Der Kunstmarkt in einer Umbruchphase

Sinkende Auktionserlöse deuten an, dass Luft aus der Preisblase am Kunstmarkt entweicht. Das könnte auch Folgen für die Aktienmärkte haben.
05.08.2016 00:25
Von Ivo Ruch
An einer Sotheby's-Auktion wird ein Kunstwerk von Amedeo Modigliani versteigert (21.06.2016).
An einer Sotheby's-Auktion wird ein Kunstwerk von Amedeo Modigliani versteigert (21.06.2016).
Bild: Instagram/Sothebys

Lange Zeit lief der globale Kunstmarkt ausserordentlich gut. Das Interesse an Meisterwerken war derart gross, dass das Umsatzvolumen zwischen 2005 und 2015 um mehr als 200 Prozent wuchs. Diese Boomphase ist nun vorerst vorbei. In den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres gingen die Verkäufe an Auktionen um ein Viertel zurück, wie Zahlen des Marktanalysten Artprice zeigen.

So erstaunt es nicht, dass den grossen Auktionshäusern die Umsätze wegbrechen: Christie's verkaufte im ersten Halbjahr 27 Prozent weniger Kunst, bei Konkurrent Sotheby's sollen die Verkäufe laut Financial Times von 3,1 Milliarden auf 2,4 Milliarden Dollar sinken. Entweicht nun etwas heisse Luft aus der Preisblase, die sich über die Jahre gebildet hat oder geht dem Kunstmarkt gar die Puste aus?

"Der Kunstmarkt war vor ein paar Jahren bestimmt heisser. Käufer machen momentan eine Pause, die aber vorübergehen wird", sagt Massimiliano Subba zu cash. "Das Kaufinteresse wird nicht verschwinden", so Subba, der in Zug die Kunst-Investmentfirma Anthea führt.

Tatsächlich sind an den grossen Versteigerungen vor allem die Verkaufsvolumen geschrumpft. Einzelne Werke sind aber weiterhin sehr begehrt. Zum Beispiel die Bronzeskulptur "Reclinig Figure: Festival" von Henry Moore (siehe Bild unten). Sie wurde Ende Juni bei Christie's in London für 24,7 Millionen Pfund versteigert. Ein neuer Rekord für ein Werk des Engländers.

Die Bronzeskulptur "Reclinig Figure: Festival" von Henry Moore, Quelle: Christie's

Die Umsatzrückgänge der Auktionshäuser führt Subba auch darauf zurück, dass andere Verkaufskanäle auf dem Vormarsch sind. Namentlich Galerien und Privatverkäufe. Bei grossen Versteigerungen fallen nicht nur 20 bis 25 Prozent Provision an. Auch haben Käufer dort weniger Einflussmöglichkeiten auf den Endpreis, weil das Verhalten der Bieter-Konkurrenz nicht beeinflusst werden kann. Den Kunstkauf im kleineren Rahmen bezeichnet Subba hingegen als "exklusiver und entspannter", was vielen Käufern zusage.

In den letzten Jahren entstand zudem zu eine grosse Zahl elektronischer Plattformen, auf denen Werke von verschiedenen Künstlern gekauft und verkauft werden können (cash berichtete). Zwar findet im Internet noch kein substanzieller Teil des Kunsthandels statt. Doch diese Veränderung "ermöglicht es jungen Sammlern, den Markt zu betreten und erfahreneren Akteuren, neue Kunst zu entdecken", sagt Jessica Paindiris auf Anfrage von cash. Mit dem elektronischen Verzeichnis The Clarion List will die  New Yorkerin Transparenz in den opaken Markt der Kunst-Dienstleister bringen.

Die Sammler werden eigenwilliger

Paindiris macht noch einen weiteren Trend aus. "Die Leute verfolgen eigenwillige Sammlerpläne, die ihren persönlichen Geschmack reflektieren und fixieren sich weniger auf eine bestimmte Epoche oder Kunstrichtung." Auch das wird durch den elektronischen Kunsthandel deutlich erleichtert.

Beide Experten sehen den Kunstmarkt nicht einbrechen. Paindiris erklärt das mit der langfristigen Perspektive, welche die meisten Käufer verfolgten: "Das macht den Kunstmarkt trotz gelegentlichen Abkühlungen und Bodenwellen stabiler."

Für Investor Subba geht es vor allem um die Auswahl: "Kauft man den richtigen Künstler, ist Kunst ein Investment mit tiefem Risiko." Doch das sei so schwierig, wie die Auswahl von Aktien und verlange nach Marktkenntnis. Zu den Künstlern mit grosser Zukunft zählt der Kunst-Fondsmanager Justine Otto, Francisco Sierra, Kara Walker, Lari Pittman oder Nicole Eisenman.

Ein grossformatiger Scherenschnitt von Kara Walker, Quelle: flickr.com

Das Auf und Ab am Kunstmarkt könnte schliesslich auch Auswirkungen auf die Aktienmärkte haben. Jahrelang galt nämlich die Aktie des Auktionshauses Sotheby's als Fiebermesser für die Finanzmärkte. Die Faustregel: Mit einer leichten Verzögerung deutet Sotheby's Börsenblasen an, weil die Preistreiber bei Kunst und Aktien die gleichen sind. Nämlich überschüssiges Geld, das irgendwo investiert werden will.

Dieser Zusammenhang hielt etwa 1999, 2007 und 2011 stand. Doch in den letzten Jahren hat der Indikator seine Glaubwürdigkeit verloren. So zum Beispiel im Sommer 2015, als im Kursverlauf von Sotheby's nichts auf einen Aktiencrash hindeutete. Die Aktie legte übrigens zwischen Juli und August bereits wieder 20 Prozent zu.