, Rohstoffe und Immobilien. Die Begründung: Die Performance unterschiedlicher Anlageklassen verläuft über die Zeit nicht gleich. 

Laufzeit und Qualität sind entscheidend

Wie die Coronakrise gerade mit Nachdruck vor Augen führt, können Aktien in Zeiten von hoher Volatilität deutlich schlechter abschneiden als Staats- und Unternehmensanleihen. Gerade letztere können eine interessante Ergänzung zu Aktien bieten. Doch auf was sollte man beim Erwerb von Unternehmensanleihen achten?

Eine Unternehmensanleihe ist eine Schuldverschreibung von Unternehmen. Dies ist gegenüber dem Bankkredit eine alternative Möglichkeit für Unternehmen, Geld aufzunehmen. Während der Laufzeit erhält der Anleger in der Regel ein- bis zweimal jährlich eine Zinszahlung, die auch als Coupon bezeichnet wird. Am Ende der Anleihelaufzeit sollte das Unternehmen das Geld zurückzahlen.

Der Zinssatz der Anleihe ist umso höher, je länger die Laufzeit dauert. Doch auch die Qualität des Unternehmens hat einen Einfluss auf den Zinssatz. Je höher das Risiko bewertet wird, dass das Unternehmen seine Schulden nicht mehr begleichen kann, desto höher ist Risikoprämienanteil am Zinssatz. Aus diesem Grund haben auch einige Staatsanleihen so niedrige Zinsen. Es wird dabei angenommen, dass ein Staat mit höherer Wahrscheinlichkeit das Geld zurückzahlt als Unternehmen.

Zykliker nach Coronakrisehöhepunkt attraktiv

Doch auf welche Unternehmensanleihen soll man in der Coronakrise setzen? Bei vielen Unternehmensanleihen sind die Risikoprämien gestiegen. Dies sei durch die Angst vor den wirtschaftlichen Auswirkungen des Coronavirus getrieben, sagt Michael Hess, Leiter Portfolio Management Corporate Credit des Vermögensverwalters Bantleon Bank. Für einen Einstieg in die zyklischen Sektoren sei es noch etwas zu früh. Jedoch erwarte Bantleon dort die grössten Opportunitäten, sobald die Coronavirus-Epidemie ihren Höhepunkt erreicht habe.

Hess sieht daher insbesondere die weniger zyklischen Sektoren als besonders attraktiv an. Wie bei Aktien reagieren dort die Unternehmensanleihen weniger stark auf Schwankungen. Zu den weniger zyklischen Sektoren gehörten der Versorgerbereich, Basiskonsumgüter und der Pharmabereich – im Pharmabereich vor allem in Euro ausgegebene Anleihen der Schweizer Pharmakonzerne.

Bantleon beachte jedoch Unternehmensanleihen, die in Schweizer Franken ausgegeben sind, derzeit nicht, sagt Hess. Grund: Im aktuellen Marktumfeld seien Unternehmensanleihen anderer Währungen, vor allem in Euro und US-Dollar, deutlich attraktiver.

Illiquidität droht auch solventen Firmen

Einfluss auf die Unternehmensanleihen haben auch die Zinssenkungen der Zentralbanken. Diese Massnahmen bewirken, dass sich die qualitativ besten und robustesten Unternehmen in nicht-zyklischen Sektoren zu noch günstigeren Konditionen refinanzieren könnten. Die zyklischen Unternehmen müssen hingegen trotz Zinssenkungen eine höhere Prämie am Markt bezahlen.

Der Coronaeffekt mache sich insbesondere bei qualitativ tieferen Unternehmensanleihen in zyklischen Sektoren bemerkbar, sagt Heinz Rüttimann, Senior Portfolio Manager beim Finanzdienstleister Alpinum Investment Management. Am Schwierigsten sei es für die Unternehmen, welche die ausgefallenen Umsätze im Verlaufe des Jahres nicht mehr werden kompensieren könnten.

"Eine Firma kann solvent sein, aber die mit den Umsatzausfällen fehlende Illiquidität kann zum Kollaps führen", sagt Rüttimann. Dazu gehöre jetzt insbesondere die gesamte Wertschöpfungskette in der Reise- und Tourismusbranche.

"Neben der Solvenz ist der Fokus insbesondere auf die Liquidität gerichtet", so Rüttimann. Im jetzigen Marktumfeld müsse man sich entscheiden, ob der Kapitalerhalt oder die taktische Kaufgelegenheit im Vordergrund stehe.

Für Alpinum Investment Management steht der Kapitalerhalt im Vordergrund. Bevorzugte Herausgeber von Anleihen für das Anlageunternehmen sind daher zum Beispiel der Rückversicherer Swiss Re (Anleihe mit einer Laufzeit bis 2027), die Grossbank Credit Suisse (Anleihe mit einer Laufzeit bis 2023) oder der Agrarkonzern Syngenta (Anleihe mit einer Laufzeit bis 2024).

Anleihen für ein defensives Bollwerk

"Schweizer Unternehmen sind sehr gut kapitalisiert," sagt Olivier Hildbrand, Senior Investment Manager in Pictet Asset von der Privatbank Pictet. Es böten sich jetzt Gelegenheiten, einige Namen zu kaufen. Gute Gelegenheiten seien Hybridbonds, Anleihen mit langer Laufzeit oder keiner Laufzeitbegrenzung, von Versicherungen wie Swiss Life, Helvetia oder Baloise beim richtigen Preis. Das gleiche gelte für Kantonalbanken.

Eine grosse Schwierigkeit besteht nach Hildbrands Beobachtung momentan jedoch darin, an die Papiere zu gelangen. Bei kleinen Investitionen fände man noch Papiere, ab einer Investitionssumme von einer Million Franken werde es jedoch schwierig.

Hildbrand sagt, dass Finanztitel im Allgemeinen interessant seien. Denn die Schweizer Banken und Finanzunternehmen seien besser kapitalisiert als früher. Die Cembra Money Bank mit positivem Zinssatz gehöre zum Beispiel dazu. Doch auch Anleihen von Schweizer Immobilienfirmen wie SPS oder PSP Swiss Property mit positivem Zins könne man durchaus in Betracht ziehen.

Langweilig zahlt sich aus

Das schlagende Argument für Unternehmensanleihen bleibt, dass Anleihen in der Regel eine stetigere Wertentwicklung als Aktien bieten. Die Zinszahlungen sind oft fix und machen einen grossen Teil der Gesamtrendite der Anleihe aus. Die langfristigen Gewinne von Aktien verdecken ihre volatile Wertentwicklung. "Boredom is king", wie es so schön heit: Langweilig ist nicht grundsätzlich schlecht.

Ebenso haben Anleiheinhaber als Gläubiger des Unternehmens den Vorteil, dass sie im Konkursfall vor anderen Investoren ihr Geld zurückerhalten. Dies ist in einer lang anhaltenden Krise sicherlich ein grosser Vorteil.