Eine Pandemie = Drei Hurrikans - Versicherer rätseln über Corona-Kosten

Versicherer haben üblicherweise eine gute Hand für Zahlen: Doch die Corona-Krise macht die Rechenkünstler ratlos
15.05.2020 20:06
Swiss Re rechnet mit Milliarden- beziehungsweise hohen dreistelligen Millionenbeträgen wegen Corona.
Swiss Re rechnet mit Milliarden- beziehungsweise hohen dreistelligen Millionenbeträgen wegen Corona.
Bild: Bloomberg

Die Branche ringt um eine Einschätzung, was sie Pandemie kosten wird - von abgesagten Reisen und Veranstaltungen bis zu Ladenschliessungen, Produktionsstopps und dem Verfall der Aktienkurse. Am Donnerstag wagte der Londoner Versicherungsmarkt Lloyd's eine erste Prognose: Auf die Branche kommen demnach Verluste von bis zu 203 Milliarden Dollar zu - 107 Milliarden Versicherungsschäden plus Verluste aus den Kapitalanlagen.

"Die Umstände sind ziemlich beispiellos, aber der Betrag liegt in einer Grössenordnung, die die Industrie bereits gesehen hat", sagte George Quinn, Finanzchef der Zurich Insurance Group, zu Reuters. Erweisen sich Lloyd's Schadenschätzungen als zutreffend, müsste die Branche infolge der Corona-Krise für eine ähnliche Summe geradestehen wie bei der Hurrikan-Serien von 2005 und 2017. Allerdings steht die Wirbelsturmsaison dieses Jahr noch bevor. Der Grossteil der erwarteten Schäden kommt aus der Absage von Grossveranstaltungen wie den Olympischen Spielen, aus Betriebsunterbrechungs-Policen und aus der Warenkreditversicherung, die Lieferanten gegen den Ausfall von Zahlungen ihrer Kunden absichert

Milliardenzahlung für Schweizer Assekuranzen

Europas Branchenprimus Allianz kostet die Coronavirus-Pandemie eine Milliardensumme, wieder Münchener Konzern am Dienstag mitteilte. Zurich prognostizierte am Donnerstag Schadenkosten von rund 750 Millionen Dollar. Die beiden führenden Rückversicherer Münchener Rück und Swiss Re rechnen mit Milliarden- beziehungsweise hohen dreistelligen Millionenbeträgen.

Auch in der Schweiz drohen Schadenzahlungen in Milliardenhöhe, doch in Summe dürften die Kosten wohl nicht aus dem Ruder laufen. "Mich würde es überraschen, wenn es ein zweistelliger Milliardenbetrag werden würde", sagte Florian Liebe, Versicherungsexperte beim Beratungsunternehmen EY in Zürich. Denn Schäden infolge der Pandemie stünden auch Entlastungen gegenüber, beispielsweise in der Autoversicherung: Weil weniger Fahrzeuge unterwegs seien, gebe es weniger Unfälle.

Ausschlussklauseln für Pandemie-Schäden

Die Branche dürfte auch für Kulanzregelungen tief in die Tasche greifen. Denn oft sind die üblichen Ausschlussklauseln für Pandemie-Schäden in Haft- und Unfallpolicen unklar formuliert. Und selbst wenn eine Deckung zweifelsfrei ausgeschlossen scheint, werden Vergleichslösungen angeboten - jüngst etwa von der Schweizer Helvetia für Gastronomiebetriebe -, um jahrelange Rechtsstreitigkeiten zu vermeiden.

Doch freiwillige Leistungen, wie sie zum Teil auch von der Politik eingefordert werden, sind eine Gratwanderung. Präzedenzfälle könnten eine Flut von Forderungen nach sich ziehen und die Kapitalreserven der Versicherer schlussendlich sprengen. Auch Regulierungsbehörden sehen Goodwill-Zahlungen dann oft kritisch. So warnte die Internationale Vereinigung der Versicherungsaufsichtsbehörden (IAIS) jüngst, dass erzwungene rückwirkende Zahlungen infolge der Virus-Krise letztlich die finanzielle Stabilität gefährden könnten.

Riesige Kapitalverluste sind zu verkraften

Härter als hohe Schadenzahlungen könnten die Branche ohnehin die Turbulenzen und Verwerfungen auf den Finanzmärkten treffen. Denn die Versicherer sitzen auf riesigen Anlageportfolios, und Wertverluste schwächen unmittelbar ihre Bilanzen. So schmolz das Kapitalpolster von Zurich praktisch auf das Minimum des Zielkorridors zusammen. Der Konzern will basierend auf dem unternehmensinternen Modell zwischen 100 und 120 Prozent des benötigten Kapitals vorhalten, Ende März waren es noch 101 Prozent. Finanzchef Quinn zufolge verfügt der Konzern aber weiterhin über eine starke Kapitalposition und hat noch Spielraum.

Grundsätzlich stellt sich die Branche auf den Standpunkt, dass die Versicherer überfordert wären, wenn es um die Absicherung des systemischen Risikos von wie Pandemien gehe. Allianz, Swiss Re und andere grosse Versicherer aber auch die EU-Versicherungsbehörde EIOPA bringen deshalb öffentlich-private Partnerschaften nach dem Vorbild der Terror-Deckung ins Spiel. In den USA oder Deutschland übernehmen Regierungen über spezielle Vehikel Schäden, die die Deckungsfähigkeit der Branche übersteigen.

(Reuters)