Die Deutsche Bank will die Kreditvergabe mithilfe Künstlicher Intelligenz (KI) ‌auf ⁠wenige Minuten verkürzen. Darüber hinaus bereitet sie sich darauf vor, dass Kunden künftig verstärkt über autonom agierende KI-Programme mit dem ⁠Geldhaus in Kontakt treten.

«Wir stellen uns bereits auf eine Zeit ein, in der intelligente Agenten unsere Kunden werden», sagte die neue Technologiechefin Marie-Jeanne Deverdun in ‌einem am Montag veröffentlichten Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters. Einige US-Konkurrenten blockieren dagegen den Zugang ‌sogenannter KI-Agenten zu Kundenkonten. Sie befürchten, dass diese Programme die ​IT-Systeme beeinträchtigen und das Vertrauen in das Finanzsystem untergraben.

Beim Einsatz von KI gehe es nicht allein um Produktivitätsgewinne, betonte die Managerin. «Den Wettlauf wird nicht die Bank gewinnen, die über die meisten Pilotprojekte oder das leistungsstärkste KI-Modell verfügt. Es wird die Bank gewinnen, die wirklich versteht, wie sie ihre Daten mithilfe von KI nutzen und ihren Kunden die besten Lösungen anbieten kann.» Eines ‌ihrer Ziele sei es, die Entscheidung über die Kreditvergabe an multinationale Konzerne von einigen Monaten auf wenige Wochen zu verkürzen. «Und bei kleineren Unternehmen, die weniger komplex sind, sprechen wir von Minuten statt Wochen.» Das entsprechende Projekt sei bereits angelaufen.

Der US-Bank Citigroup ​zufolge beschleunigt KI bestimmte Entscheidungen um bis zu 40 Prozent. Die britische Barclays Bank will wegen ​der Einsparungen durch diese Technologie etwa 5000 Stellen streichen. Dies entspricht etwa ​fünf Prozent der Belegschaft.

Chancen und Risiken

Beim verstärkten KI-Einsatz müssen Banken jedoch gesetzliche Vorgaben, den Datenschutz und die Cybersicherheit genau im Blick behalten. Deren Bedeutung ist ‌durch eine Serie von Angriffen mittels ausser Kontrolle geratener KI-Modelle und wegen jahrelang unentdeckter Sicherheitslücken in einer weitverbreiteten Programmiersprache wieder ins Bewusstsein gerückt. «Wir verfolgen diese Debatte sehr aufmerksam», betonte Deverdun. «Das sind berechtigte Bedenken, und natürlich hat Cyberrisiko-Management für mich oberste Priorität.» Ihr Institut setze ​erhebliche ​Ressourcen ein, um die Gefahren zu minimieren.

Eine Umfrage der ⁠KI-Plattform Dataiku ergab jedoch, dass in vielen Unternehmen neue KI-Anwendungen nicht von ​den IT-Abteilungen, sondern in den jeweiligen ⁠Fachbereichen entwickelt würden. Die Verbreitung sogenannter Schatten-KI werfe neue Probleme auf, da oftmals unklar sei, wer die Verantwortung für Fehlentscheidungen dieser ‌Programme übernehmen müsse. «Autonome Systeme müssen verwaltet und nicht nur überwacht werden», betonte Dataiku-Mitgründer und -Chef Florian Douetteau.

Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing will sein Haus zu einer «wirklich KI-gestützten Bank» machen. Um dies zu erreichen, investiert das ‌Institut bis 2028 mehr als 2,5 Milliarden Euro in den Ausbau seiner IT-Systeme. Die ​US-Grossbank JPMorgan plant hierfür jedoch allein im laufenden Jahr 20 Milliarden Dollar ein.

Parallel zur Vorbereitung auf die «KI-Ökonomie» muss Deutschlands grösstes Geldhaus auch seine zahlreichen, teilweise veralteten Software-Plattformen zusammenführen und modernisieren. Im Jahr 2015 hatte der damalige Chef die IT-Landschaft des Konzerns als «uneinheitlich, schwerfällig und viel zu oft ‌schlichtweg inkompatibel» kritisiert.

(Reuters)