Dezentrale Netzwerke - Wo man die Blockchain (fast) anfassen kann

Während die Blockchain-Technologie in vielen Industrien als zukunftsweisend gilt, ist sie noch nirgends im Einsatz. Eine Konferenz gab Einblick in verschiedene konkrete Anwendungsbereiche.
23.03.2018 13:41
Von Ivo Ruch, Gossau SG
Blockchain-Projekte basieren auf komplexen Code
Blockchain-Projekte basieren auf komplexen Code
Bild: Pixabay

Thomas Zerndt bringt es ganz zu Beginn schon auf den Punkt: "Zum Glück sind nicht alle Leute hier, die von der Blockchain-Revolution betroffen sein werden, sonst hätten wir ein Platzproblem." Am Blockchain-Forum in Gossau, einer Kooperation zwischen Business Engineering Institute St.Gallen, Frankfurt School Blockchain Center und Universität St.Gallen, wurden am Donnerstag praxisorientierte Anwendungen solcher dezentraler Netzwerke vorgestellt.

Die Meinung von Forumsleiter Zerndt ist klar: Die Blockchain wird in den kommenden Jahren eine, wenn nicht die wichtigste Technologie für unterschiedlichste Branchen sein. Insofern hat er recht, wenn er das Publikumspotenzial weit grösser als die 50 anwesenden Personen schätzt. Fakt ist aber: Derzeit gibt es noch kein relevantes Blockchain-System, das in der Praxis in Betrieb ist.

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Somit beschränkten sich die am Gossauer Forum präsentierten Anwendungen auf Projekte und Prototypen. Die Hypothekarbank Lenzburg stellte beispielsweise eine Anwendung vor, mit der Mieterverhältnisse (Mietvertrag, Kautionen) über ein dezentrales Netzwerk organisiert werden können. Die Vorteile dabei wären Zeitersparnis, Transparenz und Komfort. Denkbar wäre auch, bei allfälligen Reparaturen die Handwerker über dieselbe Blockchain zu bezahlen.

Allerdings ist hier, wie bei vielen Projekten, die digitale Unterschrift ein Hindernis bei der konkreten Umsetzung. Dennoch ist Marianne Wildi, CEO der Hypothekarbank Lenzburg, von ihrem Weg überzeugt: "Wir versuchen momentan viel Neues mit ungewissem Ausgang. Aber wenn wir nichts tun, passiert auch nichts."

Intelligente Anleihen und Autos

Die UBS hingegen entwickelt sogenannt "smarte" Bonds, gewissermassen die voll automatisierte Ausgabe von Anleihen. Doch laut UBS-Vertreter Martin Rindlisbacher werden die Banken nicht die ersten sein mit einem Blockchain-Projekt in Anwendung: "Auf Grund regulatorischer Themen ist die Bankenindustrie noch zurückhaltend mit konkreten Umsetzungen".

Jurist Luka Müller von der Zuger Anwaltskanzlei MME machte in seinem Vortrag darauf aufmerksam, dass Transaktionen über eine Blockchain grundsätzlich sehr transparent seien. Denn Kauf und Verkauf von Werten seien öffentlich einsehbar, was im Hinblick auf Geldwäscherei ein wichtiger Punkt ist. Allerdings räumte auch Müller ein: "Es bleiben derzeit viele Rechtsfragen offen."

In Kooperation mit IBM und dem deutschen Autozulieferer ZF arbeitet die UBS zudem an einem elektronischen Portemonnaie für Autos. Damit soll das Bezahlen von Parkgebühren, Versicherungsprämien, Strassenabgaben oder Ladekosten bei Elektroautos möglich sein. Basis der "Car E-Wallet" ist die Blockchain-Technologie, die den Prozess sicher und effizient machen soll.

Kaffee aus der Blockchain

Ein wahrhaft fassbares Beispiel kam von zwei Mitarbeitern des Business Engineering Institute St.Gallen (BEI). Ante Plazibat und Johannes Wotzka stellten eine optisch herkömmliche, aber vernetzte Kaffeemaschine vor, die Sekunden nach Bezahlung per Ethereum einen frischen Kaffee brühte:

Quelle: ccsourcing.news

Diesbezüglich wurde auch der klassische Versandhandel erwähnt. Käufer und Verkäufer schliessen einen Handel über einen Smart Contract ab. Das Geld wird erst frei gegeben, wenn die involvierten Parteien mit der Transaktion einverstanden sind. Amazon- oder Zalando-Bestellungen könnten dann ohne Einbezug eines Zahlungsdienstleisters abgewickelt werden.

Während das alles noch Zukunftsmusik ist, wächst die Blockchain-Community laufend. Das Angebot und das Interesse an Konferenzen, Foren oder Paneldiskussionen, die sich um das Thema Blockchain drehen, ist alleine in der Schweiz riesig. Hinzu kommen mehrere sogenannte Hubs (Genf, Zug, Zürich), in denen Startups an zukunftsfähigen Geschäftsmodellen tüfteln können. "Wir erleben momentan einen Hype, aber in der frühen Phase des Internet war die Stimmung ähnlich", sagte Michael Fischbach, der in Zürich das Blockchain-Kompetenzzentrum des BEI aufbaut.