Industrieriese im Übergangsjahr - ABB vertröstet die Aktionäre - die Aktie taucht

So uneinheitlich das Schlussquartal von ABB, so unterschiedlich sind die Analystenstimmen. Dasselbe gilt für die Aussage, wonach 2017 ein Übergangsjahr wird. Die Aktie fällt Gewinnmitnahmen zum Opfer.
08.02.2017 12:45
Von Lorenz Burkhalter
Vertröstet die Aktionäre aufs nächste Jahr: ABB-CEO Ulrich Spiesshofer.
Vertröstet die Aktionäre aufs nächste Jahr: ABB-CEO Ulrich Spiesshofer.
Bild: cash

Die zuletzt bei ABB eingegangenen Grossaufträge hatten es erahnen lassen: Das Schlussquartal steht beim Industriekonzern aus Zürich für eine spürbare Verbesserung der Auftragssituation, was in Expertenkreisen auch entsprechend begrüsst wird.

Was die Gewinnentwicklung anbetrifft, so weiss der vorliegende Zahlenkranz allerdings etwas weniger zu überzeugen. Trotz einer günstigeren Vergleichsbasis aus dem Vorjahr und wenig ambitionierter Analystenerwartungen werden letztere teilweise verfehlt. Und als ob das nicht schon genug wäre, bezeichnet das Unternehmen das Jahr 2017 als ein Übergangsjahr.

Das kommt zwar nicht überraschend, setzt der schon seit Tagen schwächeren ABB-Aktie an der Schweizer Börse SIX dennoch zu. Nachdem sie im frühen Handel auf 22,60 Franken zurückgefallen war, verliert die Aktie zur Stunde noch 2,4 Prozent auf 22,76 Franken. Beobachtern zufolge werden die Gewinnmitnahmen zusehends absorbiert.

Begrüsst wird in Expertenkreisen er solide Umsatz- und Gewinnbeitrag aus dem Stromübertragungsgeschäft. Der strategische Entscheid, an diesem Geschäftszweig festzuhalten sei rückblickend richtig gewesen, so lautet der Tenor. In den Divisionen Electrification Products und Discrete Power Automation & Motion bleibt die Margenentwicklung hingegen hinter den Erwartungen zurück.

Wie in einer ersten Stellungnahme der Zürcher Kantonalbank nachzulesen ist, entspricht die Geschäftsentwicklung im Schlussquartal zu weiten Teilen den bankeigenen Erwartungen. Beim Auftragseingang sei die Dynamik von Grossaufträgen im Strominfrastrukturgeschäft getrieben gewesen, so der Autor. Den etwas tiefer als erwartet ausgefallenen Reingewinn begründet er mit höheren Garantie- sowie mit Pensionskosten. Der Experte hält am "Marktgewichten" lautenden Anlageurteil für die Aktie fest.

Schlussquartal von einmaligen Kosten belastet

Der für Morgan Stanley tätige Berufskollege gewinnt dem Zahlenkranz sogar positive Aspekte ab. Seines Erachtens dürfte die Auftragsentwicklung die Talsohle im Schlussquartal durchschritten haben. Deshalb und aufgrund der in der Vergangenheit eingeleiteten Kosteneinsparmassnahmen rechnet er auf Stufe des operativen Gewinns (EBITA) in Zukunft sogar mit Überraschungen. Er empfiehlt die Aktie wie bis anhin mit "Overweight" und einem Kursziel von 24,60 Franken zum Kauf.

Schon seit Stunden liefern sich Anleger einen Schlagabtausch in der ABB-Aktie; Quelle: www.cash.ch

Auch der Experte von Barclays macht einmalige Kosten für die verfehlten Gewinnerwartungen verantwortlich. Er verweist in diesem Zusammenhang auf einen grösseren Zahlungsausfall sowie auf Währungsverluste in Ägypten. An den margenseitigen Fortschritten beim Sorgenkind Power Grids findet man bei der britischen Grossbank hingegen sichtlich Gefallen. Aufgrund der besseren Auftragslage erhofft sich der Experte im weiteren Jahresverlauf eine Margenbelebung. Die Aktie wird mit "Overweight" und einem Kursziel von 26 Franken eingestuft.

Solche einmaligen Kosten ausgeklammert, deckt sich das Schlussquartal dem Vontobel-Analysten zufolge weitestgehend mit den Erwartungen. Das Unternehmen selber schlage sich operativ sehr gut, habe aber an mehreren Fronten mit Problemen zu kämpfen. ABB habe aber bewiesen, zu strikter Kostendisziplin in der Lage zu sein, so lässt er seine Kundschaft wissen. 

Den Aktionären wird Geduld abverlangt

Wie sein Berufskollege von der UBS Investmentbank schreibt, rechnet er auf Basis des vorliegenden Zahlenkranzes nur mit geringen Schätzungsanpassungen. Dennoch schliesst er nach der starken Kursentwicklung der vergangenen Wochen und Monaten nicht aus, dass die von ihm mit "Neutral" und einem 12-Monats-Kursziel von 21,50 Franken eingestufte ABB-Aktie Gewinnmitnahmen zum Opfer fallen könnte.

Für Gesprächsstoff sorgt nicht zuletzt auch der von Vorsicht geprägte Ausblick für 2017. Dass ABB das laufende Jahr als ein Übergangsjahr bezeichnet, ist allerdings nicht neu. Entsprechende Andeutungen machten in den vergangenen Wochen und Monaten schon Konzernchef Ulrich Spiesshofer an einer Investorenkonferenz und Verwaltungsratspräsident Peter Voser in der hiesigen Wochenendpresse. Bei der ZKB wird der Begriff "Übergangsjahr" deshalb als wenig überraschend bezeichnet. Der für Jefferies tätige Analyst macht die enttäuschenden Basisaufträge im Schlussquartal für den vorsichtigen Ausblick verantwortlich.

Erste Analysten mit Kurszielerhöhungen

Von den Konsensschätzungen für 2017 lässt sich Beobachtern zufolge schon heute auf einen leichten Umsatzrückgang schliessen. Aufgrund der geplanten Kosteneinsparmassnahmen wird zumindest aber bei der Gewinnentwicklung im Jahresvergleich mit Verbesserungen gerechnet.

Während das Aktien-Research von Standard & Poor's das 12-Monats-Kursziel für die zum Verkauf empfohlene ABB-Aktie auf 21 (alt: 19) Franken erhöht, nimmt man das Kursziel von 21,50 Franken bei der Bank Vontobel in Revision. Die traditionsreiche Zürcher Bank bekräftigt dabei das "Hold" lautende Anlageurteil. Wie es im hiesigen Berufshandel heisst, dürften weitere Kurszielerhöhungen folgen.