«Der Währungskrieg geht weiter»

George Hoguet erklärt im cash-Interview die Gründe für die hohe Marktvolatilität und die tiefe Inflation. Der Investmentstratege bei State Street Global Advisors äussert sich zudem zu China und Iran.
03.03.2016 00:45
Interview: Pascal Züger
George Hoguet ist Investmentstratege und Experte für Schwellenländer bei State Street Global Advisors.
Bild: cash

cash: Die Aktienmärkte weisen in diesem Jahr eine auffallend hohe Volatilität auf. Wo sehen Sie die Hauptursache?

George Hoguet: Verschiedene Faktoren verursachen die starke Volatilität. Ein wichtiger Punkt ist die Entwicklung in China. Enttäuschende chinesische Konjunkturdaten genügen, um den globalen Aktienmarkt runterzuziehen. China ist die zweitgrösste Volkswirtschaft, sie ist doppelt so gross wie Japan. Und Chinas Einfluss auf die anderen Schwellenländer, speziell über die Rohstoffe, ist riesig. Die veränderte Wechselkurspolitik in China hat die Märkte verwirrt. Viele Investoren glauben, dass sich der Yuan stark abschwächen wird. Das schürt Bedenken bezüglich der globalen Nachfrage.

Welche Faktoren spielen sonst noch mit ein?

Anleger sorgen sich zunehmend vor einer möglichen Rezession der US-Wirtschaft in diesem Jahr. Die Prognosen des US-Wirtschaftswachstums für 2016 wurden bereits nach unten angepasst. Ich schätze die Wahrscheinlichkeit einer Rezession auf eins zu fünf ein. Aber die Gefahr nimmt definitiv zu. Ein weiterer Faktor ist das Rohöl. Tiefere Ölpreise führen zu einer Re-Allokation des Vermögens. Und bis jetzt hat der US-Konsument, der wegen der tiefen Preise mehr Geld zur Verfügung hat, gespart anstatt Geld auszugeben. Global gesehen kämpfen wir gegen eine schwache Gesamtnachfrage, geringes Wachstum, tiefe Inflation und zunehmend negative Zinsen. Diese Kombination von Faktoren verursacht die hohe Volatilität am Markt.

Nächste Woche gibt die Europäische Zentralbank ihren Zinsentscheid bekannt. Was erwarten Sie?

Die jüngsten Inflationszahlen für Europa sind enttäuschend. Die Zeichen deuten auf eine weitere Lockerung der europäischen Geldpolitik und eine Senkung der Zinsen hin. Auch wenn Mark Carney, der Governeur der Bank of England, jüngst gewisse Bedenken gegenüber einer negativen Zinspolitik äusserte. Wir werden weiterhin in einer Welt mit einer asymmetrischen Geldpolitik leben, in der Japan, Europa und China die Zinsen senken und die USA in die andere Richtung geht. Der Währungskrieg geht weiter.

Viele Volkswirtschaften kämpfen gegen eine tiefe, teils sogar negative Inflation. Löst sich dieses Problem von alleine, wenn sich der Ölpreis wieder erholt?

Ich wünschte, es wäre so einfach (lacht). Auch die Kerninflation in den USA, eine Messgrösse, die Ausgaben für Energie und Essen ausklammert, liegt unter der Zielinflation der US-Notenbank. Das Preisniveau ist nun in den USA schon mehrere Monate unter seinem Ziel, was etwas beunruhigend ist. Inflation sowie Deflation widerspiegeln in einem gewissen Sinne die Zukunftserwartungen der Bürger, wonach sie dann ihr Verhalten ausrichten. Der dramatische Fall der weltweiten Konsumentenpreise ist natürlich auch vom Fall der Rohstoffpreise, im Speziellen der Ölpreise, getrieben. Aber nicht nur.

Welche Faktoren spielen sonst noch eine Rolle?

Es gibt Sorgen einer säkularen Stagnation der Weltwirtschaft [lange Phase mit keinem oder nur schwachem Wachstum geprägt von tiefen Zinsen und tiefer Inflation, Anm. der Red.]. Nehmen wir die Erholung der amerikanischen Wirtschaft der letzten sieben Jahre. Diese war im historischen Vergleich sehr schwach. Normalerweise folgt auf eine starke Rezession auch wieder ein starker Aufschwung. Nun ging es nach der Rezession zwar leicht nach oben, aber schon bald setzte eine Seitwärtsbewegung ein. Momentan gibt es zwar keine massiven Ungleichgewichte an den Märkten, die auf eine erneute Rezession hinweisen würden, aber die Weltwirtschaft wird immer wieder Schocks ausgesetzt sein. Übrigens ist auch die Demografie ein Grund für die tiefe Inflation. Die Welt wird zunehmend älter, und ältere Menschen sparen mehr. Um die Inflation anzukurbeln, müsste jedoch Geld ausgegeben und nicht gespart werden.

Gibt es einen Ausweg aus dieser Negativspirale der Weltwirtschaft?

Wie am G20-Gipfel vom letzten Wochenende in Shanghai deutlich wurde, haben verschiedene Länder gemerkt, dass es nicht genügt, Geld in die Märkte zu schiessen. Die Volkswirtschaften brauchen auch gezielte fiskalpolitische Eingriffe, zum Beispiel ein Ausbau der Infrastruktur. Allgemein beunruhigend ist, dass die Eingriffsmöglichkeiten vieler Regierungen derzeit sehr limitiert sind. Deshalb hat Christine Lagarde, die Präsidentin des Internationalen Währungsfonds, auch speziell erwähnt, dass strukturelle Reformen enorm wichtig sind, um das Angebot zu stärken und das langfristige Wirtschaftswachstum zu unterstützen.

Am G20-Gipfel in Shanghai kam es nicht zur von vielen Beobachtern erhofften Einigung auf ein gemeinsames Programm zur Ankurbelung der Weltwirtschaft. Es wurden lediglich Strukturreformen in Aussicht gestellt. War das Treffen ein Flop?

Zwischen den G20-Staaten gibt es verschiedene divergierende Interessen, was eine Einigung schwierig macht. Es gab meiner Meinung nach aber auch positive Ansätze. Der Chef der chinesischen Zentralbank, Zhou Xiaochuan, erklärte am Treffen, dass es keinen Anlass für eine weitere Yuan-Abwertung gäbe. Das wäre gut für die Weltwirtschaft. Aber es gab tatsächlich kein konkretes Programm, um die globale Nachfrage anzukurbeln oder die Währungsmärkte gegenseitig abzustimmen. Die Entscheidungsträger stufen die aktuelle Situation wohl nicht für schlimm genug ein, als dass eine international koordinierte Aktion notwendig wäre.

Ein wichtiger Motor der Weltwirtschaft ist China. Wie steht es dort um das Wirtschaftswachstum?

Man sollte sich vor Augen führen, dass ein Wachstum von sieben Prozent pro Jahr in China bedeutet, dass der Welt jedes Jahr eine Volkswirtschaft in der Grösse der Schweiz hinzugefügt wird. Aber wie stark China effektiv wächst, ist unklar. Chinas Offizielle sagen 6,9 Prozent, zahlreiche private Institutionen schätzen das Wachstum vielmehr auf 4 bis 5 Prozent. Ich persönlich glaube vielmehr an 6 Prozent.

Und wie geht es mit Chinas Währung weiter?

Der Yuan wird sich in diesem Jahr um ungefähr 5 Prozent zum Dollar abschwächen. Von einer stärkeren Abwertung gehe ich nicht aus. Aber viel hängt vom Erfolg der Kapitalverkehrskontrollen ab. Wie schnell kann Chinas Wirtschaft umstrukturieren und die 'Zombie'-Firmen eliminieren? Das wird die entscheidende Frage sein.

Sind gezielte und zeitlich begrenze Kapitalverkehrskontrollen sinnvoll, um ein Land vor Kapitalabflüssen zu bewahren?

Die Welt hat sich heutzutage an eine freie Kapitalbewegung gewöhnt. Das war aber nicht immer so. Grossbritannien hatte zum Beispiel bis Mitte der 1970er Jahre Kapitalkontrollen. Freies Kapital reduziert die Kapitalkosten und ermöglicht es globalen Investoren, ihre Risiken zu reduzieren. Es hat aber auch eine Kehrseite. Freifliessendes Kapital sorgte in der Vergangenheit für grössere Finanzkrisen. Ich denke da an die Tequila-Krise, die Asien-Krise, beide übrigens in den 1990er Jahren, und auch an die globale Finanzkrise ab 2007. Kapitalverkehrskontrollen stellen den letzten Ausweg dar, haben aber aufgrund verschiedener Krisen eine gewisse Legitimation erhalten. Interessant ist, dass der Internationale Währungsfonds vor ein paar Jahren seine Ansichten bezüglich Kapitalverkehrskontrollen revidierte. Zuvor war man strikt dagegen, nun hält man sie in gewissen Fällen für gerechtfertigt.

Sie beschäftigen sich intensiv mit Iran. Das Land scheint sich langsam zu öffnen. Wie sind dort die Perspektiven?

Im Iran leben rund 78 Millionen Menschen, fast gleich viele wie in Deutschland. Die Bevölkerung ist sehr jung, im Schnitt unter 34 Jahre. In den kürzlich abgehaltenen Wahlen wurde klar, dass sich ein Grossteil der Bevölkerung dem Westen weiter annähern möchte. Iran hat einen grossen inländischen Markt und riesige Kohlenwasserstoff-Ressourcen. Iran bietet interessante Möglichkeiten für internationale Firmen.

..aber das politische Risiko ist gross.

Klar, der mittlere Osten ist extrem volatil und grossen politischen Risiken ausgesetzt. Aber die Iraner sind eigentlich schon seit Jahrhunderten sehr international ausgerichtet. Sie nehmen ausländisches Kapital mit Handkuss auf, wenn es in Sektoren mit hohem Potential fliesst. In sieben bis zehn Jahren wird Iran eine noch viel offenere Wirtschaft haben, offener als zum Beispiel Saudi Arabien. Das ist eine sehr positive Entwicklung.

Ist Iran bereits interessant für Privatanleger?

Privatinvestoren sollten höchstens in grosse multinationale Firmen investieren, welche in Iran Fuss fassen und von der Marktöffnung profitieren. Eventuell sind auch Baufirmen aus Schwellenländern, welche im Iran tätig sind, interessant. Ich denke da vor allem an türkische Unternehmen. Generell sollte man aber bei sich öffnenden Volkswirtschaften vorsichtig sein. Die Geschichte hat uns gelehrt, dass es bei Marktöffnungen häufig zu Bankkrisen kommt und die Liberalisierung zu schnell vorangetrieben wird.

Im Video-Interview mit cash sagt George Hoguet, welche Schwellenländer derzeit für Investoren interessant sind und wovon man besser die Finger lassen sollte.

Der US-Amerikaner George Hoguet ist Investmentstratege der Investment Solutions Group bei State Street Global Advisors, der zum US-Finanzdienstleister State Street gehört. State Street Global Advisors ist einer der weltweit grössten Vermögensverwalter für institutionelle Investoren. Hoguet, der an der Harvard Business School studiert hat, arbeitete vor seiner Zeit bei State Street unter anderem bei Frank Russel Company und Baring Asset Management  in London und Boston. Er bekleidete auch Funktionen beim US Treasury Department und der Weltbank.