exklusiv

Der bescheidene Milliardär

Joe Mansueto ist Gründer der an der Nasdaq kotierten Fondsanalysegesellschaft Morningstar. Im cash-Interview äussert er sich zu Aktienanlagen, zu seiner Freundschaft mit Warren Buffett und zum Teilen von Reichtum.
01.04.2014 01:00
Interview: Daniel Hügli, Amsterdam
Joe Mansueto ist Gründer und CEO von Morningstar.
Joe Mansueto ist Gründer und CEO von Morningstar.

Joe Mansueto (57) gründete 1984 die Fondsanalysefirma Morningstar, deren CEO er heute noch ist. Die Firma ging 2005 an die Nasdaq, die Marktkapitalisierung beträgt 3,5 Milliarden Dollar. Der Aktienkurs hat in den letzten zwölf Monaten 14 Prozent zugelegt. Mansueto hält 53 Prozent an Morningstar, auch deshalb wird sein Vermögen heute auf gegen 2,5 Milliarden Dollar geschätzt. Mansuteo ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Chicago, dem Hauptsitz von Morningstar.

cash: Herr Mansueto, leben wir derzeit in guten oder weniger guten Zeiten für Aktienanleger?

Joe Mansueto: Ich glaube, es sind gute Zeiten zum Investieren. Natürlich waren die Jahre 2008 oder 2009 besser, also vor dem Anstieg der Börsen. Aber wenn man als Anleger einen langfristigen Zeithorizont hat, sind die Zeiten für Investitionen noch immer gut.

Die Geschichte zeigt, dass Bullenmärkte zwischen vier und sechs Jahre dauern. Der derzeitige Zyklus müsste demnach zu Ende gehen.

Wir sehen bei Morningstar durchaus, dass die Aktienmärkte derzeit leicht überbewertet sind. Dennoch stellen wir uns auf den Standpunkt, dass Investoren nicht ständig aus Aktien raus- und dann wieder reinspringen sollten. Sie müssten lieber eine langfristige Perspektive haben. Daher sind auch die heutigen Zeiten noch immer gute Zeiten für Aktienanleger.

Wie denken Sie von der Krise in Europa?

Sie zeigt vor allem die Gefahren der Verschuldung. Das ist das Problem von Europa, aber auch anderswo in der Welt, inklusive USA. Das Schuldenproblem wird Europa noch einige Zeit beschäftigen. Und die Europäische Union befindet sich noch immer im Lernprozess, wie sie funktionieren soll. Ich persönlich finde Europa noch immer attraktiv für Investitionen. Es gibt hervorragende Unternehmen mit moderaten Bewertungen.

Sie gründeten Morningstar 1984 mit einem Kapital von 80‘000 Dollar, ihr Vermögen wird heute auf über 2 Milliarden Dollar geschätzt. Sind Sie so etwas wie der 'American Dream'?

Ich bin nun seit 30 Jahren bei Morningstar, eine grossartige Zeit. Ich habe es genossen, das Unternehmen so aufzubauen, wie es heute ist. Ob im ersten oder im 30. Jahr von Morningstar ging es immer nur darum, den nächsten Wachstumsschritt zu implementieren, das Geschäft zu optimieren, Kunden zufriedenzustellen. Es hat immer Spass gemacht. Und die Märkte haben unsere Arbeit belohnt. Ich bin kein überaus materialistisch-orientierter Mensch. Ich wollte einfach eine solid wachsende und lange existierende Firma mit globaler Ausstrahlung aufbauen. Das ist uns gelungen. Wir sind nun in 27 Ländern aktiv.

Welchen Ratschlag können Sie Leute geben, die eine eigene Firma aufbauen wollen?

Baue eine Firma nicht wegen des Geldes auf, sondern wegen der Leidenschaft, die damit verbunden ist. Und man sollte nicht vergessen, dass der Aufbau ein langer Prozess ist. Es braucht Jahrzehnte, um ein Geschäft richtig zu etablieren. Klar kennt man Firmen wie Facebook, die sehr schnell gross geworden sind. Aber das sind die Ausnahmen. Die Arbeit bei Morningstar wirkt für mich nicht wie Arbeit, sondern wie Spass. Den zweiten Ratschlag, den ich geben kann: Baue eine Firma auf, die etwas Eigenes anbietet, die sich von anderen unterscheidet und deren Eigenständigkeit einen nachhaltigen Charakter hat. Die Leute sollten zu diesem Thema die Geschichte von Warren Buffett und seiner beteiligungsgesellschaft Berkshire Hathaway lesen.

Ich nehme an, Sie kennen Buffett persönlich.

Ja. Er hat mir gerade vor ein paar Tagen eine E-Mail geschickt. Er lädt mich manchmal auch zu Verwaltungsrats-Nachtessen ein.

Was ist er für ein Mensch?

Er ist so, wie man ihn aus den Medien kennt. Ein prima Kerl. Sehr ethisch, einfühlsam, lustig und sachkundig. Buffett hat ein unglaubliches Gedächtnis. Wenn sie mit ihm reden, erinnert sich detailgetreu an Dinge, die 50 Jahre zurück liegen. Zum Beispiel an Investitionen, die er tätigte.

Sie teilen mit Buffett nicht bloss seine langfristige Investmentphilosophie, sondern auch gewisse Anlagevorlieben: Wie er investieren Sie in Medien. Sie kauften Finanzmagazine oder einen Anteil der 'Chicago Sun Times'. Dabei sind Medienhäuser seit Jahren in der Krise. Warum die Vorliebe?

Das geht einerseits zurück auf meine Zeit als Aktienanalyst, bevor ich Morningstar gründete. Damals deckte ich Medienunternehmen ab. Ich schrieb auch für Zeitungen. Investigativer Journalismus übernimmt die Rolle eines Wächters in unserer Gesellschaft, das fasziniert mich. Mich interessiert zudem guter Journalismus in Kombination mit einer starken Aufmachung und Design. Aber natürlich haben Sie recht: Das Internet brachte das traditionelle Businessmodell der Medienhäuser durcheinander. Für Investoren wandelte sich das Mediengeschäft von einem grossartigen Geschäft zu einem Business, das zwischen gut und ganz okay läuft. Ich denke, dass qualitativ hochstehender Inhalt in den Medien weiter belohnt wird und dass man mit Medienprodukten nach wie vor Gewinne machen kann. Dies gilt vor allem für Produkte und Brands, die auf verschiedenen Kanälen präsent sind. Das heisst etwa Print-Publikation gleichzeitig mit grosser Online-Präsenz und Veranstaltung von Konferenzen.

Vor drei Jahren unterschrieben Sie einen Aufruf von Warren Buffett und Bill Gates an alle wohlhabenden Amerikaner, dass sie mindestens die Hälfte ihres Reichtums spenden sollten. Warum taten sie das?

Ich hatte ein extrem glückliches Leben. Ich habe drei Kinder, die viel Geld zur Verfügung haben werden. Da stellt man sich die Frage, was man mit dem Rest des Geldes machen soll. Ich wusste schon früh, dass ich ein grosser Teil jenes Geldes weggeben würde, das ich nicht für den Lebensunterhalt und für die Familie benötigen würde. Daher war meine Unterschrift unter Buffets Aufruf etwas, das ich ohnehin getan hätte. Aber ich wollte mit meiner Unterschrift ein gutes Beispiel setzen. Ein Beispiel dafür, dass man nicht bloss an die persönlichen Interessen, sondern auch an das Wohl der Gesellschaft denken soll.

Reiche Europäer spenden auch, bloss die Amerikaner machen dies häufig öffentlich. Sollten die Europäer dies auch tun?

Meine Frau war ja anfänglich dagegen, dass ich meine Spenden öffentlich mache. Im Prinzip sind solche Dinge ja eine Privatangelegenheit, und ich verstehe, wenn das jemand auch so behalten will. Ich ging an die Öffentlichkeit, um, wie gesagt, ein Zeichen zu setzen.

Was bedeutet Reichtum für Sie?

Für mich haben die wichtigsten Dinge im Leben nichts mit Geld zu tun. Es ist die Familie, es sind die Freunde, die Werte im Leben, die man hat. Ich wollte und will unabhängig sein, das bezweckte ich auch mit dem Aufbau von Morningstar. Aber das Ziel war nie zwangsläufig Geld zu machen, sondern einfach eine gute Sache aufzubauen.

Ein wichtiger Wert in Ihrem Leben ist das Rennen. Wie oft trainieren Sie?

Ich renne sechsmal pro Woche jeweils vier Meilen, das gibt fast 25 Meilen pro Woche. Ich jogge schon seit 37 Jahren. Ich renne immer morgens, die Vögel zwitschern, ich fühle mich wohl. Als ich ein Twen war, rannte ich auch Marathon. Laufen ist eine Leidenschaft. Ich denke, das Laufen hilft im Leben. Es verhilft zu Disziplin, zu Entspannung, aber auch zu Ausdauer. Und das braucht man, wenn man ein Geschäft leitet. Das ist auch physisch anstrengend.

Ihre Marathon-Bestzeit?

3 Stunden und 30 Minuten. Das ist nicht die Zeit eines Superstars, aber ich bin zufrieden damit.

Das Gespräch mit Joe Mansueto wurde Ende letzter Woche in Amsterdam am Rande der Morningstar European Investment Conference geführt.