Der EZB-Rat werde alles Nötige tun, damit die Inflation mittelfristig zu dem angepeilten Zwei-Prozent-Ziel zurückkehre, betonte er am Freitag in Bangkok ⁠am Rande der Jahrestagung von IWF und Weltbank. Nagel verwies darauf, dass die EZB die Leitzinsen in diesem Jahr schon zweimal erhöht habe. «Wenn die Situation so bleibt, wie sie ‌ist, schliesse ich nicht aus, dass wir möglicherweise noch mal nachlegen müssen», fügte er hinzu. Angesichts der «sehr ‌volatilen Marktumgebung» sei der Ansatz genau richtig, von Sitzung zu Sitzung zu ​entscheiden. Umso mehr sei es wichtig, dass die Geldpolitik mit Erfahrung an die Themen herangehe und auch «mit ruhiger Hand». Es sei auch «grosse Beweglichkeit» nötig, um das Inflationsthema entsprechend anzugehen.

Die Europäische Zentralbank hat den Leitzins im September auf 2,50 Prozent angehoben, um die vom Ölpreisschock angefachte Inflation einzudämmen. Vorigen Monat erreichte die Teuerung im Euroraum mit 3,8 Prozent den höchsten Stand seit drei Jahren. Dabei schlugen insbesondere höhere Energiepreise ins Kontor, die zum Vorjahresmonat um ‌18,8 Prozent stiegen.

Die EZB geht davon aus, dass die Gesamtinflation noch bis in die erste Jahreshälfte 2027 deutlich über ihrem Zielwert von 2,0 Prozent bleiben wird. An den Finanzmärkten wird damit gerechnet, dass die Notenbank auf ihrer Sitzung Ende des Monats stillhält und im Dezember die Zinsen weiter ​anheben wird. Es wäre der dritte Erhöhungsschritt der EZB in diesem Jahr unter Präsidentin Christine Lagarde, deren Mandat ​regulär bis Oktober 2027 läuft.

Klingbeil: Deutschland wird mit starker Kandidatur antreten

Das Weltwirtschaftsforum (WEF) könnte ​Lagarde jedoch bereits im kommenden Monat zu seiner neuen Vorsitzenden ernennen, wie die Nachrichtenagentur Reuters von mehreren der Organisation nahestehenden Personen erfuhr. Ein Wechsel zum WEF würde bedeuten, dass Lagarde ihr ‌Amt als Chefin der EZB vorzeitig niederlegt. Dies dürfte wiederum eine umfassendere personelle Neuaufstellung an der Spitze der EZB nach sich ziehen. Der Vorsitzende der Gruppe der Finanzminister der Euro-Zone, Kyriakos Pierrakakis, bat die 21 Länder des Euroraums jüngst, bis zum 28. Oktober Kandidaten für den Posten der scheidenden deutschen ​Direktorin Isabel ​Schnabel zu benennen. Sie tritt Anfang 2027 vorzeitig ab und wechselt zum ⁠IWF.

Nächstes Jahr wird überdies die Position des Chefvolkswirts der EZB neu besetzt, sodass eine ​Paketlösung naheliegt. Die Amtszeit von Chefvolkswirt Philip ⁠Lane endet am 31. Mai 2027. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil sagte in Bangkok mit Blick auf die Reuters-Meldung zu Lagarde, er beteilige sich nicht ‌an Personalspekulationen. Deutschland werde allerdings auch künftig einen Platz im Direktorium haben wollen und dort weiter eine Rolle spielen. «An welcher Position das sein wird, das klären wir gerade in der Bundesregierung. Und das muss dann auch in den nächsten Tagen passieren», fügte ‌er hinzu.

Deutschland sei ein wichtiger Player in der EZB. «Aber mit welchen Namen und an welcher Stelle wir ​dann antreten, das kläre ich gerade mit dem Bundeskanzler», fügte der SPD-Politiker hinzu. Ob es dann eine Paketlösung sein werde oder ob es erst einmal um Einzelpositionen gehe, werde sich zeigen: «Aber klar ist: Deutschland wird mit einer starken Kandidatur antreten und damit die Zukunft der EZB massgeblich mitprägen», unterstrich Klingbeil.

(Reuters)