Seit dem Zinsentscheid der Europäischen Zentralbank vom Donnerstagnachmittag legt der Euro zum Franken den Rückwärtsgang ein und sinkt unter die Marke von 92 Rappen. Das ist der tiefste Stand seit vier Monaten. Auch zum Dollar zeigt sich der Franken stärker: Die US-Valuta kostet noch etwas mehr als 82 Rappen.
Der unveränderte Leitzins dürfte allerdings nicht der alleinige Grund sein. Einzelne Marktteilnehmer kommentieren den Rücktritt der EZB-Präsidentin Christine Lagarde kritisch. Ihr vorzeitiger Abgang sowie der von Isabelle Schnabel würden die Glaubwürdigkeit der Zentralbank untergraben. Matthew Ryan, Stratege bei der auf Transaktionen zur Währungsabsicherung spezialisierten Research-Boutique Ebury, fasst dies wie folgt zusammen: «Der Zeitpunkt des Rücktritts von Lagarde dürfte zumindest teilweise politisch motiviert sein. Mit ihrem vorzeitigen Rücktritt kann ihre Nachfolge noch vor der französischen Präsidentschaftswahl im Frühjahr 2027 geregelt werden. Umfragen zufolge könnte die politische Rechte die Wahl in Frankreich gewinnen. Damit könnten Emmanuel Macron und Friedrich Merz noch massgeblichen Einfluss auf die Besetzung des Spitzenpostens nehmen.»
Ein weiterer Grund für den schwächeren Euro und Dollar ist der gebrochene Trend, den Franken für sogenannte «Carry Trades» einzusetzen. Ein Carry Trade ist eine Anlagestrategie am Devisenmarkt, bei der sich ein Investor in einer Währung mit niedrigem Zinssatz Geld leiht, um dieses Kapital anschliessend in einer anderen Währung mit einem höheren Zinssatz anzulegen. Der Profit entsteht dabei aus der Zinsdifferenz zwischen den beiden Währungen.
Die Rechnung geht allerdings nur auf, wenn die Zinsdifferenz gross genug ist, um einen allfälligen Kursrückgang bei der angelegten Währung zu kompensieren. Einjährige Dollaranlagen werfen derzeit 4,4 Prozent, jene in der Schweiz 0,11 Prozent. Die Zinsdifferenz beträgt somit 4,3 Prozent. Das scheint auf den ersten Blick ein grosser Puffer zu sein. Allerdings gilt es zu bedenken, dass der Dollar bei kräftigen Abwärtsbewegungen gut und gerne bis 10 Prozent nachgeben kann.
Fundamentaldaten sprechen für Frankenstärke
Aus fundamentaler Sicht hält der Devisen-Veteran Kit Juckes von Société Générale (SG) die Idee des Frankens als Finanzierungswährung für fragwürdig und liefert in einem jüngst publizierten Kommentar die Antwort auf die eigene Frage gleich mit: «Wie kann die Schweiz mit einem Nettoauslandsvermögen von insgesamt 1,22 Billionen Dollar respektive 109 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) als ‹Finanzierungswährung› fungieren?»
Der Schweizer Franken zeige jüngst vielmehr ein Muster einer allmählichen Abwertung gegenüber dem Euro und dem US-Dollar, die immer wieder von scharfen Korrekturen unterbrochen werde, wenn die Währung auf dramatische Ereignisse reagiere. Das Währungspaar Dollar zum Franken fiel zu Beginn des Golfkonflikts im Februar 2026 von 0,80 auf 0,76 Franken. Hernach folgte ein Anstieg auf einen Höchststand von 0,84 Franken vor zwei Wochen, ehe die US-Valuta infolge der Ereignisse in Frankreich wieder auf 0,82 zurückfiel.
Da die Inflation in der Schweiz - trotz eines realen BIP-Wachstums, das in diesem Jahr auf 2 Prozent zusteuert - auf absehbare Zeit unter 1 Prozent bleiben dürfte, besteht für die Schweizerische Nationalbank (SNB) derzeit kein Druck, die Zinsen zu erhöhen. Das stärkste Argument für eine Zinserhöhung wäre eigentlich nur der Wunsch, sich wieder Spielraum für künftige Zinssenkungen zu verschaffen, falls dies erforderlich werden sollte, meint der SG-Devisenexperte Juckes. «Der Leistungsbilanzüberschuss bleibt mit rund 6 Prozent des BIP recht stabil, der Staatshaushalt ist nahezu ausgeglichen, und in den Bergen fällt Schnee. Wer auf den Beginn eines dauerhaften Abwärtstrends beim Schweizer Franken hofft, könnte enttäuscht werden.»
Eine Gefahrenzone für den Franken macht der Experte aus London trotzdem aus. Das grösste Risiko bestehe darin, dass bei einem künftigen Rückgang der Ölpreise ein schwächerer Dollar den Schweizer Franken gegenüber Währungen mit höherer Rendite aufwerten lassen könnte. Der Zeitpunkt eines solchen Schrittes sei jedoch höchst ungewiss. Ein Ende des Golfkonflikts wäre zudem zunächst ein Ereignis, das die Risikobereitschaft der Anlegerinnen und Anleger fördere. Das dürfte dem Franken kaum zugutekommen. «Darüber mache ich mir aber erst Gedanken, wenn es tatsächlich so weit ist», so die Konklusion von Juckes.

