Die Ukraine ‌habe nur ⁠noch wenige Monate Zeit, um die Weichen für eine Wende zu stellen, warnte Fedorow in einem am Dienstag veröffentlichten Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters ⁠in Kiew. Dem 35-jährigen Reformer zufolge fehlt der Ukraine ein übergeordnetes Konzept für einen Sieg in dem seit viereinhalb Jahren andauernden Krieg. Zudem werde das Land durch mangelnde Innovationen, tief ‌verwurzelte Korruption, Seilschaften sowie eine fehlende politische Unabhängigkeit staatlicher Institutionen gelähmt.

«Ich denke, dass wir uns jetzt an ‌einem Wendepunkt befinden, der unseren künftigen Weg bestimmen wird, aber es sieht ​so aus, als würden wir allmählich ins Hintertreffen geraten», sagte Fedorow. Die Ukraine habe allerdings weiterhin «alle Chancen» auf einen Sieg, benötige dafür aber dringend einen Plan zur Beendigung des Krieges. Während die russischen Vorstösse entlang der 1200 Kilometer langen Frontlinie in diesem Jahr weitgehend zum Stillstand gekommen sind, erzielt Moskau in wichtigen Regionen wie den Städten des sogenannten Festungsgürtels in der ostukrainischen Region Donezk weiterhin Fortschritte.

Das ukrainische Präsidialamt erklärte als Reaktion auf Fedorows Äusserungen, er ‌habe die Kriegsführung während seiner Zeit im Ministerium positiv bewertet. Geändert habe sich seither lediglich sein persönlicher Status.

Fedorow wurde sechs Monate nach seiner Ernennung entlassen, nachdem er Reformen bei der Beschaffung und Mobilisierung eingeleitet hatte. Damit geriet er auf Kollisionskurs mit der Militärführung und politischen Rivalen. In dem Gespräch in einem Kiewer ​Hotel am Montag betonte er, wie wichtig die Entwicklung autonomer, KI-gesteuerter Drohnen, günstiger Abfangraketen gegen russische Luftangriffe sowie ​eines eigenen ballistischen Raketenprogramms sei. Ukrainische Hersteller arbeiteten an diesen Technologien, es fehle jedoch eine ​abgestimmte Strategie, um deren Wirkung an der Front zu maximieren.

«Mangel an einer klaren Vision»

Fedorow skizzierte die Vision einer Frontlinie, die mit elektronischen Sensoren zur Feinderkennung ausgestattet sei und auf der ‌Drohnen zu Lande und in der Luft die menschliche Präsenz minimieren sollten. «Technologien, die die Russen vollständig stoppen könnten, existieren bereits, aber unser Mangel an einer klaren Vision führt dazu, dass wir sie nicht einsetzen», sagte er. Der Ex-Minister kritisierte die Ineffizienz des ukrainischen Staates.

Fedorow bezeichnete sich als treibende Kraft einer Drohnenkampagne in ​diesem Jahr, ​die sich gegen die Treibstoffversorgung und die militärische Logistik Russlands im besetzten Teil ⁠der Südukraine richtete. Es gebe weiterhin einige Monate Zeit, um diese Operation voranzutreiben und ​die besetzte Halbinsel Krim zu isolieren. Schwere ⁠Vorwürfe erhob Fedorow gegen die Strukturen im Verteidigungsministerium. Bei seinem Amtsantritt habe er Abteilungsleiter vorgefunden, die auf Betreiben ukrainischer Rüstungsunternehmen ernannt worden seien, um deren Interessen ‌zu vertreten. Namen der betroffenen Unternehmen nannte er nicht.

In der vergangenen Woche hatte Fedorow als erster hochrangiger Politiker Wahlen in Kriegszeiten gefordert und eine «strukturelle» Regierungskrise beklagt. Präsident Wolodymyr Selenskyj wies die Forderung zurück und warnte, Wahlen könnten das Land im Kampf ‌gegen Russland zerstören.

Seit der russischen Invasion im Februar 2022 gilt in der Ukraine das Kriegsrecht, das Wahlen ​aus Sicherheitsgründen verbietet. Selenskyj deutete zudem an, dass Fedorow von Kräften ausserhalb des Landes zu dem Vorstoss gedrängt worden sein könne. Fedorow wies dies entschieden zurück. Trotz der enormen logistischen Herausforderungen durch Millionen Vertriebener und die Besetzung von Gebieten zeigte sich Fedorow überzeugt, dass die Ukraine innovative Wege zur Organisation von Wahlen finden werde. Ob ‌er selbst für das Präsidentschaftsamt kandidieren wolle, ​sei noch unklar.

(Reuters)