Faber: «Wer austeilt, muss einstecken können»

Der weltweit bekannte Schweizer Investor Marc Faber spricht im cash-Interview über sein Tradingverhalten und sagt, wie er mit Anlegerkritik umgeht.
23.10.2013 09:22
Interview: Daniel Hügli
«Klar kriege ich auch Hassmails.» Marc Faber über sein Leben als Börsenguru.
Bild: Nick Hunger

Dieses Interview ist Teil des Magazins cash VALUE «Trading 2013». Das Magazin kann hier als PDF heruntergeladen oder hier als ePaper gelesen werden.

Herr Faber, wie oft handeln Sie an den Finanzmärkten?
Ich handle ganz selten. Wenn man viel handelt, gibt es viele Spesen. Das schlägt sich dann auch in einer tieferen Performance nieder.

Was handeln Sie bei Ihren seltenen Trades?
Aktien kaufe ich, wenn ich sehe, dass sie günstig sind. In diesem und im letzten Jahr habe ich vor allem Positionen in Vietnam und in Japan erhöht. Ich empfehle den Anlegern grundsätzlich eine Diversifikation von Immobilien, Aktien, Obligationen und Bargeld beziehungsweise Edelmetallen. Ich kaufe ja jeden Monat Gold. Denn die Manipulation von Zinsen durch die Zentralbanken kommt meiner Ansicht nach auf längere Frist nicht gut heraus.

Handeln Sie auch mit Optionen?
Ich brauche Optionen, wenn ich Positionen in Goldaktien habe.

Und Devisen?
Nicht stark. Ich halte mein Bargeld vor allem in Dollar und Euro zu jeweils 40 Prozent. Der Rest fällt auf asiatische Währungen. Bargeld in Schweizer Franken habe ich fast keines. Der Franken ist wegen der Kursuntergrenze ja fast ein Euro.

Welches war Ihr grösster Trading-Misserfolg?
Als Anleger macht man viele Fehler. Ich habe viele Leute schlecht eingeschätzt, teils zu positiv, teils zu negativ. Der grösste Fehler, den ich gemacht habe, war, die US-Technologiebörse Nasdaq Ende der 90er-Jahre «à la baisse» zu spielen, also auf fallende Kurse zu wetten. Tatsächlich stieg der Index dann noch deutlich an. Damals fuhr ich richtig grosse Verluste ein. Das ist ein schwarzer Fleck in meiner Karriere, das gebe ich unumwunden zu … (lacht). Ein Fehler war vielleicht auch, dass ich in gewisse Anlagen zu wenig investiert hatte.

Und der weisseste Fleck beim Trading?
Das sind ebenfalls eher Einschätzungen als einzelne Trades. Ich hatte gewisse Erfolge beim Erkennen von Anlageblasen, zum Beispiel beim Goldpreis im Jahr 1980 oder im Vorfeld des Börsencrashs 1987. Ich stieg auch in Märkte ein, die damals sehr tief bewertet waren. Ich war in den 70er-Jahren zum Beispiel der erste ausländische Anleger in Südkorea und in Taiwan, in den 80er-Jahren investierte ich auf den Phillippinen und in Thailand, Ende der 80er-Jahre in Südamerika. 1993 starteten meine Partner und ich in Russland mit «Firebird» den ersten Auslandfonds in Russland.

Sie stellen sich auf den Standpunkt, dass ein Anleger bei einem Investment 30 Prozent Verlust einkalkulieren muss, sonst soll man es lassen. Das ist relativ viel.
Schauen Sie den Verlauf des Swiss Market Index an. In den letzten 20 Jahren gab es hohe Schwankungen. Ein Anleger darf einfach nicht davon ausgehen, dass wir nur Volatilitäten nach oben haben. Es gibt viele Aktien in der Schweiz, die noch immer bis 70 Prozent unter ihren Rekordständen von 1998 oder 2007 notieren.

Wie hat sich der Wertpapierhandel verändert?
Der Handel heute wird ja weniger von Einzelanlegern beeinflusst als vielmehr von Hedgefunds und dem Hochfrequenzhandel. Nicht verändert hat sich ein Phänomen: Vor 100 Jahren wie auch heute sind diejenigen Leute erfolgreich im Handel, die Insiderinformationen und einen Wissensvorsprung haben. Es gibt in den USA ja Performancemessungen zwischen Privatanlegern, Banken und Regierungsbeamten. Letztere haben immer eine wesentlich besser Performance auf ihren Investments. Warum? Weil sie in die Gesetzgebung blicken können und ­entsprechend handeln können. Gerade bezüglich der Pharmaindustrie spielt das eine gros­se Rolle.

Spekulation war also schon immer da?
Ja, genauso wie Prostitution, Casinos, Drogen oder Religion. Die Spekulation steigt durch die Ausdehnung der Geldmengen, wie das die Notenbanken seit Jahren machen.

Können die so genannten «Anlage­gurus» wie Jim Rogers, Warren Buffett, George 
Soros oder auch ein Marc Faber heutzutage mit ihren Aussagen noch die Märkte beeinflussen?
Das glaube ich nicht. Aber ich erzähle Ihnen etwas, das wieder das Insiderwissen betrifft. Ich veröffentliche meine Anlagen mit anderen Investmentexperten periodisch im US-Anlegermagazin «Barron’s». Da ist es auch schon passiert, dass gewisse Wertpapiere, die ich angab, an der Börse bereits gestiegen waren, bevor sie im Heft überhaupt publiziert wurden. Da haben also gewisse Leute eine privilegierte Information ausgenutzt. Es stiegen sogar gewisse Aktien, die auf meinen Unterlagen vermerkt waren und welche ich gar nicht erwähnt hatte. Das beweist einmal mehr: Das so genannte «Front Running» gibt es einfach in den Märkten.

Haben Sie von Anlegern auch schon Lob und Hassmails auf Ihre Empfehlungen erhalten?
Klar, man kriegt auch Hassmails von irgendwelchen Arschlöchern. Aber diese E-Mail wird sofort blockiert. Ich erhalte hingegen auch viele Zuschriften mit fundierter Kritik, die akzeptiere ich auch. Wer austeilt, muss auch einstecken können. Im Grossen und Ganzen, so glaube ich, finden meine Ansichten Sympathien, vor allem in Bezug auf die Eingriffe in die freie Wirtschaft durch Regierungen und Notenbanken.

Die Volumen an den Börsen bleiben relativ tief. Werden sie jemals wieder Werte erreichen wie vor der Finanzkrise oder wie damals um die Jahrtausendwende beim Dotcom-Boom?
Mittlerweile wird ja auch neben der Börse viel gehandelt. Wenn man diese Summe addiert, bin ich mir nicht sicher, ob die Volumen heute wesentlich tiefer sind. Es stimmt aber, dass ein breites Publikum das Vertrauen in Aktien, Finanzberatung oder Fonds verloren hat. Es ist zu viel passiert. Da müssen sich die Banken selber an der Nase nehmen. Es kommt noch etwas anderes dazu: Das Eröffnen eines Kontos bei einer Bank erinnert mich heutzutage an eine Geburt, ja an eine Zangengeburt. Das dauert so lange. Demgegenüber können Sie irgendwohin gehen und für 30 000 Franken ein Bild kaufen. Da werden keine Fragen gestellt. Dasselbe bei einem Immobilienkauf in den USA: keine Fragen. Vergleichen Sie das mit dem Fragebogen-Terror beim Konto. Das alles hat einen negativen Einfluss auf die Finanzmärkte.

Marc Faber wurde 1946 in Zürich geboren und schloss sein Studium der Wirtschaftswissenschaften mit dem Doktorat ab. Nach Stationen bei White Wheld und Drexel Burnham Lambert in New York, Zürich und Hongkong gründete er 1990 die Investmentfirma Marc Faber Ltd. mit Sitz in Hongkong. Faber erschuf sich den Ruf eines Crash-Propheten, weil er das Platzen verschiedener Börsenblasen vorhersagte – unter anderem auch in seinem monatlich erscheinenden Anlegerbrief «Gloom Boom & Doom Report». Daher auch sein anderer Name «Dr. Doom». Faber wohnt in Chiang Mai im Norden Thailands. Er ist mit einer Thailänderin verheiratet und hat eine erwachsene Tochter, die in Zürich lebt.