Die Tablette biete vor allem eine Alternative für Patienten, die Spritzen ablehnen, berge aber die Gefahr eines zunehmenden Missbrauchs durch dubiose Online-Anbieter, erklärten Mediziner und Juristen am Mittwoch bei einer Veranstaltung des Science Media Centers (SMC). Zugleich wachse der politische Druck, die Kosten für stark gefährdete Patienten zu erstatten.
Der dänische Hersteller Novo Nordisk will die Pillenversion seiner Abnehmspritze Wegovy im September in Deutschland auf den Markt bringen. Die EU-Kommission hatte das Mittel für Erwachsene mit Fettleibigkeit oder Übergewicht Mitte Juli freigegeben. Es ist damit die erste orale GLP-1-Behandlung zur Gewichtsreduktion auf dem europäischen Markt. Die Wegovy-Pille ist bereits in den USA, Grossbritannien und den Vereinigten Arabischen Emiraten erhältlich. Das Konkurrenzpräparat Foundayo von Eli Lilly befindet sich in der EU noch im Prüfprozess, erhielt aber zu Wochenbeginn in Grossbritannien grünes Licht.
Medizinisch unterscheidet sich die Pille nach Ansicht der Fachleute kaum von der bereits erhältlichen Wegovy-Spritze. «Der wesentliche Vorteil wird erstmal sein, dass es eben diese Wahlmöglichkeiten gibt», sagte die Endokrinologin Nina Meyer von der Berliner Charité. Ein Nachteil sei jedoch die ineffiziente Aufnahme des Wirkstoffs Semaglutid über den Magen sowie die strikten Einnahmevorgaben: Die Tablette muss nüchtern und eine halbe Stunde vor der ersten Mahlzeit eingenommen werden. «Sie brauchen vom gleichen Wirkstoff 70-mal so viel, wenn Sie das in Tablettenform geben, als wenn Sie das spritzen», erklärte Hans Hauner, Direktor des Else Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin an der TU München.
Unabhängig von der Darreichungsform forderten die Wissenschaftler ein Umdenken bei der Kostenerstattung für stark gefährdete Patienten. Bislang gelten Abnehmpräparate rechtlich als Lifestyle-Medikamente und werden von den gesetzlichen Krankenkassen nicht bezahlt. Eine Freigabe für alle rund 15 Millionen übergewichtigen Deutschen würde das Gesundheitssystem Hauner zufolge mit geschätzten Kosten von bis zu 50 Milliarden Euro überfordern. Er verwies jedoch auf Studien, denen zufolge Semaglutid bei Risikopatienten die Gefahr von Herzinfarkten und Schlaganfällen um etwa 20 Prozent senke. «Für die schweren Fälle, für die hohen Risiken wird, glaube ich, der Ausschluss immer schwerer zu rechtfertigen sein», sagte Stefan Huster, Professor für Gesundheitsrecht an der Ruhr-Universität Bochum.
Scharfe Kritik übten die Fachleute an der Verschreibung über Online-Plattformen. «Das Geschäftsmodell ist, diese Medikamente schnell bereitzustellen, da noch ordentlich was draufzuschlagen», warnte Hauner. Huster ergänzte mit Blick auf die fehlende ärztliche Begleitung: «Es gibt ja null Kontrolle.» Ohne Ernährungsberatung drohten zudem Mangelernährung und Muskelabbau; auch sei der Missbrauch durch Menschen mit Essstörungen ein ungelöstes Problem. Die Experten warnten zudem vor einem Einsatz der Mittel als reine Lifestyle- oder Anti-Aging-Produkte. Für einen Nutzen zur allgemeinen Gesundheitsförderung oder Lebensverlängerung gebe es keine belastbaren Belege. Mit der Einführung der Tablette könnte zudem das Risiko von Medikamentenfälschungen und illegalen Online-Angeboten steigen.
(Reuters)

