Heutzutage sind Milliardäre kaum zu übersehen: Sie fliegen ins All, finanzieren Wahlkämpfe, fördern KI, warnen vor KI und machen in den sozialen Medien von sich reden. Ein Milliardär sitzt im Oval Office, während andere die grossen Sprachmodelle und Internet-Algorithmen der Welt kontrollieren – und damit auch entscheiden, wie stark unsere Geräte uns süchtig machen sollen.

Inmitten all dessen vergisst man leicht, dass die Spitzen-Milliardäre nur die winzige Spitze eines gewaltigen Vermögensbergs bilden. Die knapp 200 Amerikaner auf dem «Bloomberg Billionaires Index» verfügen über ein Gesamtvermögen von rund 7 Billionen US-Dollar – fast viermal so viel wie vor einem Jahrzehnt.

Doch Schätzungen der Federal Reserve zufolge liegen weitere mindestens 18 Billionen Dollar weitgehend verborgen bei den übrigen Angehörigen der obersten 0,1 Prozent. Obwohl diese Gruppe der unfassbar Reichen gross genug wäre, um eine Kleinstadt zu bevölkern, hält sie sich eher im Hintergrund. Dennoch gibt es Anzeichen dafür, dass ihr Vermögen fast genauso schnell wächst wie das der allerreichsten Milliardäre.

Laut Schätzungen von Zillow stieg die Zahl der US-Einfamilienhäuser mit einem Wert von mindestens 10 Millionen Dollar bis zum Sommer dieses Jahres auf über 61'000 an – gegenüber weniger als 14'000 ein Jahrzehnt zuvor. Unterdessen verzeichnet die Flugverfolgungsplattform JetSpy jährlich fast 2,8 Millionen Flüge mit knapp 25'000 in den USA registrierten Privatjets; das sind 8 Prozent mehr Flüge und 22 Prozent mehr Flugzeuge als noch vor vier Jahren.

Das neue Buch «The Everywhere Millionaire: Who Is Really Rich in America and How They Got There» versucht, mehr über diesen eher verborgenen Teil der amerikanischen Oberschicht zu enthüllen. Nach Auswertung der verfügbaren Daten argumentieren die Ökonomen Owen Zidar und Eric Zwick, dass wir uns zu sehr von den lautesten und reichsten Milliardären ablenken lassen und dabei die weitaus zahlreicheren «Main-Street-Millionäre» übersehen – jene Menschen, die die eigentlichen Träger von Reichtum und Macht in Amerika sind.

Nach Jahrzehnten der Inflation hatte der Begriff «Millionär» seinen Beigeschmack von «Plutokrat»

Es gab eine Zeit – an die sich viele noch erinnern können –, in der die Reichen im kollektiven Bewusstsein nicht so viel Raum einnahmen. Als der Ökonom Robert Lampman 1962 eine Studie über die reichsten Amerikaner veröffentlichte, wies er auf die «spärliche» Forschungslage zu diesem Thema hin. «Die Grössenverteilung des Vermögens in den Vereinigten Staaten wurde bislang vergleichsweise wenig untersucht», schrieb er.

Das Interesse der Sozialwissenschaftler galt stattdessen eher der Frage, wie Konzerne, Gewerkschaften, politische Parteien, das Militär und sogar Werbeagenturen die Fäden der Gesellschaft zogen. Dass man die Vermögenden dabei ausser Acht liess, war in einer Zeit, in der die Reichen – relativ gesehen – ärmer wurden, durchaus nachvollziehbar.

Lampman errechnete, dass das oberste Prozent der Bevölkerung im Jahr 1956 über 26 Prozent des US-Vermögens verfügte; das waren 10 Prozentpunkte weniger als noch 1929. Nicht, dass es den Menschen damals gleichgültig gewesen wäre, Geld zu verdienen (und das trotz Spitzensteuersätzen auf Bundesebene, die in der Nachkriegszeit zwischen 70 Prozent und 92 Prozent lagen). Doch ein Blick auf die Bestsellerlisten legt nahe, dass das Streben nach persönlicher Weiterentwicklung beim Durchschnittsamerikaner weniger auf den Aufbau eines riesigen Vermögens abzielte als vielmehr darauf, einen guten Job zu ergattern, befördert zu werden oder schlicht beliebt zu sein.

Nach Jahrzehnten der Inflation hatte der Begriff «Millionär» seinen Beigeschmack von «Plutokrat» verloren und schien ein erreichbares Ziel zu sein. Zudem erkannten viele angesichts des Wegfalls klassischer Betriebsrenten und der Verbreitung von 401(k)-Plänen, dass sie ein siebenstelliges Vermögen benötigen würden, um ihren Ruhestand sorgenfrei zu geniessen.

Das erste Viertel des 21. Jahrhunderts brachte neue Gründe für finanzielle Sorgen mit sich: eine Reihe schwerer Krisen, einen starken Inflationsanstieg sowie die KI-Revolution, die uns womöglich – oder auch nicht – die Arbeitsplätze kosten könnte. Die Nachrichten waren jedoch nicht durchweg negativ – insbesondere nicht für jene vielen Amerikaner, denen es gelungen war, ihr Ziel zu erreichen: sich nie wieder Sorgen um Geld machen zu müssen.

Vor allem der Technologiesektor brachte eine Flut von Menschen hervor, die über Nacht zu Milliardären wurden; viele von ihnen erlangten rasch grosse Bekanntheit. Ihre ständige Präsenz in den Medien legte den Schluss nahe, dass die Ungleichheit zugenommen hatte. Doch wie viele Reiche gibt es eigentlich, und wie sind sie zu ihrem Vermögen gekommen? Es dauerte erstaunlich lange, bis die Wissenschaft fundierte Antworten darauf lieferte.

Ein Grossteil des jüngsten Reichtums der Wohlhabenden beruht darauf, die Spielregeln zu ihren Gunsten zu manipulieren

Das Buch «Everywhere Millionaires» belegt nicht, dass Milliardäre keine Rolle spielen. Es differenziert jedoch das Bild davon, was es bedeutet, in Amerika reich zu sein, indem es einen seltenen Einblick in eine elitäre Welt gewährt, die nach wie vor voller Geheimnisse steckt. Eines der dunkelsten dieser Geheimnisse – so die These der Autoren – besteht darin, dass ein Grossteil des jüngsten Reichtums der Wohlhabenden darauf beruht, die Spielregeln zu ihren Gunsten zu manipulieren und so der nächsten Generation aufstrebender Amerikaner Chancen zu verwehren.

Auf der Grundlage jahrelanger Auswertungen von Steuerunterlagen und anderen Daten zeichnen Zidar und Zwick ein neues Bild der amerikanischen Oberschicht. Wie sie feststellen, führt der typische Weg zu Reichtum nicht über das Silicon Valley oder die Wall Street, sondern über privat geführte Unternehmen. Zu den reichsten Amerikanern zählen Eigentümer von Anwaltskanzleien und Beratungsfirmen, medizinischen Einrichtungen, Zahnarztpraxen, Bauunternehmen, Autohäusern, Restaurants sowie Herstellern und Vertriebsunternehmen für unterschiedlichste Produkte.

Der Aufbau dieser lukrativen Unternehmen kann Jahrzehnte dauern; ein typischer wohlhabender Eigentümer ist 62 Jahre alt. Die Hälfte des Vermögens aus Privatunternehmen entfällt auf die Generation der Babyboomer. In gewisser Weise vermittelt das Buch ein optimistisches Bild der obersten 0,1 Prozent. Auch wenn die wirtschaftliche Mobilität abgenommen hat, sei «der amerikanische Traum nicht tot», schreiben die Autoren. «Durch harte Arbeit lässt sich nach wie vor aus wenig viel machen.»

Die erste Hälfte des Buches ist reich an Geschichten über einfallsreiche, hart arbeitende Unternehmer, die durch ausgefallene Ideen, unzählige Überstunden und «eine bemerkenswerte Bereitschaft, an scheinbar langweiligen Projekten zu arbeiten» zu Wohlstand gelangten. Diese Eigentümer sind oft schwer zu ersetzen; Untersuchungen zufolge sinkt der Gewinn pro Mitarbeiter um mehr als 80 Prozent, nachdem sie in den Ruhestand gehen oder unerwartet versterben.

Erfolgsrezept: Belegschaften unter Druck setzen und Konkurrenten aufkaufen

Während der erste Teil von «Everywhere Millionaires» darauf abzielt, die Leser zu inspirieren, soll die zweite Hälfte sie eher empören. Wie sind die Reichen zu ihrem Vermögen gekommen? Unter anderem, indem sie ihre Belegschaften unter Druck setzten – wie Zidar und Zwick aufzeigen, erhalten Arbeitnehmer einen immer kleineren Anteil an den Gewinnen dieser Privatunternehmen.

Eine weitere gängige Strategie ist der Aufkauf von Konkurrenten oder das Lobbying für Gesetze, die die eigene Branche vor neuen Marktteilnehmern schützen. Obwohl Politiker oft behaupten, ihre Politik komme «kleinen» Unternehmen zugute, profitieren vor allem die reichsten Amerikaner davon – Unternehmer, die oft Tausende von Mitarbeitern beschäftigen und Gewinne in Millionenhöhe erwirtschaften.

Wer quer durch Amerika fährt und an fast beliebiger Stelle von der Autobahn abfährt, stösst auf sichtbare Zeichen dieses Reichtums. Selbst in den ärmsten Vierteln gehören die Fast-Food-Filialen, Tankstellen und Wohnhäuser jemandem – oft einer Person, die am anderen Ende der Stadt lebt. Auch in entvölkerten Gegenden gibt es Eigentümer für die brachliegenden Flächen.

Ist es für die Amerikaner ein Glück oder ein Fluch, inmitten so vieler Reicher zu leben? Das Buch von Zidar und Zwick liefert dem Leser keine einfache Antwort darauf. Die Wohlhabenden kurbeln die Wirtschaft an, schaffen Arbeitsplätze, verbreiten Innovationen und inspirieren andere dazu, in ihre Fussstapfen zu treten. Doch oft verfolgen sie auch ihre eigenen Interessen auf Kosten aller anderen. «Wir können sie für ihren Erfolg bewundern», so das Fazit der Autoren, «und dennoch der Meinung sein, dass sie dem Land, das ihren Erfolg erst ermöglicht hat, mehr zurückgeben sollten.»

(Bloomberg/cash)

 

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