Indiens Zentralbank hat erstmals seit fast vier Jahren die Zinsen erhöht. Sie hob den geldpolitischen Schlüsselsatz am Mittwoch um einen Viertelpunkt auf 5,5 Prozent an. Die Reserve Bank of India (RBI) reagierte damit auf die zunehmende Inflation in einem Umfeld starken Wirtschaftswachstums. Sie signalisiert zudem weitere Zinsschritte. Denn die Notenbank verabschiedet sich von ihrer bislang als neutral eingestuften geldpolitischen Haltung, mit der die Wirtschaft weder angeschoben noch gehemmt wurde. Sie schaltet nun auf einen Straffungsmodus um, mit dem die Konjunktur dosiert gebremst werden kann. Zentralbankchef Sanjay Malhotra betonte jedoch, dass Ausmass und Zeitpunkt weiterer Erhöhungen von der tatsächlichen Entwicklung der Inflation und des Wachstums abhingen.
Indien schliesst sich mit dem Zinsschritt anderen grossen Zentralbanken wie der US-Notenbank oder der Europäischen Zentralbank (EZB) an, die sich mit einer strafferen Geldpolitik gegen die im Zuge des Iran-Krieges angeheizte Inflation stemmen. In Indien kommt hinzu, dass schwache Monsunregen in Verbindung mit dem Wetterphänomen El Niño über teurere Lebenmittel den Preisdruck in der drittgrössten Volkswirtschaft Asiens nach China und Japan zusätzlich verschärft haben.
Inflation auf dem Vormarsch
Laut Notenbankchef Malhotra gibt es Anzeichen für eine Ausweitung des Preisdrucks: «Es ist offensichtlich, dass die Inflation und die Inflationsaussichten nicht mehr so günstig sind wie im vergangenen Jahr», betonte er. Die Inflation (CPI) stieg im August auf 4,8 Prozent und lag damit den dritten Monat in Folge über dem mittelfristigen Ziel der Zentralbank von vier Prozent. Höhere Preise für Kraftstoffe und Lebensmittel wirken sich dabei zunehmend auf die gesamte Wirtschaft aus. «Es wird erwartet, dass die Gesamtinflation in den kommenden drei Quartalen im Durchschnitt bei fast 5,8 Prozent liegen wird», sagte Malhotra. In diesem Umfeld sei eine Neuausrichtung des Leitzinses unerlässlich.
«Wir erwarten in den kommenden Monaten weitere Zinserhöhungen im Umfang von 50 bis 75 Basispunkten», sagte Sakshi Gupta, Ökonomin bei der HDFC Bank. Bei einem andauernden Iran-Konflikt und weiterhin hohen Ölpreisen könnte das Inflationsrisiko aus ihrer Sicht weiter steigen und einen aggressiveren Straffungszyklus erforderlich machen.
(Reuters)

