Die Inflation ist im Oktober auf 1,5 Prozent gestiegen, im September lag sie noch bei 1,0 Prozent. Somit liegt sie über den Erwartungen von Ökonomen, die laut einer AWP-Umfrage mit Werten zwischen 1,1 und 1,4 Prozent gerechnet haben. Das sagen Experten dazu.

Renato Flückiger, Chief Investment Officer, Valiant Bank:

«Die Inflationsüberraschung ist ein Warnsignal, aber noch kein Zinserhöhungsbefehl. Für die SNB wird das Zuwarten weniger komfortabel. 

Wir halten vorerst an einem unveränderten Leitzins von 0 Prozent fest. Das Risiko eines früheren Zinsschritts ist mit den heutigen Zahlen allerdings gestiegen. Wir bleiben bei unserer Erwartung des ersten Zinsschritts auf 0,25 Prozent im März 2027, gefolgt von einem weiteren Schritt auf 0,5 Prozent ab der Jahresmitte 2027.

Der Franken gewinnt als Inflationsbremse wieder an Bedeutung. Eine moderate Aufwertung dürfte der SNB inzwischen willkommener sein als eine weitere Abschwächung.

Höhere Zinsen machen Öl nicht billiger. Sie können aber verhindern, dass sich der Energiepreisschock über Wechselkurs, Löhne und Preise dauerhaft in der Wirtschaft festsetzt. Die Inflationsüberraschung verschärft die Lohnrunde 2027. Für die SNB wird es dann kritisch, wenn aus teurerer Energie über Löhne und Preise eine dauerhaft höhere Binneninflation entsteht.»

Jurus Arthur, Chief Investment Officer Private Wealth Management Oddo BHF:

«Dieser Anstieg bedeutet nicht, dass sich der Inflationsdruck auf breiter Front verstärkt. Die Konsumentenpreise erhöhten sich gegenüber dem Vormonat um 0,2 Prozent, während die Kerninflation im Jahresvergleich unverändert bei lediglich 0,5 Prozent blieb. Diese Entwicklung ist entscheidend: Der Preisanstieg wird hauptsächlich durch Energie und nicht durch eine Überhitzung der Schweizer Wirtschaft verursacht.

Für die Schweizer Haushalte zeigt sich die höhere Inflation vor allem bei den Energiekosten, was unmittelbar vor dem Winter besonders belastend ist. Heizöl kostet inzwischen 81,4 Prozent mehr als vor einem Jahr, während die Preise für Benzin und Diesel um 26,5 Prozent beziehungsweise 36,9 Prozent gestiegen sind. Besonders betroffen sind Haushalte, die mit Heizöl heizen, sowie Personen, die im Alltag auf ihr Auto angewiesen sind.

Der Inflationsdruck kommt hauptsächlich aus dem Ausland, während die inländischen Preise vergleichsweise stabil bleiben. Die Preise importierter Waren und Dienstleistungen stiegen im Jahresvergleich um 3,7 Prozent, nach 2,1 Prozent im September. Bei den inländischen Produkten betrug der Anstieg dagegen lediglich 0,8 Prozent. Diese Entwicklung verdeutlicht, wie stark die Schweiz von den internationalen Energiepreisen und den Wechselkursbewegungen des Schweizer Frankens abhängig ist.

Für die Schweizerische Nationalbank liegt das eigentliche Risiko nicht im aktuellen Inflationsniveau, sondern in einer möglichen Ausbreitung des Preisdrucks auf die gesamte Wirtschaft. Mit 1,5 Prozent liegt die Inflation weiterhin innerhalb des von der SNB definierten Preisstabilitätsbereichs von 0 bis 2 Prozent, während die Kerninflation keine Anzeichen einer Beschleunigung zeigt. Eine Zinserhöhung würde die globalen Ölpreise nicht unmittelbar senken und könnte die inländische Nachfrage unnötig schwächen, obwohl von ihr derzeit kaum Inflationsdruck ausgeht. Die SNB muss jedoch aufmerksam verfolgen, ob höhere Energiekosten zunehmend auf Transportpreise, Güterpreise und Inflationserwartungen übertragen werden.»

GianLuigi Mandruzzato, Ökonom EFG International:

«Die Inflation in der Schweiz ist im Oktober erneut gestiegen, was auf ähnliche Faktoren wie im übrigen Europa zurückzuführen ist, insbesondere auf die Energiepreise. Obwohl die Kerninflation mit 0,5 Prozent und die inländische Preisinflation mit 0,8 Prozent weiterhin tief sind, unterstreicht der unerwartet starke Anstieg der Gesamtinflation auf 1,5 Prozent das Risiko für die Preisstabilität in der Schweiz, wie sie von der SNB definiert wird. Die Option einer moderaten Anhebung des Leitzinses würde auch durch die Anzeichen für ein anhaltend starkes Wirtschaftswachstum gestützt.»

Dr. Reto Cueni, Chefökonom Syz Gruppe:

«Die höher als erwartete Inflation für Oktober lässt sich wie schon im August vor allem auf die erneut überraschend hoch ausgefallenen Preissteigerungen der Erdölprodukte zurückführen, die sich ebenfalls in den Preisen im Transportsektor niederschlugen. Von den fünf Kategorien mit den stärksten Beiträgen zur Preissteigerung im Oktober stammen mit Benzin, Heizöl und Diesel drei aus dem Energiebereich.

Die heimisch bedeutende Teuerung der Dienstleistungspreise ist aber im Jahresvergleich von 1,0 Prozent im September auf 1,2 Prozent im Oktober weiter angestiegen, was nun bereits über der Mitte des Zielbandes von 0 bis 2 Prozent der Schweizerischen Nationalbank liegt. Betrachtet man aber die Preissteigerungen der Dienstleistungen im Vergleich zum Vormonat, so sind diese im Oktober, wie schon im September, mit minus 0,2 Prozent negativ ausgefallen.

Dies dürfte die SNB vorläufig beruhigen und deutet nicht auf eine Beschleunigung der Preisentwicklung hin. Ich sehe daher kaum Anlass dazu, dass die SNB bereits im Dezember den aktuellen Leitzins ändern würde. Die Kernteuerung ohne Energie und saisonale Nahrungsmittel bleibt mit 0,5 Prozent im Jahresvergleich tief. Wir bleiben bei unserer Prognose, dass die SNB im ersten Quartal des neuen Jahres den Leitzins anheben dürfte – auch wenn das Risiko von weiter steigenden Energiepreisen und früheren Zweitrundeneffekten die Chance etwas erhöht, dass die SNB bereits früher aktiv werden könnte.»

Thomas Gitzel, Chefökonom VP Bank:

«Die Wahrscheinlichkeit für eine Zinsanhebung der SNB im Dezember nimmt zu. Zwar können sich die Währungshüter bei ihren Analysen noch darauf stützen, dass unter Herausrechnung der Energie- und Nahrungsmittelpreise kein nennenswerter Preisauftrieb zu verzeichnen ist, doch auch in der Schweiz wächst das Risiko von Zweitrundeneffekten. Und unter diesem Blickwinkel ist durchaus Handlungsbedarf angesagt. Bleibt eine Zinsanhebung im Dezember aus, dürfte eine geldpolitische Straffung im März des kommenden Jahres so gut wie gesetzt sein.»

(cash)