Impfstoff-Entwicklung - Pharmafirmen vor Mammutaufgabe bei Corona-Impfstoff

Auf dem Weg zum Impfstoff gibt es noch einige Hürden zu überwinden. Ein Problem ist unter anderem die fast zeitgleiche Produktion für Weltbevölkerung. Doch auch die Kühlkette könnte zu einem Knackpunkt werden.
29.06.2020 19:22
Analyse von Blutproben auf Covid-19 in einem Labor in Malaga, Spanien.
Analyse von Blutproben auf Covid-19 in einem Labor in Malaga, Spanien.
Bild: imago images / ZUMA Wire

Weltweit forscht die Pharmaindustrie mit Hochdruck an einem Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus. Die Entwicklung in Rekordzeit ist bereits schwierig - genügend Impfstoffdosen herzustellen, dürfte allerdings das noch grössere Kunststück werden.

Der Weg dorthin birgt viele Hürden: Vom Einsatz von Experten inmitten weltweiter Reisebeschränkungen über die Bewältigung extremer Lagerbedingungen bis hin zur Produktion von Fläschchen und Spritzen für Milliarden von Einheiten. Jedes Problem in der Lieferkette, die sich von Pune in Indien bis nach Baltimore in den USA erstrecken könnte, droht den komplexen Prozess zu torpedieren oder zu verzögern.

Normalerweise haben Unternehmen Jahre Zeit, um sich darauf vorzubereiten. «Nun sprechen wir von Wochen», sagt Nelson Michael, Direktor des Zentrums für die Forschung an Infektionskrankheiten der US-Armee. Er arbeitet an einem Projekt der Regierung, um bis Januar einen Impfstoff in grossem Massstab zu liefern.

Erste Impfstoffstudie gestartet

Während sich das öffentliche Interesse gegenwärtig vor allem auf den Wettlauf um die Entwicklung eines solchen Mittels richtet, sehen sich Experten hinten den Kulissen mit dem Problem konfrontiert, dass es möglicherweise nicht genügend Kapazitäten gibt, um Milliarden von Dosen fast zeitgleich herzustellen, zu verpacken und zu verteilen.

«Das ist die grösste logistische Herausforderung, vor der die Welt jemals stand», sagt der Ingenieur- und Technologieexperte Toby Peters von der Universität Birmingham. Im Raum stehe immerhin die Impfung von 60 Prozent der Bevölkerung. Mehrere Arzneimittelhersteller - darunter der US-Biotechkonzern Moderna, der im März die erste Impfstoffstudie in den USA startete - experimentieren mit neuen Methoden, um die extremen Anforderungen an die Kühlung ihrer Impfstoffe zu verringern.

Die US-Firma SiO2 Materials Science arbeitet an der Herstellung von Impfstoff-Fläschchen aus Kunststoff, die selbst bei extrem kalten Temperaturen nicht zersplittern. «Sie können sie gegen die Wand werfen und sie zerbrechen nicht. Unser Gründer hat das getan. Er hat gefrorene Fläschchen auf mich geworfen», sagt SiO2-Vorstandsmitglied Lawrence Ganti.

Lagerung bei Minus 80 Grad

SiO2 will seine Produktion binnen dreieinhalb Monaten von derzeit bis zu zehn Millionen Fläschchen pro Jahr auf 120 Millionen steigern. Insbesondere die Impfstoffe auf Basis der so genannten Boten-RNA(mRNA), an denen Moderna oder auch die deutschen Unternehmen BionTech und CureVac forschen, müssen sehr kalt gelagert werden. «Leute, die mit mRNA arbeiten, lagern diese bei minus 80 Grad Celsius, das werden sie in den meisten Apotheken oder Arztpraxen nicht finden», sagt der Wissenschaftler Paul Offit vom Kinderkrankenhaus in Philadelphia, einer der Erfinder des Rotavirus-Impfstoffs.

Unterbrechungen in der Kühlkette sind schon jetzt in ärmeren Regionen in Afrika und Asien ein Problem. In einigen Gegenden sei es üblich, dass ein Viertel oder mehr der Impfstoffe wegen unterbrochener Kühlketten verderbe, erklärt Experte Peters.

Moderna hofft, seinen Impfstoff in den kommenden Monaten temperaturstabiler zu bekommen: «Wir sind zunehmend zuversichtlich, dass wir unsere Lieferkette bei minus 20 Grad Celsius betreiben können.» Das Unternehmen strebt an, dass der Impfstoff über einen kurzen Zeitraum auch bei normalen Kühlschranktemperaturen in Arztpraxen oder Kliniken gelagert werden kann.

Kapazitäten werden bereits hochgefahren

Wissenschaftler hoffen, durch grosse klinische Studien mit bis zu 30.000 Freiwilligen pro Impfstoff bereits bis Oktober Aufschluss darüber zu erhalten, ob es einen wirksamen Impfstoff gibt.

Es sei aber unwahrscheinlich, dass man direkt in einen Zustand übergehe, in dem es genügend Dosen für alle gebe, warnt Seth Berkley von dem Impfstoffallianz GAVI. Er gehe davon aus, dass man im ersten Jahr ein bis zwei Milliarden Impfdosen weltweit verteilen könne. Die Hersteller fahren bereits ihre Kapazitäten hoch, ohne zu wissen, ob ihr Produkt überhaupt wirksam ist.

So hat etwa der US-Konzern Johnson&Johnson eine ein Milliarden Dollar schwere Partnerschaft mit der US-Regierung geschlossen, um die Entwicklung und Produktion seines Mittels zu beschleunigen.

«Niemals zuvor wurden so viele Impfstoff gleichzeitig entwickelt - so dass keine Kapazität vorhanden ist», urteilt Paul Stoffels, wissenschaftlicher Leiter von J&J. Der Konzern bekommt aber auch die weltweiten Reisebeschränkungen und Quarantänebestimmungen zu spüren: «Wenn Sie Ihre Leute mitten nach Indien schicken müssen, ist das im Moment wirklich nicht einfach.»

(Reuters)