EZB-Präsidentin Christine Lagarde wird vorzeitig abtreten. Die Europäische Zentralbank gab am Donnerstag bekannt, dass die Französin am 7. Februar 2027 ihren Posten abgibt. Ihre Amtszeit als EZB-Chefin läuft regulär bis Oktober 2027. Seit längerem hatte es Spekulationen über einen vorzeitigen Rücktritt der 70-Jährigen und einen Wechsel zum Weltwirtschaftsforum gegeben. Lagardes Rückzug gibt den europäischen Staats- und Regierungschefs die Möglichkeit, noch vor den französischen Präsidentschaftswahlen im Frühjahr über die Nachfolge an der EZB-Spitze zu bestimmen. Als Favoriten für den Posten gelten der Niederländer Klaas Knot und der Spanier Pablo Hernandez de Cos.
Ökonomen, Finanzexperten und Politiker sagten dazu in ersten Reaktionen:
Holger Schmieding, Chefökonom Berenberg Bank:
«Dass Lagarde vorzeitig geht, ist keine Überraschung und ändert unseres Erachtens nichts an den Aussichten für die Geldpolitik der EZB oder an der Art und Weise, wie die EZB mit Risiken im Zusammenhang mit Frankreich umgeht. Lediglich der Zeitpunkt ihrer Ankündigung kam etwas überraschend.
Die EU-Staats- und Regierungschefs werden voraussichtlich versuchen, die drei Vakanzen im EZB-Direktorium, die 2027 entstehen, im Paket zu besetzen – spätestens auf dem EU-Gipfel am 17./18. Dezember, möglicherweise aber auch schon früher. Verschiedenen Medienberichten zufolge wird Deutschland in Kürze einen Kandidaten für die Nachfolge von Isabel Schnabel als Direktoriumsmitglied mit Zuständigkeit für Marktoperationen nominieren; dabei wird jedoch kein Anspruch auf den EZB-Vorsitz oder - wahrscheinlich - auf die Position des Chefvolkswirts, die derzeit Philip Lane innehat, erhoben.»
Thomas Gitzel, Chefökonom VP Bank:
«Gerüchte gab es bereits seit längerem, nun ist es offiziell: Christine Lagarde tritt zum 7. Februar 2027 zurück. Die EZB-Chefin räumt damit ihren Stuhl vor den im April anstehenden französischen Präsidentschaftswahlen. Aktuellen Umfragen zufolge führt die rechtsnationale Marine Le Pen. Hinter vorgehaltener Hand ist innerhalb der EZB die Furcht gross, dass bei einem Wahlsieg von Marine Le Pen ein EU-kritischer Kandidat für den Vorsitz der Notenbank ins Spiel gebracht wird. Le Pen plant im Falle eines Sieges einen harten Kurswechsel gegenüber der EU. Das Thema bei der heute Nachmittag anstehenden EZB-Pressekonferenz ist damit auch gesetzt: Es wird um die Hintergründe des Rücktritts und die Nachfolge gehen.
Gute Chancen für die Nachfolge werden dem Spanier Pablo Hernández de Cos und dem Niederländer Klaas Knot eingeräumt. De Cos ist seit dem 1. Juli 2025 Generaldirektor der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel. Davor war er sieben Jahre lang Gouverneur der spanischen Zentralbank. Klaas Knot war von 2011 bis 2025 Präsident der Niederländischen Zentralbank. Für de Cos sprechen einige Punkte. Spanien hatte seit Bestehen der EZB noch nie den EZB-Vorsitz inne. Darüber hinaus ist der Spanier dem geldpolitischen Metier nach seiner Tätigkeit als Vorsitzender der spanischen Notenbank treu geblieben. Würde die Wahl tatsächlich auf de Cos fallen, bekäme die EZB einen Vorsitzenden, der in der Vergangenheit mit taubenhaften Tönen auffiel. Ein gemässigter Geldpolitiker dürfte derzeit von vielen Regierungen bevorzugt werden.
Mit signifikanten geldpolitischen Änderungen ist andererseits nicht zu rechnen. De Cos wird, wie es bei Christine Lagarde der Fall war, einen geldpolitischen Mittelweg einschlagen. Für die Finanzmärkte ist deshalb das vorzeitige Ausscheiden von Christine Lagarde kein Ereignis, das grössere Kursreaktionen nach sich zieht.»
Lars Klingbeil, Bundesfinanzminister:
«Christine Lagarde hat die Europäische Zentralbank in schwierigen Zeiten geführt. Unter ihrer Führung hat die EZB den Euro auch in Krisenzeiten stabil gehalten: als die Corona-Pandemie Europa hart getroffen hat, als Russland die Ukraine überfallen hat, genauso wie zuletzt angesichts der wirtschaftlichen Erschütterungen durch den Iran-Krieg.
Ich habe grossen Respekt vor ihrer Arbeit als EZB-Präsidentin und danke Christine Lagarde persönlich und im Namen der Bundesregierung herzlich. Wir werden gemeinsam im Euroraum die künftige Spitze der EZB beraten und zeitnah entscheiden. Ich bin mit dem Bundeskanzler ebenso wie mit meinen europäischen Amtskolleginnen und -kollegen hierzu im engen Austausch. Mehrere zentrale Positionen bei der EZB sind neu zu besetzen. Deutschland wird sein Gewicht als grösster Staat im Euroraum einbringen, um eine breit getragene und verantwortungsvolle neue Führungsspitze der EZB zu bilden.»
(Reuters)

