Am 3. November stehen die Zwischenwahlen in den USA an - und Umfragen legen nahe, dass die Republikaner mindestens in einer der beiden Kongresskammern ihre Mehrheit verlieren könnten. Viele Wähler sind unzufrieden mit Präsident Donald Trump, die hohen Lebenshaltungskosten und der Krieg gegen den Iran machen ihnen Sorgen. Viele Experten gehen daher von Zugewinnen der oppositionellen ‌Demokraten aus. Doch ⁠ist ein erdrutschartiger Sieg in gar beiden Kammern bereits ausgemachte Sache? Nicht unbedingt, meinen mehrere Analysten und Parteistrategen in Gesprächen mit der Nachrichtenagentur Reuters. Hier sind sechs Gründe, warum die Demokraten bei den «Midterms» womöglich ⁠doch nicht so erfolgreich sein könnten, wie mancher erwartet:

Weniger wirklich umkämpfte Wahlkreise

Wie alle zwei Jahre stehen auch 2026 unter anderem sämtliche 435 Sitze im Repräsentantenhaus zur Wahl. Doch wirklich hart umkämpft sein dürften dieses Mal nach Einschätzung der Experten nur etwa 40 ‌bis 50 Sitze. Das liegt zum einen an der zunehmenden politischen Polarisierung und zum anderen am Prozess des sogenannten Gerrymandering – der parteipolitisch motivierten Neuziehung von ‌Wahlkreisgrenzen. Viele Sitze gelten dadurch als sichere Bastion entweder für die Republikaner oder die Demokraten.

Analysten gehen zwar ​davon aus, dass die Demokraten es trotzdem schaffen, die Kontrolle im Repräsentantenhaus zu übernehmen - aber eben nur mit einer Mehrheit von vielleicht fünf bis 20 Sitzen. Zugewinne in der Grössenordnung von 2018, als die Partei 41 Mandate holte, gelten als unwahrscheinlich. Und selbst bei einem Plus von 25 Sitzen hätten die Demokraten zwar eine arbeitsfähige Mehrheit, aber keine gewaltige Übermacht, gibt Bill Galston, ein ehemaliger Berater des früheren Präsidenten Bill Clinton, zu bedenken. Der Handlungsspielraum wäre nur gering, und das könnte die Verabschiedung umstrittener Gesetzesvorhaben deutlich erschweren.

Mehrheit im Senat ist ungewiss

Auch bei der Wahl zum Senat stehen die Chancen der Demokraten gut, aber eine ‌Mehrheit ist ungewiss. Über gut ein Drittel der 100 Senatssitze wird abgestimmt. Die Demokraten benötigen einen Nettozugewinn von vier Mandaten, um eine Mehrheit von 51 zu 49 zu erreichen. Das aber dürfte schwierig werden. Denn für die Demokraten führt nach Einschätzung des Wahlexperten David Wasserman vom Politik-Newsletter Cook Political Report kein Weg daran vorbei, sich in Bundesstaaten durchzusetzen, in denen Trump 2024 bei der Präsidentschaftswahl zweistellige Vorsprünge verbuchte. Selbst bei einem landesweiten Umschwung ​von zehn Prozentpunkten zugunsten der Demokraten würden der Partei wahrscheinlich zwei Sitze zur Mehrheit fehlen, erklärt Wasserman.

Darüber hinaus sehen sich die Demokraten in Bundesstaaten wie Maine ​und Michigan, die sie als relativ sicher eingeschätzt hatten, mit unerwartet hartem Gegenwind konfrontiert. Die Republikaner hielten dort sehr gut ​mit, sagt Politikprofessor Andrew Busch von der University of Tennessee.

Kackpunkt Wahlbeteiligung

Umfragen zeigen zwar, dass die Anhänger der Demokraten mehr Wahlbegeisterung an den Tag legen als die der Republikaner. Strategen warnen jedoch, dass traditionelle demokratische Wählergruppen wie junge Menschen, Schwarze und Hispanics bei ‌den Zwischenwahlen historisch gesehen seltener abstimmen als in Jahren, in denen auch der Präsident gewählt wird. Und genau in diesen Gruppen herrscht Umfragen zufolge auch noch eine anhaltende Skepsis gegenüber beiden Parteien. Sollte die Wahlbeteiligung dieser Gruppen hinter den Erwartungen zurückbleiben, könnte das die Demokraten belasten. Bei den Zwischenwahlen 2022 machten Wähler ab 50 Jahren fast doppelt so viele Stimmen aus wie jene unter 50 - und ältere Wähler neigten in den vergangenen Jahren ​eher zu den ​Republikanern.

Finanzen - Vorteile für Republikaner

Die Republikaner gehen mit deutlich praller gefüllten Kassen in den Wahlkampf-Schlussspurt. Die nationalen Komitees ⁠der Partei und verbündete politische Aktionskomitees (PACs), die Wahlkampfspenden sammeln, verfügten laut Angaben gegenüber der US-Wahlbehörde zuletzt über rund 614 Millionen Dollar. ​Im Lager der Demokraten kam man auf 392 ⁠Millionen Dollar. Die Republikaner können sich zudem auf die gigantische Spendensammelorganisation MAGA Inc. verlassen, benannt nach Trumps «Make America Great Again»-Motto. Das Super-PAC hielt Anfang September allein 416 Millionen Dollar an Barmitteln.

In den umkämpften Bundesstaaten gaben die ‌Republikaner bis Ende September für Senatswahlwerbung 188 Millionen Dollar mehr aus als die Demokraten, wie aus Daten der Analysefirma AdImpact hervorgeht. Ein grosser finanzieller Vorteil, der letztlich den Ausschlag geben könnte, sagt Professor Busch.

Umfragen liegen nicht immer richtig

In einer aktuellen Umfrage von Reuters und dem Meinungsforschungsinstitut Ipsos kommen die Demokraten landesweit bei der Kongresswahl auf einen Zuspruch von ‌43 Prozent. Die Republikaner liegen bei 35 Prozent. Doch gerade in jüngster Zeit trafen Umfragen am Ende nicht immer völlig zu. Gerade die Zustimmung für die ​Republikaner wurde oft unterschätzt - etwa bei den «Midterms» 2014, als sie klar im Senat siegten. 2022 wiederum wurden die Demokraten unterschätzt.

Sozialismus-Vorwürfe könnten verfangen

Trump und viele republikanische Kandidaten versuchen, die Demokraten als Sozialisten und Extremisten darzustellen, die eine existenzielle Bedrohung für die USA seien. Die Republikaner nutzen dabei unter anderem einzelne Erfolge von Vertretern der linken Bewegung «Democratic Socialists of America», um die gesamte Partei als sozialistisch zu brandmarken. Die Attacken könnten bei einigen unentschlossenen Wählern verfangen, warnt der frühere ‌Clinton-Berater Galston. In knappen Rennen könne dies die Demokraten ​einen oder zwei Prozentpunkte kosten.

(Reuters)