Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute sind zuversichtlicher für die Konjunktur in Deutschland. ⁠Sie erhöhten ihre Wachstumsprognose für das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in diesem Jahr auf 1,3 Prozent und auf 1,1 Prozent für 2027, wie ‌die Nachrichtenagentur Reuters am Dienstag von Personen erfuhr, die mit dem ‌gemeinsamen Herbstgutachten der Institute vertraut sind. Es trägt ​den Namen «Aufschwung mit Strukturproblemen - Finanzpolitik auf Abwegen.» Im April hatten die Ökonomen und Regierungsberater noch damit gerechnet, dass das BIP 2026 nur um 0,6 Prozent steigt und im nächsten Jahr um 0,9 Prozent zulegt. Zuerst hatte das «Handelsblatt» über die höhere Prognose berichtet.

Die Fachwelt blickt vor allem ‌auf das Jahr 2028. Denn dann dürften einige Sondereffekte durch die staatlichen Mehrausgaben abebben. Viele Ökonomen fürchten, dass das Sondervermögen nur zu einem konjunkturellen Strohfeuer führt, sollten nachhaltige Reformen ausbleiben. Die Institute erwarten Insidern ​zufolge für 2028 nur ein deutlich geringeres Wirtschaftswachstum von 0,4 Prozent. Dies wäre ​nur wenig mehr als das Wachstumspotenzial, das sich in ​den vergangenen Jahren spürbar verringert hat.

Ökonomen sehen Bedarf an Strukturreformen

Der wachsende Optimismus der Fachleute kommt nicht überraschend. Denn die ‌einzelnen Institute hatten Anfang September ihre jeweiligen Konjunkturschätzungen bereits spürbar erhöht, was sich nun auch in der Gemeinschaftsdiagnose niederschlägt. Die Fachleute führen das stärkere Wachstum darauf zurück, dass die staatlichen Mehrausgaben für Verteidigung und Infrastruktur ​zunehmend ​für Impulse sorgen. Zudem seien die Auswirkungen geopolitischer ⁠Krisen wie des Iran-Kriegs nicht so stark wie anfangs befürchtet.

Wegen ​der schwierigen Wettbewerbssituation der ⁠Wirtschaft und des Standorts Deutschland im internationalen Konkurrenzkampf sehen die Ökonomen deutlichen Reformbedarf für die Bundesregierung. Wichtig sei, ‌dass die Koalition nach den jüngsten Wahlschlappen nicht nachlasse. Die Institute hatten bereits in der Vergangenheit den Tankrabatt kritisiert und eher für direkte Hilfen für einkommensschwächere Menschen ‌plädiert - statt für teure Massnahmen per Giesskannenprinzip.

Die Prognose wird im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums ​vom Ifo München, dem DIW Berlin, dem RWI Essen, dem IfW Kiel und dem IWH Halle erstellt. Die Ökonominnen und Ökonomen stellen ihre Analyse am Donnerstag in Berlin vor.

(Reuters)