Eine Verlegung des Hauptsitzes ins Ausland dürfte die Grossbank UBS einer internen Analyse der Schweizer Regierung zufolge Milliarden kosten. Ein Wegzug in die USA oder nach Grossbritannien könnte die möglichen finanziellen Belastungen des Instituts durch drohende schärfere Schweizer Kapitalregeln weitgehend ausgleichen, hiess es in einem der Nachrichtenagentur Reuters vorliegenden ‌Dokument. Die ⁠Untersuchung unterstreicht, wie ernsthaft die Behörden die Möglichkeit eines Wegzugs des grössten Geldhauses des Landes prüfen, mit dem die UBS strengeren Eigenkapitalvorschriften entgehen könnte.

Die Schweiz arbeitet nach ⁠dem Zusammenbruch der Credit Suisse im Jahr 2023 an schärferen Vorschriften. Diese könnten von der UBS zusätzliches hartes Kernkapital (CET1) in Höhe von rund 18 Milliarden Dollar erfordern. Die UBS lehnt den Vorschlag ab ‌und hat angedeutet, dass der Zürcher Hauptsitz im Fall von ungünstigen regulatorischen Rahmenbedingungen gefährdet sein könnte.

Stresstests in den USA strenger

Ein Umzug in die USA gilt als eine der Hauptoptionen. Der Regierungsanalyse ​zufolge wäre dieser aber nicht einfach. Als US-Bank müsste die UBS wohl die bestehende Struktur aufgeben, bei der der Konzernholding das Stammhaus unterstellt ist, das wiederum Tochtergesellschaften hält. In den USA ist dagegen eine sogenannte «Flat-Holding-Struktur» üblich, bei der die Tochtergesellschaften direkt an der Holding hängen.

Wegen US-Beschränkungen der Kapitalunterlegung von Auslandstöchtern und weiterer Regeln würde diese Struktur nach Einschätzung der Schweizer Behörden im Wesentlichen genauso viel Kapital binden wie die von der Schweizer Regierung vorgeschlagenen Regeln. Einige US-Regeln wie Stresstests seien zudem strenger ‌als in der Schweiz, während andere Aspekte weniger restriktiv ausfielen. Zudem bestehe das Risiko, dass sich die US-Regeln bei einem Regierungswechsel in den USA erheblich ändern könnten.

Bei einem Wegzug nach Grossbritannien würde die UBS zwar von etwas weicheren Regeln für ausländische Tochtergesellschaften profitieren. Allerdings müsste das Schweizer Geschäft der Bank neu mit mehr Eigenkapital unterlegt werden, ​da es als ausländische Investition ein höheres Risikogewicht erhielte. Insgesamt sei eine verlässliche quantitative Analyse der potenziellen Änderungen eines Umzugs schwierig, ​hiess es in dem Dokument.

Ein Sprecher des Schweizer Finanzministeriums (EFD) erklärte, das EFD habe vor dem Hintergrund ​der vorgeschlagenen Kapitalmassnahmen Abklärungen zu den möglichen Modalitäten einer Sitzverlegung der UBS vorgenommen. «Die zuständigen Behörden beurteilen die vorgeschlagene Massnahme des Bundesrats (Regierung) als wirksam, zielgerichtet, verhältnismässig und insbesondere als für die UBS verkraftbar.» Die UBS ‌wollte sich nicht äussern.

Bundesrätin Keller-Sutter hält Szenario für wenig wahrscheinlich

Die Schweizer Finanzministerin hatte im vergangenen Monat erklärt, ein Wegzug der UBS sei unwahrscheinlich, da ein solcher Schritt rechtlich komplex und teurer als die neuen Kapitalregeln wäre. Der Verwaltungsratspräsident der Bank hatte dagegen angedeutet, das Geldhaus könnte seine Zukunft in der Schweiz überdenken, sollten die Vorschriften zu streng ausfallen. Konzernchef ​Sergio Ermotti ​erklärte am Mittwoch, die Bank prüfe ihre Wettbewerbsfähigkeit mit einem Hauptsitz in der Schweiz, sehe ⁠jedoch keinen Grund für überstürzte Massnahmen.

Der Streit zwischen der Bank und der Regierung dreht ​sich vor allem um den Vorschlag, dass ⁠die UBS ihre ausländischen Tochtergesellschaften zu 100 Prozent mit hartem Kernkapital absichern muss. Der Ständerat, die kleine Kammer des Schweizer Parlaments, hatte diese Zielvorgabe im vergangenen Monat ‌auf 90 Prozent abgeschwächt. Beide Werte liegen jedoch deutlich über den aktuellen Anforderungen. Eine Kommission des Nationalrats, der grossen Kammer des Parlaments, hat diese Woche mit der Beratung über die Regeln begonnen und Erklärungen von der Regierung angefordert. Die Detailberatungen sollen im November fortgesetzt werden, bevor es ‌im Dezember zu einer Abstimmung im Nationalrat kommen könnte.

Die UBS ist die einzige verbliebene globale Grossbank der Schweiz. Die Holding ​zahlte im Jahr 2025 rund eine Milliarde Dollar an Steuern, wie aus dem Geschäftsbericht des Konzerns hervorgeht. Dem Steueramt der Stadt zufolge sind Banken in Zürich mit Abstand die grössten Steuerzahler unter den Unternehmen. Der Schweizer Bankpersonalverband warnte kürzlich, dass bis zu 12.000 Arbeitsplätze bei der UBS in der Schweiz gefährdet sein könnten, sollten strengere Eigenkapitalregeln die Bank zu einer ‌Sitzverlegung veranlassen.

(Reuters)