«Der Ölpreis ist von der Angst getrieben»

Für Bernd Hartmann, Leiter Investment Research der VP Bank, ist die Ölpreis-Entwicklung nicht mehr mit Fundamentaldaten begründbar. Er erklärt auch, weshalb der Deal der Förderländer zu keinem Preisanstieg geführt hat.
17.02.2016 15:15
Interview: Pascal Züger
Bernd Hartmann, Leiter Investment Research der liechtensteinischen VP Bank.
Bernd Hartmann, Leiter Investment Research der liechtensteinischen VP Bank.
Bild: ZVG

cash: Der Rohöl-Preis zeigt sich in diesem Jahr sehr volatil, auf einem tiefen Niveau. Aktuell ist der Preis pro Barrel für die Sorte Brent bei rund 32 Dollar, für WTI bei 29 Dollar. Was treibt den Preis?

Bernd Hartmann: Im letzten Jahr war der tiefe Ölpreis noch fundamental begründbar, sprich eine Folge des Überangebots. 2016 sehe ich nun aber vor allem die Angst als Treiber. Es ist zu einer generellen Stimmungseintrübung an den Anlagemärkten gekommen, das hat zu einer Verkaufswelle bei allen risikobehafteten Anlagen geführt. Wir beobachten zwar immer noch eine Überproduktion im Ölbereich und wetterbedingt hohe Lagerbestände, aber der Wendepunkt wird bald kommen. In diesem Jahr könnte die Nachfrage stärker wachsen als das Angebot.

Ist der tiefe Ölpreis auch auf die weltweit schwächelnde Nachfrage zurückzuführen?

Der tiefe Ölpreis führt bei den Konsumenten dazu, dass vor allem in den USA wieder mehr 'spritschluckende' Autos gewählt und auch mehr Kilometer gefahren werden. Von dem her sehe ich keinen Rückgang der Nachfrage. Klar, die Schwellenländer, allen voran China, schwächen sich in ihrem Wachstum ab. Allerdings immer noch mit sehr ordentlichen Wachstumsraten, so dass die Nachfrage, ausgehend vom Strukturwandel zu einer Konsumgesellschaft, sogar am Ansteigen ist.

Am Dienstag griffen Russland und Saudi-Arabien zur Notbremse. Sie wollen zusammen mit Katar und Venezuela die Öl-Produktion auf dem Januar-Niveau einfrieren. Diese Ankündigung hat sich aber bislang noch nicht auf den Ölpreis ausgewirkt...

Ein Festfrieren auf dem Januar-Niveau klingt besser, als es tatsächlich ist. Denn die Produktion war im Januar sehr hoch. Der eine oder andere hat vom Abkommen mehr erwartet. Nichtsdestotrotz ist es ein wichtiges, erstes Signal, dass die Länder gemeinsam eine Einigung finden wollen. Noch im Dezember 2015 hatte man den Eindruck, dass das OPEC-Bündnis nicht mehr funktioniert. Keiner war bereit, die Fördermenge zu kürzen. Jetzt haben wir erstmals einen Schritt in diese Richtung gesehen. Es bestehen gemeinsame Interessen und die Bereitschaft zur Kooperation ist wieder vorhanden, auch wenn es nur ein zaghafter Schritt war. Wichtig ist, dass diese Allianz noch an Breite gewinnt. Ins Boot geholt werden sollten noch grosse Produzenten wie Irak und auch Iran. Letztere haben jedoch verständlich gemacht, dass die Bereitschaft, Eingeständnisse zu machen, nicht vorhanden ist.

Der tiefe Ölpreis reisst viele erdölproduzierende Firmen in den Ruin, da die Kosten den Erlös übersteigen.

Viele Technologien sind aktuell nicht mehr profitabel. Die Förderkosten liegen über dem aktuellen Marktpreis. Seeölbohrungen kosten 53 Dollar pro Barrel, Russland bezahlt im Schnitt 54 Dollar für die Produktion, Schieferöl kostet 62 Dollar und in Kanada fallen für Ölsand Kosten von 88 Dollar an. Geld verdienen tut aktuell kaum einer mehr. Das Interesse eines höheren Ölpreises besteht also. In den USA gab es bereits 15 Konkursfälle von kleineren Unternehmen. Bei Betrachtung des High-Yield-Marktes wird klar, dass noch mehr Konkurse kommen werden. Die Strategie von Saudi Arabien, welche den Preiskrieg angezettelt haben, könnte kurzfristig aufgehen, da viele amerikanische Firmen ihre Produktion einstellen werden. Aber die sind auch schnell wieder im Geschäft, sobald der Ölpreis wieder bei über 60 Dollar liegt.

Hat Saudi-Arabien überhaupt einen Anreiz, vom tiefen Preis wegzukommen?

Zunächst wollte man, ausgehend von Saudi Arabien, ja lange gar nichts unternehmen. Langsam aber sicher wird dem Land jedoch klar, wieviel das Ganze kostet. Die Förderkosten für Saudi Arabien liegen zwar bei günstigen 10 Dollar, das Land benötigt aber einen weitaus höheren Preis, um den Staatshaushalt ausgeglichen zu gestalten. Dazu bräuchte es Ölpreis-Niveaus von rund 100 US-Dollar. Davon sind wir weit entfernt. Der ganze Wohlfahrts-Staat wird dort durch Öl finanziert. Das Land kann aber dank Reserven dieses tiefe Preisniveau noch etwa vier Jahre durchstehen. Saudi Arabien könnte allerdings auch die Bindung des Riyal an den Dollar aufheben und abwerten, dann wäre auch ein noch tieferer Ölpreis temporär verkraftbar.

Welche Rolle spielt Iran, welche nach dem Abkommen mit der Internationalen Atomenergie-Organisation IAEO wieder Rohöl liefern darf?

Iran verfügt über die viertgrössten Ölreserven. Aber sie waren jetzt lange vom Westen abgeschnitten und hatten keine Möglichkeit, ihre Ölförderung à jour zu halten. Sie müssen erstmals wieder viel Geld investieren, um die Produktion deutlich hochfahren zu können. Doch beim gegenwärtigen Ölpreis und dem Überangebot stellt sich die Frage, wer bereit ist, zu investieren. Trotzdem wird die von der OPEC geförderte Menge dank Iran in diesem Jahr zulegen.

Wie geht es mit dem Rohöl-Preis weiter?

Der Boden ist wohl erreicht. Trotzdem wird der Ölpreis vorerst volatil bleiben, bis die Produktion in den USA in grösserem Stile gekürzt wird. Sobald der Markt eine solche Produktionskürzung beobachtet, wird der Preis spürbar nach oben drehen. Ende Jahr erwarte ich einen Rohölpreis von 35 bis 45 Dollar. Langfristig dürfte er im Bereich 40 bis 60 Dollar liegen. Unter 40 Dollar sind nur sehr wenige in der Lage, profitabel zu produzieren, über 60 Dollar sind viele Technologien wieder gewinnbringend. Deshalb wird dann das Angebot wiederum stark ausgeweitet, was den Preis wieder nach unten treibt.

Ist der Rohölpreis auch verantwortlich für die instabilen Aktienmärkte?

Normalerweise ist ein tiefer Ölpreis gut für die meisten Unternehmen, da entweder die Nachfrage der Konsumenten anspringt oder die Produktionskosten durch tiefere Energie- und Inputkosten gesenkt werden können. Aktuell ist aber ein Gleichlauf zwischen dem Aktienmarkt und dem Ölpreis zu beobachten. Das ist wohl damit zu erklären, dass sich der Aktienmarkt vor grösseren negativen Rückkopplungseffekten fürchtet.

Was sind das für Effekte?

Man fürchtet sich vor der Insolvenz einiger Firmen, was gleichzeitig auch zu grösseren Abschreibungen bei den Banken führen würde. Ausserdem könnten sich Staatsfonds ölreicher Länder gezwungen sehen, die durch den tiefen Ölpreis entstandenen Haushaltsdefizite zu decken. Dazu müssen die Fonds Aktien und andere Anlagen verkaufen. Mitunter sind dann auch Unternehmen betroffen, die eigentlich recht solide dastehen und direkt mit dem Ölpreis gar nichts zu tun haben.

Wie geht es nun am Schweizer Aktienmarkt weiter?

Seit Freitag ist bereits eine Gegenbewegung erkennbar, die meiner Meinung nach rein technisch getrieben ist. In den nächsten Wochen sehe ich den Swiss Market Index wieder auf 8500 Punkte ansteigen. Danach könnte die Angst vor negativen Rückkopplungseffekten in den Hintergrund treten. Wenn dann auch der Ölpreis etwas höher ist, wird die spannende Frage lauten: 'Folgt der Aktienmarkt wieder mehr den Fundamentaldaten?' Ist dies tatsächlich der Fall, kann es durchaus zu einer weiteren graduellen Erholung kommen.