Insgesamt entfielen im vergangenen Jahr auf den Westen 142,5 Milliarden Euro oder 95 Prozent des Gesamtwerts der steuerlich berücksichtigten Vermögensübertragungen, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag mitteilte. Die Ostländer und Berlin kommen auf acht Milliarden Euro durch Erbschaften und Schenkungen.
Ende 2025 lebte zwar knapp ein Fünftel der deutschen Bevölkerung in diesen sechs Ländern. Auf sie entfielen jedoch nur fünf Prozent der steuerlich erfassten Vermögensübertragungen. Rechnerisch wurden im Westen gut 2100 Euro pro Kopf übertragen, im Osten waren es knapp 500 Euro. Diese Ungleichheit spiegelt sich auch bei der festgesetzten Steuer wider. Von den insgesamt 21,4 Milliarden Euro Erbschaft- und Schenkungsteuer fielen 20,4 Milliarden Euro im Westen an und eine Milliarde Euro im Osten.
«Die krasse Differenz der Erbschaften und Schenkungen zwischen Ost- und Westdeutschland zeigt erneut die grosse Vermögensungleichheit zwischen den beiden Teilen Deutschlands», sagte der wissenschaftliche Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung, Sebastian Dullien, der Nachrichtenagentur Reuters. «Hintergrund ist, dass die Ostdeutschen während der Zeit der DDR deutlich weniger Ersparnisse bildeten und nur im Ausnahmefall Immobilieneigentum erwerben konnten.» Hinzu komme, dass seit der Wiedervereinigung die Löhne im Osten niedriger als im Westen blieben und deutlich mehr Haushalte von Arbeitslosigkeit betroffen waren.
Die Statistiker wiesen darauf hin, dass die Zahlen nicht alle Vermögensübergänge abbilden. Die meisten Erbschaften und Schenkungen liegen innerhalb der persönlichen Freibeträge und werden daher für diese Statistik nicht erfasst. Die Erbschaft- und Schenkungsteuer ist eine Ländersteuer.
«Der Grundbefund bleibt: Ostdeutsche Haushalte haben im Durchschnitt deutlich kleinere Vermögen und deutlich geringere Rücklagen als die Haushalte im Westen», sagte Dullien. Wirtschaftspolitisch bedeutet das zweierlei. Erstens sei eine gute Absicherung über den Sozialstaat für Ostdeutschland wichtiger als für den Westen. Die Ost-West-Unterschiede sollten bei Sozialreformen berücksichtigt werden. Zweitens könne eine höhere Besteuerung von Vermögen und Erbschaften zum Abbau der Vermögensungleichheit zwischen Ost- und Westdeutschland beitragen. «Erbschaften sind zunehmend Quelle von Vermögen, und eine höhere Besteuerung würde vor allem eine hohe Vermögenskonzentration im Westen dämpfen», betonte Dullien.
Die Unterschiede zwischen Ost und West spielen auch in der aktuellen Rentendebatte eine Rolle. Mehrere Ost-Ministerpräsidenten, aber auch Kollegen aus dem Westen, fordern auch angesichts der deutlich geringeren Erbschaften die Beibehaltung der abschlagsfreien Rente mit 45 Beitragsjahren. Sie verweisen auch darauf, dass Erbschaften und Schenkungen im Osten viel seltener die Renten ergänzen. Für viele ostdeutsche Ruheständler ist die gesetzliche Rente die einzige finanzielle Säule im Alter. Die Rentenkommission hatte sich für die Abschaffung der sogenannten Rente mit 63 Jahren eingesetzt.
(Reuters)

