Der Frankenkurs, mit dem die Firmen wirklich planen

Währungsexperten prognostizieren eine leichte Abschwächung des Frankens. Doch glauben die Unternehmen, deren Existenzen vom Franken-Euro-Kurs abhängen, diesen Voraussagen? cash hat sich in der Industrie umgehört.
02.11.2016 18:02
Von Pascal Züger und Marc Forster
Der Franken ist eine beliebte Fluchtwährung in unruhigen Zeiten.
Der Franken ist eine beliebte Fluchtwährung in unruhigen Zeiten.
Bild: Bloomberg

Der Schweizer Franken hat die letzten Tage gegenüber dem Euro und auch anderen Währungen wieder deutlich an Wert zugelegt. Am Mittwoch erreichte der Euro-Franken-Kurs mit zeitweise 1,076 gar den tiefsten Stand seit dem Brexit-Entscheid Ende Juni. In den Wochen zuvor wies das Währungspaar eine Bandbreite zwischen 1,08 und 1,10 auf.

Im Marktkreisen spricht man davon, dass die grössere Wahrscheinlichkeit eines Wahlsiegs von Donald Trump bei den Präsidentschaftswahlen in den USA vom 8. November zu Verunsicherungen an den Märkten führt. Das treibe wieder mehr Anlegern in den sicheren Franken.

Aber wie geht es nun weiter mit dem Franken? Auf der einen Seite stehen die Prognosen der Währungsexperten, die in aller Regel von einer allmählichen Abwertung des Frankens ausgehen. In den Voraussagen von Banken oder Wirtschaftsforschungsinstituten ist schnell die Rede von einem Euro-Kurs bei mindestens 1,10 Franken. Die Raiffeisen-Bank geht innerhalb der nächsten zwölf Monate von einem Kurs zwischen 1,10 und 1,12 Franken aus, nachdem im Sommer eine Prognose bei 1,15 Franken bestanden hatte.

Diesen Wert hält beispielsweise das Beratungsunternehmen Wellershoff & Partners ebenfalls für realistisch, falls sich die Wirtschaft der Eurozone erholt. Das Forschungsinstitut BAK Basel erwartet für 2017 einen Wechselkurs bei 1,11 Franken und für 2018 bei 1,14 Franken. Die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich KOF ist weniger optimistisch und geht bis Ende 2018 mit einem Wechselkurs von 1,10 Franken aus.

Exporteure prognostizieren zurückhaltender

Die Unternehmen rechnen aber generell noch vorsichtiger als die KOF. Für Werner Schmidli, der CEO des Schweissanlagen-Herstellers Schlatter, der 100 Prozent seiner Produktion exportiert, ist 1,10 derzeit das höchste der Gefühle. Im Budget verwendet das Industrieunternehmen einen Kurs bei 1,08 Franken.

Einen Kurs von 1,15 sähe er gerne, sagt Schmidli. Er glaubt aber nicht an eine solche Abschwächung des Frankens in absehbarer Zeit: "Ich gehe von einem Euro-Franken-Kurs von 1,07 bis 1,10 für längere Zeit aus", sagt er im Gespräch mit cash. Der Finanzchef des Verbindungstechnikspezialisten Huber+Suhner, Ivo Wechsler, äussert sich in einer ähnlichen Richtung: "Die Planung des Unternehmens für das kommende Jahr basiert auf dem heutigen Niveau des Franken-Euro-Kurses", sagt er zu cash.

Auch andere von cash.ch kontaktierte Firmen sagen, dass sie das Umtauschverhältnis mit dem Euro realistischerweise bei etwa 1,08 Franken sehen. Der Exportanteil der Unternehmen aus der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie, die im Branchenverband Swissmem organisiert sind, beträgt insgesamt 80 Prozent. Überlegungen zu Währungsentwicklungen sind für solche Unternehmen fundamental wichtig.

Prognosen eher kurzfristig

Nicht jedes Exportunternehmen geht indessen gleich mit der Frankenstärke um. Die Haltung zur Währungsproblematik hängt auch davon ab, wie gut eine Firma die Preise setzen kann. Einigen Schweizer Unternehmen gelingt es, Produkte im Ausland in Franken zu verkaufen - wobei dann naheliegt, dass noch Preisnachlässe gegeben werden.

Dennoch: Aus Sicht eines Analysten, der Exportfirmen beobachtet, ist eine Bandbreite für den künftigen Kurs zwischen 1,06 und 1,08 Franken realistisch. Zudem planen manche Unternehmen nicht mit 12-Monats-Vorschauen. "Wir müssen flexibel sein. Würde der Kurs plötzlich auf beispielsweise 1,01 fallen, dann müssten wir halt dieses Loch irgendwie stopfen", sagt Schlatter-CEO Werner Schmidli.

Aufgrund der Volatilität, die auch durch kommende politische Ereignisse geprägt ist, betrachten die Unternehmen aus gutem Grund kürzere Zeiträume: Neben den unmittelbar bevorstehenden US-Wahlen findet am 4. Dezember das italienische Verfassungsreferendum statt, während im nächsten Jahr unter anderem in den wichtigsten Euro-Ländern Frankreich und Deutschland Wahlen stattfinden.

Ein heimlicher Mindestkurs?

Für einige Diskussionen sorgt weiterhin die Vermutung, die Schweizerische Nationalbank (SNB) verteidige den Euro-Franken-Kurs inoffiziell bei 1,08. Schmidli ist sich sicher, dass die SNB eine Grenze nach unten kennt: "Die Nationalbank hat sicherlich einen internen Zielkurs definiert". Ob dieser aber bei diesen 1,08 oder etwas tiefer liege, könne er nicht beurteilen.

Anders sieht es die Credit Suisse. In einem am heutigen Mittwoch publizierten Research-Bericht schreibt die Grossbank, dass es keinen inoffiziellen Euro-Franken-Mindestkurs bei 1,08 oder sogar 1,05 Franken gebe. Die CS geht sogar davon aus, dass die Währungshüter einen noch stärkeren Franken in Kauf nehmen wird. Den Grund sieht sie vor allem in der robusten Schweizer Wirtschaftsentwicklung sowie der immer grösser werdenden Bilanz der SNB.

Allerdings würde die SNB wohl einen Einbruch des Euro-Franken-Kurses unter 1,00 verhindern wollen, zumal dieser Wert eine wichtige psychologische Schwelle markiere und eine substanzielle Überbewertung des Frankens signalisieren würde.