Global Competitiveness Report 2019 des WEF - «Wir haben global ein verlorenes Jahrzehnt hinter uns»

Die Schweiz rutscht auch im diesjährigen WEF-Ranking der wettbewerbsfähigsten Länder um einen Platz ab. WEF-Ökonom Roberto Crotti erklärt im cash-Interview, wo die Schweiz Nachholbedarf hat.
09.10.2019 01:01
Von Henning Hölder, Genf
Roberto Crotti, WEF-Ökonom und Mitverfasser des Global Competitiveness Report 2019.
Bild: cash

Der diesjährige Global Competitiveness Report (GCR) des World Economic Forums (WEF) steht ganz im Zeichen der vierten industriellen Revolution und den Herausforderungen, die mit ihr einhergehen. Die sogenannte Industrie 4.0 beschreibt im weitesten Sinne die umfassende Digitalisierung der Produktion, sprich den zunehmenden Einsatz vernetzter, digitaler Technologien.

Der Report untersucht die Wachstumschancen von 141 Ländern anhand von 103 Indikatoren, unterteilt in 12 Kategorien. Er soll Aufschluss geben über die Produktivität der jeweiligen Volkswirtschaften sowie deren Potenzial für langfristiges Wachstum. Zu den harten Fakten: Vom obersten Podestplatz grüsst dieses Jahr Singapur (+1), das die USA (-1) von der Poleposition verdrängte und auf Platz zwei verweist. Auf Platz drei steht Hong Kong (+4) vor den Niederlanden (+2) und der Schweiz (-1).

Schweiz mit Stärken – und einzelnen Schwächen

Die Schweiz rutscht damit um einen Platz ab, steht insgesamt aber dennoch solide da. "Die Schweiz hat eine der wettbewerbsfähigsten Volkswirtschaften", sagt Roberto Crotti, WEF-Ökonom und Pratice Leader des Global Competitiveness Report im cash-Interview. Positiv sei vor allem das gut entwickelte Finanzsystem, eine innovative Wirtschaft und die gute Infrastruktur. Zudem bewege man sich in einem stabilen makroökonomischen Kontext, so Crotti.

Und doch gibt es Herausforderungen: "Beim offenen Handel hat die Schweiz in einigen Sektoren noch Nachholbedarf", moniert Crotti. So sei die Effizienz des Gütermarktes verbesserungswürdig. Ausserdem habe die Schweiz vergleichsweise hohe administrative Hürden, wenn es um die Gründung neuer Firmen geht. "Und was, wenn Firmen neue Ideen umsetzen wollen und dafür vielleicht auch Risiken eingehen müssen?" Auch hier nehme die Schweiz laut Crotti keine Spitzenposition ein.

Für Crotti wird künftig die Ausbildung von Arbeitskräften auf die neuen Bedürfnisse der sogenannten Industrie 4.0. entscheidend sein. Hier stellt der WEF-Report weltweit grossen Nachholbedarf fest. Als Treiber der vierten industriellen Revolution werden folgende Faktoren definiert: Investition in Humankapital, Umgang mit neuen Technologien und die Möglichkeit eines dynamischen Unternehmertums, heisst Unternehmen müssen agil sein und neue Ideen und Technologien schnell adaptieren können. Das wird zukünftig über hop oder top entscheiden.

Das «verlorene Jahrzehnt»

Die USA hat seine Spitzenposition an Singapur verloren und dabei im Scoring einen deutlicheren Punkteverlust als die anderen industriestatten hinnehmen müssen. "Die USA haben im Vergleich zum Vorjahr vor allem bei der Qualifikation seiner Arbeitskräfte schlechter abgeschnitten", sagt Crotti. Zudem sei schlage sich auch der Handelskrieg in dem Ranking-Abstieg nieder. So gerate die Marktoffenheit der USA zunehmend unter Druck, was der Industrie Sorgenfalte bereite, so Crotti. Das zeige auch eine Umfrage unter US-Führungskräften. Trotzdem: Insgesamt ist die USA noch immer ein "innovatives Powerhouse", wie es im Report steht.

Was sind die wichtigsten Baustellen? Der Report hält fest, dass es die Politik in den letzten zehn Jahren weltweit verpasst hat, das einmalige wirtschaftliche Umfeld von tiefen Zinsen bei gleichzeitig solider Konjunktur zu nutzen, um zukunftsweisende Investitionen zu tätigen. Die WEF-Ökonomen sprechen diesbezüglich von einem "verlorenen Jahrzehnt". Hätten die geldpolitischen Massnahmen anfangs noch geholfen, sei das Pulver jetzt verschossen. Nun sei die Politik mit finanzpolitischen Massnahmen am Zug. Investitionen seien vor allem in Infrastruktur, Forschung und Humankapital nötig.