«Frauen geben seltener mit ihren Trades an»

Niemand kennt die Moden, Macken und Seelen-Malheurs von Börsenhändlern besser als Wall-Street-Psychologin Denise Shull. Auch die Credit Suisse klopfte schon bei ihr an.
22.06.2019 19:10
Interview: Nele Husmann
Denise Shull, Performance-Coach und Inhaberin des Beratungsunternehmens Rethink.
Denise Shull, Performance-Coach und Inhaberin des Beratungsunternehmens Rethink.
Bild: ZVG

In der Serie «Billions» lässt die Psychologin Wendy Rhoades die Händler sich auf die Brust trommeln wie King Kong, wenn sie Selbstzweifel hegen. Machen Sie das auch?

Kann vorkommen, aber sicher nicht jeden Tag. Das ist fürs Fernsehen dramatisiert. Wendy versucht so, den Händler mit seinen inneren Gefühlen zu verbinden, sodass sein früherer Erfolg sich für ihn reell anfühlt. Es geht eben nicht nur um das intellektuelle Verständnis.

«Billions» ist nicht die erste Fernsehsendung mit einer Psychologin in einer zentralen Rolle. Auch «Sopranos» drehte sich um die Besuche eines Mafiabosses bei einer Psychologin. Warum sind die Psychologen in diesen Serien so wichtig?

Sie geben den Hauptdarstellern Menschlichkeit – und ein Vehikel, auszudrücken, was in ihnen vorgeht. Allein die Tatsache, dass eine Psychologin bei einem Hedgefonds arbeitet, ist etwas Besonderes. Jeder denkt, dass Trading und Investieren eine mathematische Wissenschaft sind, wo es um Statistik und Wahrscheinlichkeiten geht. Für Zuschauer ist es überraschend, wie sehr die Gefühlswelt an der Wall Street eine Rolle spielt.

Aktuell machen Sie Schlagzeilen, weil Sie den US-Sender Showtime auf Copyright-Verletzungen verklagen. Sie hatten die Macher der Serie «Billions» kostenlos beraten…

… und dann wurde klar, dass sie die Dialoge aus meinem Buch von 2011 im Drehbuch eins zu eins verwendet haben. Das bot sich geradezu an, denn ich hatte es als fiktionale Geschichte geschrieben.

Immerhin verschafft die Sendung Ihnen Publicity…

Es gibt eine ständige Nachfrage, losgelöst von der Show und der Volatilität am Markt. Diese Woche meldete sich ein bekannter Hedgefonds-Manager, für den 2018 nicht gut lief und der gerade Probleme hat. Da heisst es: Können Sie morgen? Aber durch «Billions» ist tatsächlich die Credit Suisse auf mich aufmerksam geworden.

Worüber referierten Sie in Hongkong?

All unser Tun ist von Gefühlen getrieben. Ein Performance-Problem kriegt man in den Griff, wenn man sich besser mitseinen Gefühlen auseinandersetzt. Das bringt einem niemand bei – oft wird sogar geraten, Gefühle wegzustecken. Selbst Behavioural Finance hilft nicht – sie stellt Gefühle als Überbleibsel aus grauer Vorzeit hin, als wir noch Jäger und Sammler waren. Das lädt erst recht ein, sie ausser Acht zu lassen. Aber Gefühle sind alles andere als irrelevant. Und man kann sie überwinden. Ein Händler, der seine Gefühle als Daten akzeptiert und analysiert, kann die schlechtesten 10 Prozent seiner Trades vermeiden.

Der Druck ist klar: Händler entscheiden über die Milliarden anderer – und haben nichts an den Märkten unter Kontrolle.

Investieren ist ein psychologisches Spiel. Die Ungewissheit und die Zweideutigkeit am Markt machen es viel schwieriger als einen Sport. Beim Fussball kennt man das Ziel des Spiels und es gibt eine begrenzte Zeit. Am Markt nicht: Wenn da der Ball nach hinten rollt, kann es eine Gelegenheit sein oder eine Katastrophe – aber sicher ist man sich nie. Genau das treibt an. Geld zu verdienen ist schön, aber es ist dieses Spiel, das die Leute an der Wall Street fesselt. Es ist das ewige Spiel gegen sich selbst.

Gibt es einen X-Faktor für Erfolg am Markt?

Jeder hält mentale Stabilität für entscheidend. Wichtiger aber ist, das Verhalten anderer richtig vorherzusehen. Wie beim Poker. Wissenschaftlich heisst das Theory of Mind. Ein grossartiger Händler prognostiziert korrekt, wie andere Marktteilnehmer auf eine Nachricht reagieren, und positioniert sich entsprechend. Dieselbe ultimativ menschliche Fähigkeit hilft uns, andere auf der Strasse nicht anzurempeln. Meist läuft das unbewusst.

Sie arbeiteten selbst als Traderin in Chicago. Ist das wichtig für Ihre Arbeit?

Händlerin gewesen zu sein, gibt mir Glaubwürdigkeit. Mein Verständnis stammt aus eigener Erfahrung. Im Studium der Neuropsychoanalyse in Chicago verstand ich, wie Emotionen in jede Entscheidung einfliessen. Man glaubt zwar, sachlich und logisch zu entscheiden – aber das ist nicht der Fall. Alle kognitiven Entscheidungen basieren auf Selbstvertrauen.

Was ist ein typisches Problem, mit dem ein Trader bei Ihnen anruft?

Mein Lieblingsfall ist, dass ein Händler ein Tief durchmacht und nicht weiss, warum. Egal, ob es zwei Monate oder zwei Jahre her ist, dass er zuletzt Geld verdient hat – dieser Fall ist einfach zu lösen. Man muss zum Anfang des Problems zurückgehen. Es ist wichtig, sich nur darauf zu konzentrieren: All die schlechten Trades der vergangenen neun Jahre sind Reaktion auf diesen ersten schlechten Trade. Der Händler wurde wütend auf sich und seine Entscheidung. Vielleicht verspürte er sogar den Ruf, auszusteigen, hörte aber nicht darauf. Zunächst zerfleischt sich der Händler, dann versucht er, den Vorfall zu vergessen und weiterzumachen. Aber das funktioniert nicht. Der Zweifel nagt von innen. Menschen, die jahrelang am Markt Erfolge feierten, haben plötzlich Angst, es verlernt zu haben. Ihr Unterbewusstsein steht ihnen im Weg.

Und das wirkt sich aufs Handeln aus?

Sie handeln zaghaft, ängstlich. Sie trauen sich nicht, eine Position aufzubauen, und steigen zu spät ein. Innerlich gehen sie jedes Mal zum Szenario zurück, das diese Situation ausgelöst hat. Einer meiner Klienten steckte für zehn Jahre in diesem Loch. Er hatte einen exzellenten Ruf, deshalb gelang es ihm, ein paarmal zwischen Banken und Hedgefonds zu wechseln. Als er seinen vierten Job antrat, rief er mich an. Wir konnten das ziemlich schnell auflösen, als wir uns mit dem ursprünglichen Auslöser beschäftigten. Ihm wurde klar, dass er alles noch ganz genauso fühlte wie damals. Ist das erst offen ausgedrückt, kann er sich durch diese Gefühle hindurcharbeiten und muss sie nicht beim Traden ausleben.

Es reicht, sich dieser Gefühle bewusst zu werden?

Der Erfolg hängt eng damit zusammen, die Gefühle sehr exakt und detailliert in Worte zu fassen. Ist es Nervosität oder Zweifel oder Panik? In der Fachwelt heisst das Gefühlsdifferenzierung. Sie stärkt die Wahrnehmung und reduziert die Wahrscheinlichkeit, das Gefühl auf eine andere Situation zu übertragen.

Sie reden dann eine Stunde lang über ein spezielles Gefühl?

Oder länger. Vor kurzem arbeitete ich mit einem Chief Investment Officer, der die Tendenz hatte, aus lauter Sturheit Positionen zu lange zu halten. Das hatte mit seinem Bedürfnis zu tun, recht zu behalten. Dieses rührte aus seiner Kindheit; er war als jüngstes Kind mit mehreren älteren Geschwistern aufgewachsen. Ich wollte, dass er sich mit dem Gefühl beschäftigt, das ihn ergreift, wenn er falsch liegt. Und er sagte, keine Ahnung. Dann sagte ich, okay, am Samstag wird deine Frau dich zum Haushaltseinrichter Home Depot schicken, um etwas zu kaufen. Da wird es einen Stau und viel Gedränge geben, viele Dinge wirst du nicht finden können. Was fühlst du da – Wut wahrscheinlich? Und er verstand. Wenn jemand das Gefühl nicht finden kann, gebe ich ihm Aufgaben aus dem echten Leben. Sie mögen einen Doktortitel in Mathe haben, aber sie haben auch Gefühle.

Ein Performance-Problem kann so weit in die Kindheit zurückreichen?

Ich habe eine Häufung von Klienten, die das jüngste Kind sind. Jeder will schlau sein und recht behalten. Gerade die Jüngsten haben dieses Bedürfnis ausgeprägt. Bei einem Kunden war ich im Büro, als sein älterer Bruder reinkam – beide sind heute über vierzig. Und ich bat ihn, mir zu verraten, wie hart er früher mit meinem Kunden umgesprungen war. Und richtig, er hatte ihn immer wieder in die Mangel genommen. Als Letztgeborener kann man nicht jahrzehntelang überlegen sein; vielmehr haben die älteren Geschwister einen Vorsprung. Das führt beim Jüngsten zum übergrossen Bedürfnis, sich zu bestätigen.

Gibt es auch das gegenteilige Problem: dass man fremden Überzeugungen mehr vertraut als seinen eigenen Ideen?

Einer meiner Klienten hat dieses Problem – auch er ist das jüngste Kind. Denn auf der anderen Seite des Spektrums liegt mangelndes Selbstvertrauen. Die Ideen der Freunde erscheinen überzeugender. Doch es ist problematisch, die Tradesanderer Leute nachzumachen. Stammt die Idee von jemand anderem, hat man weder die Überzeugung noch das Gefühl für den Markt. Oft hat man die beste Phase ohnehin verpasst, weil man später aufgesprungen ist.

Eine weitere Angst von Händlern ist FOMO: Fear of missing out – die Angst, etwas zu verpassen.

Diese Angst ist am Markt sehr verbreitet. In jeder einzelnen Entscheidung, die man trifft, steckt die Angst, etwas zu verpassen. Man sieht einen Trend, hat die Preisbewegung schon verpasst – und steigt dennoch ein, aus Angst, etwas zu verpassen.

Manchmal funktioniert eine Trading-Strategie nicht mehr – wie aktuell das Value-Investieren. Wie verwechselt man das nicht mit einer persönlichen Krise?

Ich spreche mit den Kunden ausgiebig über ihre Sicht auf den Markt – aber ultimativ kann ich nicht für sie entscheiden. Es ist eine Kunst, zu erkennen, dass das eigene Spiel gerade nicht gespielt wird. Ich war ein Momentum-Trader. Zwischen 1994 und 1999 lief das blendend. Aber dann funktionierte es nicht mehr. Man muss die Persönlichkeit und den Rhythmus des Marktes verstehen, um Erfolg zu haben.

Die Hedgefonds-Industrie setzt auf quantitative Methoden, wo Algorithmen die Trades vollautomatisch bestimmen. Da sollte das menschliche Element komplett wegfallen …

Selbst die Gestaltung der Algorithmen unterliegt dem menschlichen Urteil. Die Entwickler wählen einen Wert für die implizite Volatilität und andere Ermessensfragen. Und dann muss man entscheiden, welchen Algorithmus man einsetzt – und wann man es tut.

Lassen Sie uns über den Hedgefonds-Manager Bill Ackman sprechen mit seiner grossen Herbalife-Wette, mit der er so spektakulär und so öffentlich scheiterte. Wie erholt man sich von so etwas?

Jemand hat mir sogar Bill Ackmans Handy-Nummer gegeben und geraten, ich sollte ihn mal anrufen. Das würde ich nie tun. Oft hat man Angst, aus Positionen mit tiefroten Zahlen auszusteigen und den Verlust hinzunehmen, mit der Hoffnung, am Ende gehe die Investmentidee doch noch auf. Das nennt man Fear of Future Regret oder vorweggenommene Reue. Dieses Gefühl lässt Menschen an verlustreichen Positionen festhalten, um diese mögliche Peinlichkeit zu vermeiden. Bill Ackman habe ich nie getroffen, aber mich würde sehr wundern, wenn ihn dieses Gefühl nicht beherrscht hätte.

Wenigstens kennt Ackman die euphorischen Zeiten, als seine Wetten aufgingen.

Die Krux ist das Timing des Ausstiegs. Realisiert man die Gewinne und die Aktie steigt weiter, fühlt man sich schlecht. Steigt man nicht aus und es gibt einen Einbruch, fühlt man sich erst recht elend.

Sie beraten auch die Snowboarderin Lindsey Jacobellis, der 2006 der Olympiasieg sicher war. Im Rennen machte sie einen Trick, stürzte und verlor. Dieser Patzer klebt seit Jahren an ihr und sorgte für weitere Stürze.

Sie steckte in einem ganz ähnlichen Tief wie manche Händler. In ihr spielte sich immer wieder ab, was 2006 passiert war. Aber jetzt hat sie das Problem gemeistert. Das Olympiagold verpasste sie 2018 nur knapp.

Sie konstatierten bei ihr Übermut?

Gefühle kommen in Schichten. Offensichtlich war sie 19 und feierte eine Minute zu früh. Aber tiefer lief auch die Rebellion eines Teenagers ab, der sich definieren wollte jenseits der erstklassigen Athletin, die ihre Familie und ihr Coach in ihr sahen. Ich half ihr, das zu durchschauen. Andere probieren Drogen aus oder hängen ihr Studium an den Nagel, um ihren Eltern klarzumachen, dass sie nicht diejenigen sind, die sie in ihnen sehen wollen. Aber all die Jahre hatte sie sich darüber geärgert und sich schuldig gefühlt. Erst als ihr diese unterbewusste Rebellion klar wurde, konnte sie sich verzeihen.

Haben Sie an der Wall Street auch weibliche Kunden?

Keine 5 Prozent. Es gibt sehr wenige Frauen an der Wall Street. Gemäss Studien verhalten sich Frauen am Markt anders und gehen verhaltener mit Risiko um. Frauen lassen sich mit Sicherheit weniger mitreissen, wenn ein Kollege eine Aktie kauft. Und sie geben weniger oft mit ihren Trades an. Männer vergleichen sich mehr, auch in ihrer Performance, während Frauen einen guten Job machen wollen.

Zum Schluss: Haben Sie eine Statistik, um wie viel sich ein Händler dank ihrer Beratung im Schnitt verbessert?

Nein. Viele meiner Kunden bestätigen aber, dass die Veränderung dramatisch ist. Es hilft, sich zu fragen, was man fühlt und warum. Und zu verstehen, welche Gefühle irrelevant sind und welche wichtig.

Denise Shull, 59 Jahre alt, arbeitet als Performance-Coach hauptsächlich mit Händlern von der Wall Street. 2011 erschien ihr Buch «Market Mind Games». Sie studierte Neuropsychologie an der University of Chicago. Zwischen 1994 und 1999 handelte sie Futures an der Chicago Mercantile Exchange. Seit 2003 berät sie mit ihrem Unternehmen Rethink Händler. Seit 2016 berät sie auch Sportler und Pokerspieler. Shull diente als Inspiration für den Charakter der Psychologin Wendy Rhoades in der TV-Serie «Billions».

Dieses Interview erschien zuerst im Magazin «Millionär», das von der Handelszeitung und cash.ch herausgegeben wird.

 

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