«Die EZB-Politik hat desaströse Folgen»

Der Stratege einer französischen Bank warnt vor «desaströsen» Folgen der EZB-Geldpolitik. Er sieht Europa deswegen sogar in die nächste Schuldenkrise schlittern - mit der Schweizerischen Nationalbank mittendrin.
03.06.2016 08:38
Von Lorenz Burkhalter
Die Investmentbank Natixis warnt vor einer Neuauflage der Schuldenkrise.
Die Investmentbank Natixis warnt vor einer Neuauflage der Schuldenkrise.
Bild: cash

Auf dem Höhepunkt der europäischen Schuldenkrise bewies Mario Draghi, seines Zeichens Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Nerven wie Drahtseile. Seine damalige Warnung an die Finanzmärkte, gegebenenfalls mit der geldpolitischen "Bazooka" aufzufahren, bleibt bis heute legendär und geht womöglich sogar in die Geschichtsbücher ein.

Seither hat sich einiges getan. Mittlerweile kauft die EZB monatlich für die horrende Summe von 80 Milliarden Euro verbriefte Schuldverbreibungen sowie Staats- und Unternehmensanleihen. Die Leitzinsen hat sie in mehreren Schritten auf Null gesenkt. Die Geschäftsbanken werden ihrerseits mit einem Strafzins von 0,4 Prozent auf ihren Einlagen bei der EZB bestraft.

Was Draghi am gestrigen Donnerstagnachmittag im Anschluss an das geldpolitische Treffen zu sagen hatte, ist allerdings nicht der Rede wert. Kurz gesagt: Es bleibt alles beim Alten, und das noch auf Jahre hinaus.

Eine Anleihenblase historischen Ausmasses

In einem Kommentar der französisichen Investmentbank Natixis findet der Autor dennoch ziemlich deutliche Worte. Er räumt zwar ein, dass die EZB in Anbetracht der Situation zum Handeln gezwungen war. Ansonsten wären Europa und der Euro wohl an der wirtschaftlichen Kluft zwischen Nord und Süd zerbrochen. Mit ihrer ultralockeren Geldpolitik spiele sie allerdings bloss auf Zeit, so lässt der Ökonom durchblicken.

Für den Experten steht fest: Hält die EZB an ihrem derzeitigen Kurs fest, entsteht eine Anleihenblase historischen Ausmasses. Platzt diese eines Tages, hat das "desaströse" Folgen für die Finanzmärkte.

Die SNB zwangsläufig mittendrin

Nur wenn es der EZB zu gegebener Zeit gelinge, die horrenden Anleihenbestände vorsichtig zurückzufahren, könne eine Neuauflage der Schuldenkrise verhindert werden. Das wiederum setze in der Eurozone jedoch schmerzhafte Reformen voraus, um die Heterogenität der einzelnen Länder zu beseitigen, so schreibt der Autor im Kommentar. Auch wenn er es nicht wortwörtlich schreibt, so lässt er zumindest durchblicken, dass er nicht an einen glimpflichen Ausgang glaubt.

Ein Platzen der in Europa entstehenden Anleihenblase hätte auch verheerende Folgen für die Schweizerische Nationalbank (SNB). Im Kampf gegen die Frankenstärke haben sich bei ihr über die letzten Jahre Fremdwährungsreserven im Umfang von 587,6 Milliarden Franken aufgetürmt. Davon sind massgebliche Teile in europäische Staatsanleihen investiert. Eine erneute Schuldenkrise in Europa ginge nicht nur mit Verlusten auf diesen Anleihenbeständen, sondern wohl auch mit einem Wiedererstarken des Franken einher. Bleibt daher auch aus Schweizer Sicht zu hoffen, dass der Natixis-Ökonom mit seinem Schreckensszenario falsch liegt.