Gefährliche Gehirnentzündung - Roche-Medikament Ocrevus gerät in die Kritik

Erst vor wenigen Wochen brachte Roche das MS-Medikament Ocrevus auf den Markt. Jetzt räumt der Pharmakonzern ein, dass ein Patient an der Gehirnentzündung PML erkrankt sei. Analysten geben jedoch Entwarnung.
26.05.2017 11:22
Von Lorenz Burkhalter
Ocrevus gilt beim Pharmakonzern Roche als wichtiger zukünftiger Wachstumstreiber.
Ocrevus gilt beim Pharmakonzern Roche als wichtiger zukünftiger Wachstumstreiber.
Bild: cash

Erst wenige Wochen ist es her, dass die Firmenvertreter von Roche am Hauptsitz in Basel Zufriedenheit herrschte: Der Pharma- und Diagnostikkonzern erhielt von der US-Gesundheitsbehörde FDA die Marktzulassung für Ocrevus gegen Multiple Sklerose (MS), und das etliche Monate früher als ursprünglich erwartet.

Doch nun gerät das vielversprechende Präparat in die Negativschlagzeilen. Wie bekannt wurde, ist ein mit Ocrevus behandelter Patient in Deutschland an PML erkrankt. Gerade im Bereich der das Immunsystem unterdrückenden Medikamente ist diese gefährliche Entzündung des Gehirns keine Seltenheit. Dennoch ist der vorliegende Fall der erste bei Ocrevus und das erst noch kurz nach Marktzulassung.

Die Anleger reagieren bisweisen gelassen. An der Schweizer Börse SIX kletterte der Roche-Genussschein vorübergehend gar auf 268,20 Franken. Zur Stunde gewinnt er noch 0,1 Prozent auf 267,40 Franken.

Der für die britische HSBC tätige Analyst warnt seine Kundschaft denn auch davor, nach einem einzigen Fall von PML in Panik zu verfallen. Er weist in einem Kommentar darauf hin, dass der betroffene Patient zuvor mit dem Konkurrenzmedikament Tysabri von Biogen Idec Idec behandelt worden sei. Bei Tysabri sind in den letzten Jahren immer mal wieder PML-Erkrankungen aufgetreten.

Erkrankter Patient mit Vorgeschichte

Allerdings räumt der Autor des Kommentars ein, dass Ocrevus von Roche noch nicht lange auf dem Markt ist und der Fall von PML der Kursentwicklung von Roche nicht förderlich sei. Er empfiehlt den Genussschein deshalb weiterhin mit "Reduce" und einem Kursziel von 230 Franken zum Verkauf. Davon leitet sich ein Rückschlagspotenzial von gut 14 Prozent ab.

Auch der Berufskollege von Goldman Sachs rechnet nicht mit materiellen Folgen für das kommerzielle Potenzial des MS-Medikaments. Er verweist ebenfalls auf die aussergewöhnlichen Umstände des betroffenen Patienten, sprich, die vorangegangene Behandlung mit dem Konkurrenzpräparat Tysabri während drei Jahren. Seinen Berechnungen zufolge liessen sich bis Anfang März dieses Jahres 714 Fälle von PML in Verbindung mit Tysabri bringen.

Bloss ein "Sturm im Wasserglas"?

Der Analyst zeigt sich zuversichtlich, dass der bisweilen erfolgreiche Verkaufsstart von Ocrevus vielversprechend bleibt. Bis in drei Jahren traut er dem Präparat einen Jahresumsatz von knapp 4,6 Milliarden Franken zu. Das entspricht rund 7 Prozent des dannzumaligen Jahresumsatzes. Der Roche-Genussschein wird bei Goldman Sachs wie bis anhin mit einem 12-Monats-Kursziel von 335 Franken auf der "Conviction Buy List" geführt.

Im hiesigen Handel wird der Rückschlag von Roche mit dem Krebsmedikament Tecentriq angesprochen, legten die Basler erst vor wenigen Wochen enttäuschende Studienergebnisse bei der Behandlung von Blasenkrebs vor. Ein weiterer produktseitiger Rückschlag könne sich das Unternehmen im Hinblick auf die bevorstehenden Patentabläufe bei langjährigen Präparaten wie Herceptin oder Rituxan kaum leisten, so heisst es. Es gibt allerdings auch Beobachter, welche den PML-Fall bloss als ein "Sturm im Wasserglas" bezeichnen.