«Die Dekade der Aktien ist angebrochen»

Asoka Wöhrmann, Co-Anlagechef der Vermögensverwaltung der Deutschen Bank, äussert sich im cash-Interview zu seinem langfristigen Aktien-Optimismus und dazu, ob Anleger bereits in Schwellenlandmärkte einsteigen sollten.
07.04.2014 01:00
Interview: Daniel Hügli, Amsterdam
Asoka Wöhrmann, Co-CIO Deutsche Asset & Wealth Management, im cash-Interview.
Bild: cash

cash: Herr Wöhrmann, ist die Ukraine-Krise aus Sicht von Finanzinvestoren abgehakt oder blüht uns da noch etwas?

Asoka Wöhrmann: In unserem Basisszenario sind die militärischen Aktionen Russlands mit der Annektierung der Krim zu Ende. Unser Risikoszenario hingegen ist der Einmarsch der Russen in die Ostukraine. Dies hätte sowohl für Russland wie auch für das westliche Europa erhebliche Auswirkungen. Auch wenn diese Gefahr gebannt scheint, brauchen wir derzeit vor allem deeskalierende Massnahmen.

Wurde die Krim-Krise von den Investoren auch als Grund dafür gesehen, Aktien zu verkaufen, weil die Anleger gesehen haben, dass die Luft an den Börsen dünn wird?

Leider finden Investoren immer einen Grund, Aktien zu verkaufen und selten einen Grund, Aktien zu kaufen. Ich nenne dies das 'Aktien-Paradoxon'. In den letzten Wochen haben Anleger Gewinne mitgenommen. Das ist in der Sache verständlich, aber der Umfang dieser Verkäufe war übertrieben. Mittlerweile haben sich die europäischen Aktien erholt. Die Ukraine wird jedoch eine Quelle für Volatilität bleiben, weil Russland alles daran setzen wird, die Ukraine nicht zur Ruhe kommen zu lassen.

Also doch ein belastender Faktor für die Börsen?

Sehen Sie, wir haben gelernt, mit volatilen Märkten bedingt durch die Lage in Syrien, Ägypten und im Iran zu leben. Wir werden auch lernen, mit der Lage in der Ukraine zu leben. Die Investoren werden sich auf die Unternehmensgewinne und die Wirtschaftsentwicklung konzentrieren. Das zeigt ja bereits die Entwicklung der Aktienkurse in jüngster Zeit.

Sie sind äusserst positiv gestimmt für die Wirtschaftsentwicklung in allen Weltregionen mit Ausnahme von China. Weshalb?

Die Bilanzrezession in den USA ist vorbei. Das war für mich das grosse Thema der zurückliegenden sechs Jahre. Die Privathaushalte in den USA haben sich dramatisch entschuldet. Der Arbeits- und Häusermarkt haben positive Entwicklungen hinter sich. Dazu kommt die Verdoppelung der Leitindizes an den Aktienmärkten. Das ist eine gute Basis dafür, dass das typisch amerikanische Verhalten, nämlich auf Kredit zu konsumieren, wieder startet. Denn das ist der Treiber der US-Wirtschaft und letztlich auch in weiten Teilen der restlichen Welt.

Die Turbulenzen in den Schwellenländern werden die Märkte wohl noch eine Weile beschäftigen. Einverstanden?

Die Kursschwankungen sind noch nicht vorbei. Das Tapering, also das Ende der unkonventionellen Geldpolitik der US-Notenbank, wird die Schwellenländer, aber auch einige Marktsegmente der westlichen Welt weiter durchrütteln. Die Liquidität in diesen Märkten ist eng. Wenn ein grosser Investor aussteigt, schwanken die Preise sofort sehr stark.

Kein Zeitpunkt zum Einsteigen in Schwellenländer?

Die Bewertungen sind niedrig, aber sie könnten noch weiter fallen. Wenn aber die ökonomischen und politischen Risiken ausgestanden sind, dann bieten sich für Investoren auf Fünf-Jahres-Sicht durchaus attraktive Einstiegsmöglichkeiten. Wer jetzt schon einsteigt, muss wissen, dass er ein hohes Risiko eingeht. Ich würde daher sagen: Lieber etwas später als früher einsteigen.

Als ich im Juni 2013 das letzte Mal mit Ihnen sprach, prophezeiten Sie für die Börsen volatile Aufwärtsmärkte. Ist das nach wie vor Ihre Sicht?

Wir hatten volatile Aufwärtsmärkte in der Zwischenzeit. Und ja, dies ist weiter meine Sicht.

Sie prognostizierten damals ja auch einen Stand des deutschen Leitindex DAX von 9200 Punkten auf Sicht von zwölf Monaten. Das wurde übertroffen. Haben Sie eine neue Schätzung auf zwölf Monate?

Ich habe immer eine Zwölf-Monats-Prognose (lacht): 10'150 Punkte für Ende März 2015.

Wenn ich Ihnen so zuhöre, wird die Rückkehr der US-Zentralbank zur konventionellen Zinspolitik kaum Auswirkungen auf die Aktienmärkte haben?

Gewöhnung an die neuen Umstände wird das Wichtigste sein. Die erste Ankündigung des Tapering im letzten Jahr war ein Schock. Den haben wir verarbeitet. Sie dürfen nicht vergessen: Von 2003 bis 2005 hat die US-Zentralbank die Zinsen siebzehnmal am Ende auf über 5 Prozent erhöht.

Nobelpreisträger und Wirtschaftsprofessor Michael Spence ist aber der Meinung, die US-Notenbank hat die Börsen mit der Nullzinspolitik aufgebläht, nun wird mit Zinserhöhungen die 'Entblähung' folgen.

Die Zinspolitik der zurückliegenden Jahre hat das Risikokapital und damit auch Aktien sicher gut aussehen lassen. Ich glaube aber nicht, dass wir in den letzten vier Jahren in den USA oder in den letzten zweieinhalb Jahren in Europa wirklich 'rauschende' Aktienmärkte gesehen haben. Was ich aber glaube, ist, dass die Dekade der Aktien angebrochen ist. Das bedeutet natürlich nicht, dass wir jedes Jahr 25 Prozent Wertentwicklung haben werden. Wir werden pro Jahr mal acht, mal zwölf, aber auch mal null Prozent sehen. Die Aktie wird aber die bevorzugte Anlageklasse bleiben - wegen der sehr niedrigen Zinsen und des nach wie vor guten Zustandes der Unternehmen.

Die meisten Aktien sind ja nicht mehr günstig bewertet. Wo sehen Sie noch attraktive Sektoren und Regionen?

Die bevorzugte Region ist für mich Europa. Diese wird nach wie vor unterschätzt. Bei den Sektoren mögen wir nach wie vor Technologie-Aktien, obwohl wir da derzeit eine Korrektur beobachten. Auch den Konsum-Sektor und Titel aus dem Finanzsektor finden wir interessant, sowohl in den USA als auch in Europa. Diese Titel wurden in den letzten Jahren gemieden. Das Banken-Bashing ist vorbei.

Das müssen Sie ja als Bankenvertreter sagen…

Ich bin weit davon entfernt, für etwas einzustehen, das ich gar nicht vertreten will. Wir waren übrigens im Finanzsektor lange Jahre untergewichtet.

Es kommen vor allem bei Grossbanken immer wieder neue Strafen und Bussen, Überraschungen regulatorischer Art und so weiter. Das ist ja nicht ein Umfeld für Investoren, die Sicherheit wollen.

Die regulatorischen Angelegenheiten müssen schnell gelöst werden, um den Anlegern Sicherheit zu verschaffen. Die Finanzwerte, und da meine ich Banken, Versicherer und Vermögensverwalter, sind nach einer fünfjährigen Durststrecke aber wieder auf einem guten Weg. Dennoch ist Selektion auch hier wichtig.

Im Video-Interview äussert sich Asoka Wöhrmann über die Entwicklung in Europa.

Asoka Wöhrmann ist seit 2012 Jahr Co-Anlagechef der Konzernsparte Asset and Wealth Management der Deutschen Bank. Zuvor war er Anlagechef der Fondssparte DWS der Bank. Wöhrmann, der in Sri Lanka geboren und im Alter von 12 Jahren von deutschen Eltern adoptiert wurde, studierte Volkswirtschaft.

Das Gespräch mit Asoka Wöhrmann wurde kürzlich in Amsterdam am Rande der Morningstar European Investment Conference geführt, an der Wöhrmann als Redner auftrat.