Die Europäische Zentralbank hält den Leitzins konstant. Der Einlagensatz, über den die Notenbank massgeblich ihre Geldpolitik steuert, bleibt bei 2,25 Prozent, wie die EZB am Donnerstag mitteilte. Die Währungshüter hatten die Zinsschraube im Juni im Kampf gegen die vom Iran-Krieg angefachte Inflation angezogen. Die Finanzmärkte erwarten, dass die EZB wohl bald eine weitere Erhöhung folgen lassen wird.
Finanzexperten und Analysten sagten dazu in ersten Reaktionen:
JÖRG KRÄMER, CHEFÖKONOM COMMERZBANK:
«Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Auch wenn die EZB ihre Leitzinsen heute nicht zum zweiten Mal in Folge anheben wollte, kommt sie um eine weitere Erhöhung auf der nächsten Sitzung im September nicht umhin. So planen immer mehr Unternehmen Umfragen zufolge, die massiv gestiegenen Energiekosten an die Verbraucher weiterzugeben. Entsprechend sind die langfristigen Inflationserwartungen der Bürger bereits spürbar gestiegen. Mit 2,25 Prozent liegt der EZB-Einlagensatz ohnehin noch unter dem neutralen Niveau und ist zu niedrig, um die gestiegenen Inflationsrisiken zu bekämpfen.»
STEFAN GERLACH, CHEFÖKONOM BEI EFG INTERNATIONAL:
«Die Entscheidung zeigt, dass die EZB darauf abzielt, die Inflation schrittweise und nicht so schnell wie möglich wieder auf das Zielniveau zurückzuführen. Die Inflation liegt seit 2021 jedes Jahr über 2 Prozent, dennoch ist der EZB-Rat bereit, eine langsame Rückkehr zum Zielwert in Kauf zu nehmen, anstatt die Geldpolitik aggressiv zu straffen. (...) Zukünftige Entscheidungen werden davon abhängen, ob höhere Energiepreise Zweitrundeneffekte auslösen. Wenn Löhne, die Inflation bei Dienstleistungen und die Inflationserwartungen unter Kontrolle bleiben, wird die EZB einen vorübergehenden Anstieg der Gesamtinflation wahrscheinlich ignorieren. Ist dies nicht der Fall, wird eine weitere Straffung erforderlich sein.»
JÖRG ASMUSSEN, HAUPTGESCHÄFTSFÜHRER DES GESAMTVERBANDS DER DEUTSCHEN VERSICHERUNGSWIRTSCHAFT (GDV) UND EX-EZB-DIREKTOR:
«Die Entscheidung der EZB, die Zinsen vorerst unverändert zu lassen, ist richtig. Mit der Erhöhung im Juni hat sie bereits richtigerweise deutlich gemacht, dass sie ihr Ziel der Preisstabilität mit Nachdruck verfolgt. Der Inflationsausblick bleibt unsicher, wie die volatilen Ölpreise der letzten Wochen und die Energiekomponente der Inflation zeigen. Für die Zentralbank sollte jedoch nicht der Inflationswert eines einzelnen Monats zählen, sondern die Frage, ob sich der Preisdruck erneut verfestigt. Solange sich die Inflationserwartungen nicht bewegen, ist die EZB gut beraten, abzuwarten.»
HEINER HERKENHOFF, HAUPTGESCHÄFTSFÜHRER DES BUNDESVERBANDS DEUTSCHER BANKEN (BDB):
«Der Preisdruck im Euroraum ist zurückgegangen und hat sich dem Inflationsziel der europäischen Notenbank angenähert. Zugleich belasten der erneut aufflackernde Iran-Krieg und der Zollstreit die Wirtschaft. Deshalb ist es richtig, den geldpolitischen Kurs unverändert zu lassen. Dennoch sind die Kapitalmarktzinsen gesunken. Die Finanzierungsbedingungen haben sich stabilisiert. Deshalb ist es sinnvoll, dass die EZB die Wirkung der bisherigen geldpolitischen Entscheidungen abwartet, statt direkt nachzusteuern. Aktuell sehe ich keinen Bedarf für weitere Anpassungen.»
FLORIAN HEIDER, LEIBNIZ-INSTITUT FÜR FINANZMARKTFORSCHUNG (SAFE):
«Angesichts der Sommerpause und der anhaltenden Unsicherheit hat sich die EZB heute nicht zu einer vorschnellen Entscheidung drängen lassen, sondern hält an ihrem abwartenden, datenabhängigen Kurs fest. Doch auch wenn sich die Inflation im Juni abgeschwächt hat, ist das Inflationsziel noch nicht erreicht. Aus heutiger Sicht spricht vieles für eine Zinserhöhung im Herbst. Die Finanzmärkte rechnen bereits weitgehend mit einem solchen Schritt. Mit den neuen Inflations- und Konjunkturdaten nach der Sommerpause wird die EZB besser beurteilen können, ob der aktuelle Kostendruck eine weitere geldpolitische Straffung erforderlich macht.»
FRIEDRICH HEINEMANN, ZEW INSTITUT:
«Weil die Lage im Iran-Krieg so unübersichtlich ist, war es jetzt richtig, abzuwarten. Je länger am Golf die Waffen sprechen, desto wahrscheinlicher ist jedoch eine weitere Zinserhöhung nach der Sommerpause. Hält die Hormus-Blockade an, dann könnten neben den Ölpreisen zum Herbst auch noch die Gaspreise stark steigen. Anhaltende Lieferblockaden würden dann mit den zu niedrigen Füllständen der Gasspeicher in Europa zusammentreffen. Dann wird es bei der Euro-Inflationsrate im Herbst richtig ungemütlich. Kriege sind inflationär, besonders dann, wenn sie die Öl- und Gasversorgung beeinträchtigen.»
ULRICH KATER, CHEFVOLKSWIRT DEKABANK:
«Bei Rohölpreisen von wieder um die 100 US-Dollar werden die kommenden Inflationsraten wieder anziehen. Das kann der EZB nicht gefallen. Es ist gut, dass die Notenbank bereits einen Zinsschritt gemacht hat. Es ist allerdings nicht sinnvoll, jetzt überstürzt die Zinsbremse zu ziehen. Der Ölpreis kann genauso plötzlich auch wieder fallen. Die Preise für andere Güter verhielten sich zuletzt eher moderat. Die EZB wird sich die weitere Inflationsentwicklung über die Sommermonate hinweg anschauen und im September entscheiden, ob die Gefahren für den Geldwert anhalten und ein weiterer Zinsschritt notwendig sein wird.»
(Reuters)

