Erstmals hat ein mRNA-Vakzin gegen Krebs in einer zulassungsrelevanten Studie seine Ziele erreicht. Die jüngsten Ergebnisse zur Behandlung von schwarzem Hautkrebs sehen Experten als Meilenstein, der weit über diese eine Krebsart hinausreicht. «Das ist ein gewaltiger Schritt nach vorn», sagte Julie Gralow, Chefmedizinerin der amerikanischen Gesellschaft für klinische Onkologie (ASCO). Die Ergebnisse bestätigten das Potenzial der mRNA-Technologie für die Krebstherapie.
Die Technologie war einer breiten Öffentlichkeit durch die Corona-Impfstoffe von Moderna und BioNTech bekannt geworden. Die Boten-RNA (mRNA) liefert den menschlichen Zellen die Bauanleitung für bestimmte Proteine und ermöglicht es so, gezielt eine Immunreaktion auszulösen. Im Gegensatz zur klassischen Chemotherapie trainieren die neuen Vakzine das Immunsystem bei der Krebstherapie gezielt darauf, Mutationen des jeweiligen Tumors zu erkennen und zu bekämpfen.
In der grossangelegten Studie mit mehr als 1000 Melanom-Patienten wurde der massgeschneiderte Impfstoff Intismeran mit der Immuntherapie Keytruda von Merck & Co kombiniert. Das Ergebnis ist gleich in zweierlei Hinsicht eine Premiere: Es ist nicht nur der erste Erfolg eines mRNA-Krebsimpfstoffs in einer späten Studienphase, sondern auch das erste Mal, dass eine solche Kombinationstherapie die alleinige Behandlung mit Keytruda übertrifft.
Für die Fachwelt ist dies ein wichtiges Signal. «Mit dieser positiven Studie gibt es die Hoffnung, dass diese Ansätze die Art und Weise, wie wir Krebs behandeln, umfassender verändern könnten», erklärte Ryan Sullivan, Direktor des Melanom-Zentrums am Mass General Brigham Cancer Institute.
Der nächste Milliardenmarkt?
Die Daten sorgten auch an der Börse für Euphorie und trieben die Moderna-Aktie am Mittwoch in der Spitze um mehr als 150 Prozent in die Höhe. Für beide Konzerne steht viel auf dem Spiel: Moderna ist dringend auf neue Erfolge angewiesen. Vom einstigen Milliardengeschäft mit dem Corona-Vakzin - dem ersten marktreifen Produkt des Unternehmens - ist wegen der massiv eingebrochenen Nachfrage nur noch ein Bruchteil übrig.
Merck & Co wiederum bereitet sich auf den drohenden Patentverlust für Keytruda zum Ende des Jahrzehnts vor. Das Medikament gehört zu den umsatzstärksten Arzneien der Welt. Analysten der Bank Barclays trauen der neuen Kombinationstherapie allein bei Hautkrebs bis 2035 einen Jahresumsatz von rund drei Milliarden Dollar zu. Bei einer raschen Zulassung könnten erste Patienten bereits im kommenden Jahr profitieren.
Die Entwicklung beschränkt sich längst nicht auf Hautkrebs. Moderna und Merck & Co testen ihren Ansatz bereits in fortgeschrittenen Studien bei Lungenkrebs sowie in früheren Phasen bei Blasen-, Nieren-, Bauchspeicheldrüsen- und Magenkrebs.
Auch die Konkurrenz treibt die Forschung voran: Das Mainzer Unternehmen BioNTech und der Pharmakonzern Roche erproben derzeit eine ähnliche Therapie bei Patienten mit Darm- und Bauchspeicheldrüsenkrebs. BioNTech befindet sich dabei in einer ähnlichen Situation wie Moderna: Nach dem Ende des Corona-Booms konzentrieren sich die Mainzer wieder voll auf ihre Krebs-Pipeline. Die Produktion seines Covid-Impfstoffs in Deutschland will BioNTech sogar komplett einstellen und die Herstellung an den US-Partner Pfizer übergeben.
Dass die Wahl für die ersten grossen Tests auf das Melanom fiel, ist kein Zufall: Diese Tumorart weist besonders viele Mutationen auf und ist für das Immunsystem daher leichter zu erkennen. Ein weiterer Pluspunkt der neuen Therapie: Während Keytruda allein teils starke Nebenwirkungen auslösen kann, traten durch die Zugabe des Impfstoffs laut den Unternehmen keine neuen schweren Begleiterscheinungen auf.
Die Reaktionen ähnelten eher denen einer Grippe- oder Corona-Impfung. Dies dürfte die Risikoabwägung für Ärzte und Patienten künftig verändern. Die Onkologin Elizabeth Buchbinder vom Mass General Brigham Cancer Institute rechnet mit einer rasanten Entwicklung, da auch viele andere Krebsarten zahlreiche Mutationen aufweisen: «Wir werden sehen, aber es ist definitiv ein Bereich, der einen enormen Aufschwung erleben wird - besonders jetzt, da diese Ergebnisse vorliegen.»
(Reuters)

