Immer mehr greifen zu Lebenslauf-Lügen

Hier ein bisschen geschummelt, da ein wenig nachgeholfen: Die Verschönerung des Lebenslaufs mit falschen Angaben hat auch in der Schweiz Hochkonjunktur.
04.11.2013 10:00
Von Pascal Meisser
Lebenslauf: Lügen haben hier oft kurze Beine.

Erst kürzlich stolperte in Zürich Dr. Jürgen Müller über eine Schummelei in seinem Lebenslauf. Der Informatikdirektor des Zürcher Universitätsspitals musste abtreten und seinen Doktortitel niederlegen, nachdem bekannt wurde, dass er sich seinen Abschluss bei einer amerikanischen Schwindel-Universität besorgt hatte.

Zu seinem Verhängnis wurde ein einziger Buchstabe. Sein Abschluss wollte er angeblich an der renommierten UC Berkeley gemacht haben. Die kalifornische Talentschmiede gehört zu den besten Hochschulen weltweit, 22 Nobelpreisträger haben auf ihrem Campus geforscht. Tatsächlich hatte er sein Diplom an der UC Berkley erworben. An entscheidender Stelle fehlte also ein "e".

Immer mehr Schummeleien

Der Fall Müller ist bei weitem kein Einzelfall. Immer mehr Schummeleien dieser Art werden von so genannten Backgroundchecks aufgedeckt, den externe Informationsrecherchebüros anbieten. Seit cash vor zwei Jahren erstmals über diese Machenschaften von Bewerbern berichtete, hat sich der Trend zum Schummeln deutlich verstärkt. Immer mehr Firmen lassen die Lebensläufe ihrer Bewerber genau unter die Lupe nehmen. Denn längst nicht alle nehmen es mit der Wahrheit so genau.

Eine der Firmen, die solche solche Lebenslauf-Plausibilitätsüberprüfungen anbietet, ist Millwisch & Arato aus Zürich. "Wir erhalten immer mehr Anfragen zu Background-Checks", sagt Claude Arato auf Anfrage von cash. Auftraggeber sind in der Regel die rekrutierenden HR-Abteilungen. Aber auch Headhunter lassen ihre Topkandidaten immer öfters extern prüfen.

Seit sieben Jahren sucht der ehemalige Mitarbeiter einer Recruiting-Firma zusammen mit seinem Geschäftspartner Michael Millwisch nach verborgen gebliebenen Informationen, die Aufschluss über Unsauberkeiten in Lebensläufen geben. Als Detektive oder gar Schnüffler, die im grauen Bereich tätig sind, sehen sie sich aber nicht. "Wir benützen ausschliesslich öffentlich zugängliche Quellen", sagt Arato.

Anonymisierte reale Beispiele

Wie notwendig solche Kontrollen sind, zeigen drei weitere reale Beispiele, die hier in anonymisierter Weise wiedergegeben werden:

Fall 1: R.S., ein leitender IT-Sicherheitsexperte soll innerhalb eines Finanzdienstleistungskonzerns befördert werden. Aus seinem Lebenslauf und den spärlich gehaltenen Profilen auf LinkedIn und Xing geht hervor, dass er Mitte der 90-er Jahre einen FH-Abschluss erlangt hat. Das Studium will er an einer Fachhochschule in der Deutschschweiz absolviert haben. Der Haken aber: Am entsprechenden Ort gibt es keine Fachhochschule, sondern einzig eine Technikerschule, wo Absolventen einen HF-Abschluss erlangen. R.S. hat also flugs einen HF- in einen FH-Abschluss umgewandelt.

Fall 2: Die 28-jährige V.K. arbeitet laut CV seit 2010 als Assistentin im Private Banking einer grösseren Bank. Ihr Lebenslauf ist absolut korrekt verfasst. Widersprüchlich ist aber ihre Angabe in ihrem LinkedIn-Profil. Dort gibt sich V.K. als "Relationship Manager" aus.  Eine Praxis, die auf dem Zürcher Bankenplatz offenbar weit verbreitet ist. Um Karrierechancen vermeintlich zu optimieren, Kunden zu beeindrucken - oder vielleicht  aus purer Eitelkeit - wird die Funktion in den Business-Netzwerken erhöht präsentiert.

Fall 3: Das Geschäftsleitungsmitglied G.M., ein gebürtiger Italiener, führt seit einem Jahr einen Doktortitel. Er tritt bei Kongressen auf, wird im Geschäftsbericht zitiert – stets als Dr. G.M. Erst seine Bewerbung für einen Verwaltungsrats-Posten lässt ihn auffliegen. Das Problem war: Der Betroffene hatte bloss ein Masterstudium absolviert, das ihn in Italien zum Tragen des Titels "Laurea di Dottore" berechtigt. Dies entspricht aber nicht den Anforderungen, um sich in der Schweiz als "Dr." zu bezeichnen. 

Die zunehmende Nachfrage nach zusätzlichen Überprüfungen von Lebensläufen hat auch mit der Internationalisierung des Arbeitsmarkts zu tun. Dies führt dazu, dass Personalverantwortliche immer mehr mit teilweise unbekannten Bildungsabschlüssen zu tun haben. Zudem gibt es – wie im eingangs erwähnten Beispiel – immer mehr Schein-Hochschulen, die keine Lehrgänge anbieten, sondern einzig Diplome für teures Geld verkaufen. Bei der UC Berkley kostet ein Abschluss 3985 Dollar. Recherchebüros wie Millwisch & Arato wird die Arbeit wohl nicht so schnell ausgehen.