Die hohen Renditen der Direkt-Kredite

Immer mehr Online-Plattformen offerieren Peer-to-Peer-Kredite, also Darlehen ausserhalb des Bankensystems. Für Anleger können dabei erstaunlich hohe Renditen rausspringen. Aber wie sicher sind solche Investments?
17.02.2016 00:57
Von Pascal Züger
Zehn Prozent Rendite klingt fast schon surreal heutzutage.
Zehn Prozent Rendite klingt fast schon surreal heutzutage.
Bild: Pixabay

Es klingt eigentlich zu gut, um wahr zu sein: Eine Geldanlage mit einer Rendite zwischen 4 bis 10 Prozent. Und das in einem aktuellen Marktumfeld, wo Banken null Zins anbieten, Staatsanleihen teilweise gar im negativen Zinsbereich liegen und der Schweizer Leitindex (SMI) eine Jahresperformance von minus 12 Prozent aufweist.

Möglich machen es die sogenannten Peer-to-Peer-Kredite, auch unter Crowdlending bekannt. Auf Internet-Plattformen wie CashareCreditGate24, Lendmiteinander-erfolgreich, Veolis und Wecan.fund treffen sich Privatpersonen, die Geld für eine Investition brauchen und solche, die Geld gewinnbringend anlegen wollen. Die Kreditnehmer werden dabei mit einem Rating von A (tiefstes Ausfallrisiko) bis F (höchstes Ausfallrisiko) versehen, was dem Kreditgeber Aufschluss über die Kreditwürdigkeit gibt. Wobei ein höheres Ausfallrisiko – genau wie bei Obligationen – gleichzeitig auch eine höhere Rendite bedeutet.

Kredite werden nicht von einer einzigen Person finanziert, sondern von vielen Kreditgebern gleichzeitig. Das ermöglicht es Anlegern, auch kleinere Beträge einzubringen und in verschiedene Projekte zu investieren, um das Risiko zu reduzieren. Die Internet-Plattform, auf welcher sich Kreditnehmer und die Kreditgeber finden, agiert dabei nicht als Bank, sondern als Intermediär. Sie ist für die Kreditfähigkeits- und Bonitätsprüfung zuständig und führt die finanzielle Abwicklung durch. Dabei kassiert die Plattform einen prozentualen Anteil des Darlehensbetrags, welcher unabhängig von der Höhe des Zinssatzes ist.

Markt in der Schweiz noch bescheiden

"In den letzten 12 Monaten gab es ein beeindruckendes Wachstum in der Schweiz im Crowdlending-Bereich", sagt Andreas Dietrich, Bankenprofessor an der Hochschule Luzern, auf Anfrage von cash. Die Schweiz habe jedoch noch immer einen relativ überschaubaren Markt und hinke führenden Ländern wie Grossbritannien oder den USA ungefähr drei bis vier Jahre hinterher.

2014 lag das Volumen der Neuabschlüsse im Crowdlending in der Schweiz bei 3,5 Millionen Franken, während sich das Volumen der im gleichen Jahr abgeschlossenen Konsumkredite auf 3,9 Milliarden Franken belief, wie eine Studie von 2015 aufzeigte. Mit anderen Worten ist der klassische Konsumkreditmarkt noch immer rund 1000mal grösser als der Peer-to-Peer-Kreditmarkt.

Der grosse Nachteil gegenüber Banken ist die fehlende Einlagensicherung. Kreditgeber müssen mit dem Risiko eines Zahlungsausfalls rechnen. Andererseits fallen aber auch Kosten weg, um den ganzen "Bank-Apparat" zu finanzieren, was sich positiv auf die Rendite auswirkt. Die Ausfallrate fällt jedoch im Vergleich zur Rendite von 8,9 Prozent (Durchschnitt im Jahr 2014) relativ gering aus. "Bis jetzt haben wir noch keinen einzigen Zahlungsausfall gehabt", sagt gar Christoph M. Mueller, Gründer und CEO vom 2014 gegründeten Crowdlending-Anbieter CreditGate24 zu cash.

Das könnte sich aber ändern: "In den nächsten Jahren dürfte die Ausfallrate aufgrund der aktuellen wirtschaftlichen Lage etwas ansteigen", meint Dietrich. Für Kredite im B-Rating-Bereich schätzt der Crowdlending-Experte die Ausfallwahrscheinlichkeit künftig auf fünf Prozent ein.

Ganz verloren ist das Geld bei einem Zahlungsausfall nicht bei allen Anbietern. CreditGate24 führt etwa einen Solidaritätsfonds, durch den die Anleger der gleichen Ratingstufe bei ausbleibenden Zahlungen solidarisch haften.

Regulatorische Bedingungen in der Schweiz suboptimal

Die Schweizer Gesetzgebung scheint für das Geschäftsmodell des Crowdlending noch nicht optimal präpariert zu sein. Dietrich sieht verschiedene Anpassungen, die notwendig wären, um dem Peer-to-Peer-Modell in der Schweiz zum endgültigen Durchbruch zu verhelfen:

  • Die maximale Anzahl an Darlehensgeber pro Darlehensnehmer ist per Gesetz auf 20 Personen beschränkt: "Das ist überhaupt nicht im Sinne des Crowdlending. Es sollten ja möglichst viele Personen einen Kredit mitfinanzieren können. Die Schweiz ist das einzige Land mit dieser Regel. Eine Regel, die meiner Meinung nach möglichst schnell abgeschafft werden sollte."
  • Crowdlending-Plattformen dürfen Gelder nur maximal 5 Tage bei sich aufbewahren: "Normalerweise dauert eine Kampagne 60 bis 90 Tage. Das führt zu Problemen, da bei Kampagnenende innert wenigen Tagen alle Gelder eingezahlt werden müssen, anstatt sie laufend überweisen zu dürfen."
  • Anbieter brauchen keine Bewilligung, um eine Plattform gründen zu können: "Betrugsfälle sind nicht auszuschliessen. Hier wäre es sinnvoll, wenn die Finma eine Art Zertifikationsstempfel an vertrauenswürdige Anbieter vergeben würde."

Dass gewisse gesetzliche Anforderungen an die Plattform-Anbieter unerlässlich sind, hat ein grosser Anlagebetrugsfall in China Anfang Februar deutlich unterstrichen. Die Online-Finanzplattform Ezubao versprach Anlegern attraktive Zinsen zwischen 9 bis 15 Prozent, das Anlagevermögen belief sich insgesamt auf 7,7 Milliarden Franken. Nun hat sich das ganze Konstrukt als Schneeball-System entpuppt, welches die Investments der Neuanleger dafür verwendete, bereits engagierte Investoren auszuzahlen. Es kam zu Festnahmen. Die insgesamt 900'000 Privatanleger müssen mit hohen Verlusten rechnen.

Kommen bald die institutionellen Investoren?

In der Schweiz fokussiert sich der Markt für Direkt-Kredite noch auf Privatkunden. Verschiedene Anbieter versuchen seit kurzem aber, KMU-Finanzierungen zu etablieren. Noch völlig unberührt sind Direkt-Kredite durch institutionelle Anleger. Doch gibt es konkrete Bestrebungen, Crowdlending bald auch solchen Gross-Investoren zugänglich zu machen: Bei CreditGate24 soll dies gemäss CEO Christoph Mueller bereits ab März diesen Jahres der Fall sein.

In den USA ist dies hingegen schon längst Tatsache: Institutionelle Investoren, allen voran Hedgefonds, machen dort die Mehrheit der Peer-to-Peer-Kredite aus. Mit der Folge, dass Zinsveränderungen zu grossangelegten Geldabflüssen durch die Hedgefonds führen könnten und gleichzeitig die Blasengefahr angestiegen ist.