Geplatzte Hochzeiten - gut oder schlecht?

Die Unternehmenswelt ist heiss auf Übernahmen und Fusionen. Manchmal platzen die Pläne aber, wie der Fall Zurich und RSA zeigt. Aber was bedeuteten diese Situationen eigentlich für die Anleger? cash analysiert Beispiele.
22.09.2015 00:01
Von Marc Forster
Es klappt nicht immer bei Firmenhochzeiten.
Es klappt nicht immer bei Firmenhochzeiten.
Bild: iNg

Der Zurich-Plan, für 8,2 Milliarden Franken den britischen Konkurrenten Royal & Sun Alliance (RSA) zu kaufen, hat die Märkte nicht begeistert. Der grösste Schweizer Versicherer hätte für durchaus wichtige Marktanteilsgewinne sehr viel Kapital eingesetzt. Nachdem Zurich nun zugeben hat, dass es im angestammten Geschäft Probleme zu bereinigen gibt, erscheint der RSA-Deal wie eine schlechte Idee.

Das Übernahmefieber ist in den vergangenen Jahren gestiegen, weil die Unternehmen an Grösse glauben und sie für ihr Kapital wenig Alternativen sehen. Zugleich werden Übernahmen auch schwieriger: Konkurrenz, hohe Preise, komplexe Strukturen, regulatorische Hürden und nicht zuletzt störrische Aktionäre machen den Fusions-Managern manchmal einen Strich durch die Rechnung.

Dass die Ausgangslage für den Anleger aber von Fall zu Fall anders aussieht, zeigen folgende Beispiele:

Syngenta und Monsanto: Im Mai, als Syngenta ein Übernahmegebot des US-Konzerns Monsanto ablehnte, blitzten bei den Anlegern in der Hoffnung auf höhere Angebote die Dollar-Zeichen auf und der Kurs schnellte in die Höhe. Von 310 Franken stieg der Preis der Aktie bis auf 435 Franken. Der Agrochemiekonzern Syngenta und Konkurrent Monsanto haben sich über den Sommer nach einigem Hin und Her aber nicht gefunden.

Monsanto hat das Werben mit dem 46-Milliarden-Dollar-Angebot Ende August offiziell aufgegeben. Der Kurs sackte quasi auf die Ausgangslage zurück. Das alles zeigt: Wer nach den Übernahme-News zukauft, muss die Lage genau verfolgen, und blitzschnell bereit sein, zu verkaufen, wenn er der Sache nicht traut. Oder dann, wenn der Kurs gefallen ist, zukaufen. Seit Ende August ist die Syngenta-Aktie ja wieder auf 332 Franken gestiegen.

Fazit: Geplatzte Fusionen nützen vor allem jenen, die geschickt zu- und verkauft haben.

Sika und St. Gobain: Bei Sika passierte genau das Umgekehrte wie bei Syngenta. Die Übernahme durch den französischen Weltkonzern St. Gobain durch den Verkauf verbleibender Familien-Aktien wurde als Drohung wahrgenommen. Der Absturz im Dezember, als die Absichten bekannt wurden, betrug 30 Prozent des Kurses. Die Sika-Aktie hat sich seitdem nicht erholt, und der Abwehrkampf der Sika-Führung gegen die Gründerfamilie Burkard und St. Gobain ist inzwischen um einige Kapitel reicher geworden.

Unabhängig ist Sika das interessantere und wohl erfolgreiche Unternehmen, als wenn das geschichtsträchtige Haus Teil eines anderen Konzerns wäre. Nicht nur der Sika-Verwaltungsrat, der im Kampf gegen St. Gobain gar für eine Amtsperiode auf das Salär verzichtet, sieht dies so. Wird ein Übernahmekampf hässlich, und zieht er sich in die Länge, lastet dies oft wie ein Klotz am Bein eines Konzerns. Sika ist das beste Beispiel: Operativ ist die Industriegruppe Weltklasse, und daher müsste der Kurs eigentlich besser sein als die aktuellen 3100 Franken.

Fazit: Das Scheitern einer Übernahme ist wünschenswert, wenn der Deal viele Nachteile hat.

Vontobel und Meriten: Der Vermögensverwalter Vontobel trachtete nach dem deutschen Fondsanbieter Meriten Investment Management, eine Tochter der US-Grossbank BNY Mellon. Anfang April schnappte aber das französische Finanzhaus Oddo Vontobel die Beute weg.

Das ist ärgerlich für Vontobel, aber für die Zürcher Bank, die erklärtermassen durch Zukäufe wachsen will, hat sich der Rückschlag zumindest an der Börse nicht ausgewirkt. Im Vergleich zu Anfang April liegt der Kurs der Aktie um ein Viertel höher. Vontobel schaute einfach weiter: Dieses Jahr hat sich die Bank bereits den Anleihen-Spezialisten Twentyfour Asset Management in Grossbritannien einverleibt, und Anfang September mit dem Kauf der italienischen Bank Finter den Ausbau im italienischen Privatkunden-Markt vorangetrieben. Der Fall von Vontobel zeigt, dass geplatzte Hochzeiten das Fest nicht verderben - solange es woanders neue Allianzen zu schmieden gibt.

Fazit: Solange es Alternativen gibt, lässt sich eine geplatzte Hochzeit verschmerzen.

Actelion und Shire: In der Pharmabranche herrscht Fusionsfieber. Berichte vom Sommer, dass die britische Shire an Actelion interessiert sei, überraschten daher nicht. Shire war angeblich bereit, 160 Franken pro Aktie hinzublättern: Das wäre ein gehöriger Aufschlag. Die Aktionäre hätten sicher nichts gegen eine Prämie: Als die Pläne bekannt wurden, sprang die Aktie um 10 Prozent auf 144 Franken (aktueller Kurs: 135 Franken). Würden sich die Gerüchte eines Tages verdichten, wäre ein neuerlicher Kursanstieg wahrscheinlich.

Wie ernst diese Gerüchte waren, ist aber fraglich. Klar ist, dass ein erfolgreicher Medikamente-Entwickler wie Actelion immer die Aufmerksamkeit von übernahme-willigen Konkurrenten und Branchennachbarn auf sich zieht. Im "Normalmodus" wird bei der Actelion-Aktie das altbekannte Lied gespielt: Ein hocherfolgreiches Unternehmen, das mit dem Bluthochdruck-Mittel Tracleer und dessen Nachfolger Opsumit Blockbuster produziert. Der Kurs ist seit Mitte 2011 hauptsächlich gestiegen. Die Kehrseite: Actelion muss mittlerweile sehr hohe Erwartungen erfüllen. Neue Übernahmegerüchte wären vielleicht sogar willkommen, wenn man beachtet, dass der Kurs seit vergangenem Juli um fast 10 Prozent nachgegeben hat.

Fazit: Sich anbahnende Fusionen sind gut für den Kurs, an den Gerüchten muss aber etwas dran sein.