«Der Deflationsdruck ist sehr präsent»

Eine schwache Teuerung bleibt ein Risiko für die meisten Volkswirtschaften, sagt Anton Brender. Der Ökonom analysiert im cash-Video-Interview die weltwirtschaftliche Entwicklung und wagt eine Prognose zu den Währungen.
10.06.2015 13:18
Von Marc Forster
Anton Brender, Chefökonom Candriam Investors Group.
Bild: cash

"Der Deflationsdruck ist immer noch sehr präsent", sagt der Chefökonom des Asset Managers Candriam Investors Group im cash-Video-Interview. Dies werde sich in den meisten Teilen der Welt auch nicht rasch ändern, denn die Preise für Rohstoffe hätten sich nicht erholt. Die positive Seite davon sei, dass entwickelte Volkswirtschaften sowie Schwellenländer von den tiefen Preisen profitierten.

Von den entwickelten Ländern seien die USA derzeit in einer guten Position, von den Deflationsrisiken wegzukommen. "Die USA haben es geschafft, die Arbeitslosenquote auf ein fast 'normales' Niveau zurückzubringen." Nachdem der Anteil der Erwerbslosen gegen 5,5 Prozent sinke, könne man dies auf jeden Fall so bezeichnen.

Europa hingegen sei noch gar nicht an diesem Punkt. "Bedenken Sie, dass die quantiative Lockerungspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) ja gerade dazu lanciert worden ist, um Deflationsrisiken zu begegnen." Die EZB arbeitet mit einem Inflationsziel von 2 Prozent - im Mai hatte die Teuerung bei 0,3 Prozent gelegen und davor stagniert beziehungsweise vier Monate im Minusbereich verharrt.  Brender glaubt zwar, dass das "Quantitative Easing" der EZB mit Anleihenkäufen von 60 Milliarden Euro im Monat die Deflationsgefahr abwenden kann - wirkliche Sicherheit darüber bestehe im Allgemeinen aber nicht.

Inlandnachfrage und Aufwertungsdruck

Das Deflationsproblem zeigt sich auch in vielen der aufstrebenden Volkswirtschaften auf anderen Kontinenten. Im grössten Schwellenland China könne zwar nicht von Deflationsdruck gesprochen werden,  doch liege das Problem bei der wirtschaftlichen Abschwächung: Das Land wuchs im ersten Quartal um 7 Prozent, was den schwächsten Wert in sechs Jahren darstellt. "Das ist ein Zeichen, dass China Schwierigkeiten hat, zur Dynamik von vor der Krise zurückzukehren."

Chinas Wirtschaft setze zwar mehr auf die Inlandnachfrage: "Man versucht auch dort, das Wachstum zu stimulieren, dabei ist nicht sicher, ob damit viel erreicht wird." Die Inlandnachfrage sei klar ein weniger starker Treiber als die Auslandnachfrage.

Die Fixierung auf die Inlandnachfrage zeige auch, dass es für eine Volkswirtschaft immer schwieriger werde, in der Welt Marktanteile zu gewinnen: "Die Inlandnachfrage hat an sich schon das Limit erreicht." Und dies nicht nur in China: Von den grossen Währungen hätten sich mit dem Dollar und dem Yuan in der letzten Zeit die Währungen der USA und Chinas aufgewertet: "Diese beiden Volkswirtschaften haben eine Aufwertung ihrer Devisen und den Verlust von Marktanteilen erlebt. Aber das Limit ist erreicht." Somit werde eine Aufwertung zum Thema für viele Währungen. Eine Abwertung hingegen erwartet Brender allenfalls bei einigen Schwellenmarkt-Währungen.

Anton Brender ist Mitautor des Buches «Money, Finance and the Real Economy - What went wrong?», herausgegeben dieses Jahr vom Centre for European Policy Studies.