Die Verbraucherpreise stiegen um 3,8 Prozent, ⁠nach 3,2 Prozent im August, wie das EU-Statistikamt am Freitag mitteilte. Von Reuters befragte Experten hatten nur mit einem Wert von 3,6 Prozent gerechnet. Für ‌den überraschend kräftigen Preisschub sorgte insbesondere Energie, die sich gegenüber dem Vorjahresmonat um ‌satte 18,8 Prozent verteuerte. Die Europäische Zentralbank (EZB) dürfte sich bis zum ​Jahresende mit einer weiteren Zinserhöhung gegen den vom Iran-Krieg befeuerten Inflationsauftrieb stemmen.

«Eine Zinsanhebung im Dezember ist so gut wie in Stein gemeisselt», meint der Chefvolkswirt der Liechtensteiner VP Bank, Thomas Gitzel. Während hierzulande die Inflationsrate mit 3,3 Prozent sogar unter dem Durchschnitt der Euro-Zone liegt, ist sie in Spanien (5,0 Prozent) und Italien (4,1 Prozent) weit darüber. «Der Süden wird für die EZB zum ‌Problemfall», meint Gitzel. Auf ihrer Oktober-Zinssitzung dürften die Währungshüter seiner Ansicht nach allerdings noch die Füsse stillhalten. EZB-Chefin Christine Lagarde hat bereits klargestellt, dass die Zinsen «nicht im Gleichschritt» mit den Energiepreisen steigen würden.

«Der sich hinziehende Energiepreisschock bleibt der entscheidende ​Treiber», sagte Stephanie Schoenwald, Ökonomin bei KfW Research, zu dem jüngsten Inflationsschub. Kriegsbedingt ausgedünnte Verarbeitungskapazitäten verschärften ​die Knappheiten bei Raffinerieprodukten, insbesondere bei Diesel, zusätzlich. Sie verweist darauf, dass auch ​die hohen Gaspreise zunehmend bei den europäischen Verbrauchern ankommen: «Gemeinsam mit wieder anziehenden mittelfristigen Inflationserwartungen der Haushalte stärkt das die Argumente für einen weiteren EZB-Zinsschritt.»

Nach Einschätzung von ‌Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer mehren sich zudem die Anzeichen, dass die Unternehmen die höheren Energiepreise an ihre Kunden weitergeben. In den vergangenen drei Monaten seien die Verbraucherpreise ohne Energie und Nahrungsmittel auf Jahresrate hochgerechnet bereits um schätzungsweise drei Prozent gestiegen: «Dieses Verfestigen der Inflation wird der ​EZB nicht ​gefallen. Sie wird ihre Leitzinsen weiter anheben müssen.»

Die Euro-Hüter hatten ⁠bereits im Juni und September auf den Inflationsschub infolge des anhaltenden Iran-Krieges ​reagiert und den Leitzins auf aktuell ⁠2,50 Prozent angehoben. Die EZB rechnet damit, dass die Gesamtinflation noch bis in die erste Jahreshälfte 2027 deutlich über ihrem ‌Zielwert von 2,0 Prozent bleiben wird. Sie will vermeiden, dass der Ölpreisschock das Preisgefüge nachhaltig verändert: Denn die vom Iran-Krieg angeheizten hohen Energiekosten für Verbraucher und Unternehmen bergen die Gefahr, dass sich Löhne und Preise ‌gegenseitig hochschaukeln.

EZB-Direktorin Isabel Schnabel betonte jüngst, dass man nicht abwarten könne, bis diese Effekte tatsächlich einträten. Es ​gelte zu beurteilen, wie sich Schocks auf die zugrunde liegende Inflation übertrügen, und die Geldpolitik entsprechend auszurichten. Die Zentralbank achtet dabei insbesondere auf die sogenannte Kernrate, bei der die schwankungsanfälligen Preise für Energie und Nahrungsmittel ausgeklammert werden. Diese Rate stieg im September auf 2,5 ‌Prozent, nach 2,4 Prozent im Vormonat.

(Reuters)