Hedgefonds-Traumjobs schwinden angesichts neuer Realitäten

Automatisierter Handel, ein weltweiter Datenüberschuss und passive Investments machen viele Händler und Analysten weniger einflussreich.
15.12.2018 06:03
An der Wallstreet weht für viele Angestellte ein härterer Wind.
An der Wallstreet weht für viele Angestellte ein härterer Wind.
Bild: Bloomberg

Nach 30 Jahren im Finanzsektor ist der Traum von David Goldburg Makulatur. Sein Lebenslauf war gut. Goldman Sachs Eigenhandelsbereich, Vermögensverwaltung bei Michael Milken. Er versuchte, seinen eigenen Hedgefonds zu gründen. Der Zeitpunkt war schlecht gewählt. Es hat nicht funktioniert.

Er konnte keinen neuen Job bekommen. Er setzte auf sein Netzwerk. Traf sich mit Headhuntern. Im Ergebnis war für ihn klar, dass seine Optionen schwanden. Mit 55 Jahren war er zu teuer. Hedgefonds, von denen viele Federn lassen mussten, konnten zwei oder drei Neulinge für den Preis von einem Goldburg anheuern. Leute aus seiner Altersgruppe, sogenannte Graybeards, haben sogar einen Namen für den Prozess geschaffen: "juniorfication", was in etwa mit "Wir setzten auf Jüngere" wiedergegeben werden kann.

"Es ist ziemlich brutal da draußen", sagte Goldburg, der schließlich einen Job außerhalb der Hedgefonds-Branche fand. "Wenn Sie mehr als 15 Jahre Erfahrung haben und waondershin wechseln möchten oder die nächste Chance nutzen möchten, ist der Zeitpunkt nie schlechter gewesen."

Mit Gegenwind konfrontiert

Aber auch erst 30 Jahre alte Analysten sehen sich in einer sich wandelnden Wall Street einem "Gegenwind" ausgesetzt. Automatisierter Handel, ein weltweiter Datenüberschuss und passive Investments haben die Stock Picker weniger einflussreich gemacht. Die Gebühren für Hedgefonds sind gesunken, weshalb Analysten zum Ziel von Kürzungen werden. Europäische Vorschriften haben Analysten arbeitslos gemacht. Und in einem 10-jährigen Bullenmarkt, der von den Niedrigzinsen und den Anleihekäufen der Federal Reserve angeschoben wurde, kosten Erkenntnisse, die über "in Schwächephasen kaufen" hinausgehen, zu viel.

Das miserable Umfeld für Hedgefondsanalysten spiegelt die gedämpfenden Aussichten für Hedgefonds wider. In den letzten drei Jahren haben laut Hedge Fund Research weltweit fast 400 mehr Hedgefonds geschlossen als neue eröffnet wurden.

Das bedeutet, dass nicht nur mehr Personen auf der Suche nach Arbeit sind, sondern dass es wenig oder keine Bewegung bei den bestehenden Positionen gibt. Ältere Analysten, die in den vergangenen Jahren ihr eigenen Fonds aufgelegt hätten, gehen nirgendwohin, daher stagniert das ganze Gebilde.

Die überlebenden sogenannten Single-Manager-Firmen, selbst die, die Dutzende von Milliarden verwalten, werden schlanker geführt, sagt Ilana Weinstein, Gründerin und Chief Executive Officer der IDW Group, einem Personalvermittler für Hedgefonds. „Wenn wir über das Analystensterben nachdenken, dann müssen wir meiner Meinung nach eine Stufe höher gehen und über das Sterben der meisten Hedgefonds sprechen”, sagte Weinstein.

Erst Anfang Dezember hat Dmitry Balyasny die Zahl der Mitarbeiter in seiner gleichnamigen Firma um 125 Personen oder etwa ein Fünftel reduziert, wie mit der Angelegenheit vertraute Personen berichten.

Nur wenige Analysten befinden sich in einer ernsten Notlage. Viele der erfahrenen Analysten verdienten oder verdienen noch immer einen mittleren bis hohen sechsstelligen Betrag, mit viel Potenzial nach oben in einem guten Jahr. Aber viele sehen sich auch mit etwas Schlimmerem konfrontiert - die Panik, die sie ergreift, wenn sie realisieren, dass sie ihre Karriereziele nie erreichen werden. Sie werden möglicherweise niemals Partner werden oder eine eigene Firma gründen. Sie stecken fest.

"Alle fühlen sich schlecht und alle versuchen, es auszureizen", sagte Goldburg. „Jeder will bessere Chancen und den besseren Job, aber das gibt es nicht. Und niemand möchte seinen bestehenden Job verlassen, denn sie könnten keinen anderen Job bekommen. ”

Analysten müssen sich auch im Offshore-Wettbewerb behaupten. Das Softwareunternehmen Linedata Services hat 35 ehemalige Sell-Side-Analysten, die von Mumbai aus arbeiten und die helfen 14 Kunden, hauptsächlich Hedge-Fonds, zu unterstützen.

Schrumpfende Aktiva

"Sie haben Leute entlassen, weil ihre Aktiva schrumpften", sagte Jonathan Shapiro, ein leitender Direktor von Linedata. "Wir bieten ihnen jemanden der ebenso qualifiziert ist und bereit ist, diese Arbeit für einen Bruchteil der Kosten zu erledigen."

Welche Möglichkeiten gibt es noch? Große Multi-Manager-Plattformen wie Citadel stellen Dutzende von Mitarbeitern ein (und entlassen ebenso viele). Mit den MiFID-II-Finanzvorschriften in Europa wachsen auch Boutique-Research-Unternehmen. Und einige Analysten verweisen auf eine andere Option: Ihren Job, eine Branche zu analysieren, aufzugeben, um tatsächlich in die Branche einzusteigen.

Quentin Koh, ein ehemaliger Analyst bei einem Makrofonds, beobachtete, wie Daten- und Informatiker die fundamentalen Analysten immer mehr ablösten. Jetzt macht er etwas dagegen. Mit 30 Jahren hat er die Flexibilität, die viele seiner älteren Kollegen nicht haben, und sah eine Chance, seine Karriere auf einen lukrativeren Weg zu lenken. Anfang dieses Jahres gab er seinen Job auf, um Codieren zu lernen.

Inzwischen bieten einige größere Gesellschaften gefragte Programme zur Ausbildung junger Analysten für Investmentmanager-Positionen. GLG Partners der Man-Gruppe hat zum Beispiel ein zweijähriges Programm, das die Portfoliomanager der Zukunft ausbildet.

"Wir sterben, wenn wir nicht die nächste Generation ausbilden", sagte Pierre Henri Flamand, der Chief Investment Officer der Gesellschaft.

Kreativ werden

Nach zwei Jahren ohne Einkommen wurde Goldburg kreativ. Er ist jetzt Partner bei Merida Capital Partners in Manhattan, wo er die Gewinner in der Marihuana-Branche herauspickt. Es ist ein Risiko, aber es ist eine sinnvolle Arbeit, die sich lohnt.

"Bevor ich Cannabis gefunden habe, war es sehr deprimierend", sagte Goldburg. „Diese Chance ist unter Wachstums- und Verdienstaspekten viel interessanter und aufregender. Wenn man die richtigen Namen aussucht, wird es große Marken und große Unternehmen geben, die die Pfizers und Mercks in 15 Jahren sein werden. ”

(Bloomberg)